Rafael Jové: Luthers Lebensräume. Eine Reise ins Reformationsgedenken (RBB Kulturradio)

Mach’s noch einmal, dieses Feature

Zum derzeit laufenden Reformationsjahr, das anlässlich des 500. Jubiläums der Thesenanschläge von Martin Luther begangen wird, gibt es selbstredend eine ganze Reihe von thematisch entsprechend ausgerichteten Sendungen auch im Radio. Beim Feature „Luthers Lebensräume. Eine Reise ins Reformationsgedenken“ handelt es sich um einen solchen speziell auf das Medium Hörfunk ausgerichteten Beitrag. Rafael Jové, der 1977 in Hamburg geborene Autor dieses Features, ist den meisten Hörspiel-Aficionados wahrscheinlich durch sein Stück „Das Radio ist nicht Sibirien“ bekannt, eine sehr gelungene Medienpersiflage auf das Formatradio, die an der Bauhaus-Universität Weimar entstanden ist und im Mai 2012 im österreichischen Programm Ö1 zu hören war (vgl. FK-Heft Nr. 21-22/12).

Mit einer Meta-Ebene wartet auch „Luthers Lebensräume“ auf. Denn der Auftrag, den Jové vom RBB, dem federführenden Sender bei dieser Koproduktion mit dem NDR, erhalten hatte, lautete nicht bloß, sich auf die Spuren Luthers zu begeben und dessen Wirkungsstätten zu besuchen, sondern er lautete: „Folgen Sie diesen Männern!“ Mit „diesen Männern“ waren Martin Luther und Horst Krüger gemeint. Krüger war 1983 zum 500. Geburtstag Luthers für das im Auftrag des RBB-Vorgängersenders SFB entstandene Feature „Luthers Lebensräume. Eine Reise in die Reformation“ in die DDR gereist. Jovés Mission lautete nun also, der historischen Person Luthers nachzuspüren, indem er ein bestehendes Feature quasi als Reenactment noch einmal ‘performt’. Und das ist sowohl unterhaltsamer als auch aufschlussreicher, als es zunächst vielleicht scheinen mag. Entstanden ist ein Zeitdokument mit nicht zu unterschätzendem ‘Fun Factor’.

Das zugrunde liegende Feature von Horst Krüger wird in seiner Gestaltungsweise zwar als anachronistisch bezeichnet; allerdings wird dieses Aus-der-Zeit-gefallen-Sein von Rafael Jové keineswegs hämisch belächelt, sondern eher gefeiert. Er integriert die Vorlage in sein Feature, nicht zuletzt auch durch die gekonnte Präsentation von Ausschnitten aus Krügers Arbeit, sei es roh oder mit Beats unterlegt. Und gerade die Beats lassen die angenehme und überzeugende Stimmenperformance Krügers besonders gut zur Geltung kommen.

Vor allen Dingen aber sind die Orte, an denen Rafael Jové bei seiner Reise Station macht, dieselben wie die, die vor mehr als 30 Jahren Horst Krüger besuchte. Zum Beispiel der Erfurter Dom, vor dem Jové eine Wurst verzehrt und dabei nicht bedrückende Gedanken an Hetzparolen verdrängen kann, die der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke vor diesem Dom verbreitete, wobei engagierte Kirchenvertreter für eine Verdunklung des Sakralbaus gesorgt hatten. Oder die Wartburg bei Eisenach, die Krüger als aus der Ferne am schönsten beschreibt. Und darin kann ihm Jové nur zustimmen. Wo Krüger bei seinem Besuch aber noch feststellen musste, dass auf der Wartburg „gold-glänzender deutsch-nationaler Kitsch“ zur Schau gestellt wurde, fällt Jovés Urteil deutlich milder und wohlwollender aus.

Eisleben, dem Geburts- und Todesort Luthers, stattet Jové ebenfalls einen Besuch ab und er hat dort den erfreulichsten Aufenthalt: Ein älterer Passant erklärt ihm, dass die Lutherstatue restauriert worden sei und die Enthüllung erst noch bevorstehe. Jové unterhält sich auf der Straße mit Kindern, die neugierig auf seine Radioutensilien sind, ihm angesichts seines Handys aber empfehlen, doch an der Verlosung eines nagelneuen Smartphones bei irgendeinem YouTuber teilzunehmen. Und auf dem Weg in die örtliche „Lutherstube“ trifft der Autor noch auf eine freundliche und gesprächige Reisegruppe. Im Vergleich dazu empfindet er die so berühmte Lutherstadt Wittenberg am Tag seines Besuchs als nicht ganz so lebendig und spricht ins Mikro: „Ich will wieder zurück nach Eisleben!“

Insgesamt zeichnet sich Rafael Jovés Feature durch eine dem Nationalismus kritisch gegenüberstehende Haltung aus und ähnelt in dieser Hinsicht seiner Vorlage. Die Intention von Jovés Arbeit ist letztlich nicht, die Reformation selbst näher zu beleuchten, sondern es ist tatsächlich, wie es im Untertitel aufscheint, eine „Reise ins Reformationsgedenken“. Das Testurteil der Reise im Herbst 2016 fällt recht positiv aus, denn, so der Autor, die jeweiligen Gedenkstätten würden – obgleich sie es mit dem Merchandising manchmal etwas weit trieben – an gegebener Stelle durchaus auch kritisch auf Luther eingehen. Das Fazit zu diesem knapp einstündigen Feature fällt rundum positiv aus: Es war unbedingt hörenswert. 10.3.17 – Rafik Will/MK

14.03.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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