Peter Kaiser: Yoga im System. 3‑teilige Feature‑Reihe (WDR 5)

Kaleidoskopartiges Gewusel

07.07.2017 • Yoga erlebt zur Zeit einen Boom und einen gesellschaftlichen Durchbruch. Überall schießen Yoga-Studios wie Pilze aus dem Boden. Es gibt eine steigende Zahl von Betrieben, die zwecks Stressreduktion und Effizienzsteigerung Yoga-Stunden in den wöchentlichen Arbeitsablauf einbauen. Auch Handlungsträger in Filmen und Serien, die Yoga-Übungen vollführen, müssen heute keineswegs mehr extravagante Freaks sein. Wenig überraschend, dass sich im Zuge der Yoga-Hochkonjunktur nun auch ein Radiofeature diesem Thema gewidmet hat. So wurde Ende Mai und Anfang Juni auf dem Sendeplatz der sonntäglichen Feature-Reihe „WDR 5 Tiefenblick“ die dreiteilige, insgesamt anderthalbstündige Hörfunkarbeit „Yoga im System“ von Peter Kaiser ausgestrahlt; die Regie führte Claudia Johanna Leist.

Der Haupttitel „Yoga im System“ sorgt mit den Titeln der einzelnen Teile („Yoga unterm Hakenkreuz“, „Yoga in der DDR“, „Yoga im Hier und Jetzt“) unter Umständen für eine gewisse Erwartungshaltung. Man rechnet hier als Hörer womöglich, zumindest in den ersten beiden Teilen, mit einer Analyse, inwieweit die aus Indien stammende Lehre und ihr ideologischer Überbau von den Nazis und von den DDR-Kadern vereinnahmt oder bekämpft wurde. Allerdings gibt es solche Analysen nicht.

Im ersten Teil der Reihe wird dieser Mangel am deutlichsten. Hier steht vorwiegend SS-Reichsführer Heinrich Himmler im Fokus. Grund hierfür ist dessen Begeisterung für die Bhagavadgita, einen auf Sanskrit verfassten, für den Hinduismus und die Yoga-Lehre wichtigen Text. Die Verknüpfung zwischen Nationalsozialismus und Yoga findet in „Yoga unterm Hakenkreuz“ beinahe ausschließlich über die Person Himmler statt. Dieser erhoffte sich durch die wörtliche Auslegung bestimmter Textpassagen, folgt man der Darstellung des Features, so etwas wie spirituelle Absolution für seine Taten und sah wohl in der SS eine Ähnlichkeit zur indischen „Kshatriya“-Kriegerkaste. In einer Seitengeschichte wird von Felix Kersten, Himmlers Leibmasseur, berichtet. Kersten behandelte Himmler regelmäßig und bekam von seinem Patienten Übersetzungen altindischer Texte zu lesen. Dieser Aspekt erhält noch eine Wendung, als von der Rettung vieler Tausend Juden vor dem Holocaust durch Kerstens Einflussnahme auf Himmler berichtet wird.

Im zweiten Teil „Yoga in der DDR“ erfährt man, dass Yoga zu Beginn der DDR von offizieller Seite als Okkultismus verboten, ab den 1970er Jahren langsam als Privatvergnügen geduldet und kurz vor dem Mauerfall sogar wegen der körperlichen Ertüchtigungskomponente ganz gern gesehen war. Ansonsten gibt es das Übliche: Interviews mit Yoga-Autodidakten aus der frühen DDR, eine gute Prise Ostalgie und Schilderungen haarsträubender Borniertheit der Behörden. Ein roter Faden lässt sich in diesem kaleidoskopartigen Gewusel kaum ausmachen.

Der dritte Teil „Yoga im Hier und Jetzt“ dokumentiert unterschiedliche neue und alte Stile, die es auf dem heutigen Yoga-Markt gibt. Einordnungen fehlen auch hier weitestgehend, nur einmal scheint kurz das Themenfeld Selbstoptimierung als Erklärungsversuch für den Yoga-Boom auf; im Übrigen beschränkt sich die Kritik auf die zunehmende Kommerzialisierung, die eine immer weitere Entfernung vom ‘echten’ , ursprünglichen Yoga bedeute. Einen Schlenker gibt es noch, warum auch immer, hin zu „Tensegrity“, einer Körperübungstechnik des 1998 verstorbenen US-Gurus Carlos Castañeda, die dieser für recht hohe Gebühren an Seminarteilnehmer vermittelte (auch heute noch werden „Tensegrity“-Kurse angeboten).

Die Feature-Reihe „Yoga im System“ hinterlässt eine Reihe offener Fragen. Wie ist Yoga philosophiehistorisch zu kontextualisieren? Welche Parallelen zeigt Yoga zu heute ebenfalls global vertretenen, ursprünglich traditionellen sportlichen Betätigungen wie Tai Chi? Und welche Rolle spielt der Exportschlager Yoga heute in Indien, unter der hindunationalistischen Regierung von Premierminister Narendra Modi? Wenigstens ein paar dieser Fragen hätte das Feature versuchen können zu beantworten. Bei dem oberflächlichen statt vertiefen Blick, der auf das Thema geworfen wird, bleibt das aber aus – der Fluch des Infotainments.

07.07.2017 – Rafik Will/MK