Noam Brusilovsky: Broken German. Nach dem gleichnamigen Roman von Tomer Gardi (SWR 2)

Pidgin-Slang mit Schreibfehlern

12.09.2017 • Zur Auszeichnung mit dem Bachmann-Preis reichte es für den exzentrischen Sprach- und Worthäcksler Tomer Gardi 2016 beim Klagenfurter Wettbewerb noch nicht. Gelungen ist ihm aber mit seinem fulminanten Vorleseritual aus „Broken German“ der Durchbruch im deutschen Feuilleton, und er hat sich dann auch sehr rasch in allerlei Talk- und Diskussionsrunden heimisch gemacht. Das allein zählt zunächst und hat den israelisch-jüdischen Schriftsteller mit Wohnsitz in Berlin im Literaturverlag Droschl bereits die zweite Auflage seines ungekrönten Bestsellers beschert. Das Buch, der Roman, der Bericht, die Confessio auf schlanken 140 Druckseiten (sperrig und erratisch bar jeder verschulten Grammatik, entblößt semantischer Traditionen, nur kahl-orthografisches Regelwerk) – dieses Werk will zunächst vor allem provozieren und die traditionelle Literaturkritik aus den Angeln heben, denn hier wird so etwas wie Pidgin German gesprochen, gestammelt und geschrieben, das den geduldigen und belastbaren Leser zur Voraussetzung hat.

Und deshalb war seinerzeit auch die Klagenfurter Jury alles in allem eher tastend und vorsichtig und sprach zurückhaltend von „babylonischer Sprachverwirrung“ (Hubert Winkels), von „liebenswürdiger, charmanter Boshaftigkeit“ (Juri Steiner) oder meinte: „Da ist die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts drin, ein extrem politischer Text“ (Klaus Kastberger). Nur kein vorschnelles Urteil über den nonkonformistischen Erzähler, der radebrechend, witzig, auch mal gossenhaft über Mutter und Kind berichtet, von zwei vertauschten Koffern am Flughafen und dem kriminalistischen Versteckspiel im Jüdischen Museum in Berlin. Der rasante, hingeworfene Bericht mit vielen klugen Sprachfallen ließe sich als „Fake German“ missverstehen oder aber der Leser feiert, eingenommen vom Charme und Schmiss der sprachlichen Torsi, das Unfertige, Hingeworfene, die verstümmelte deutsche Sprache als ein wohlkalkuliertes Konstrukt des Kunstvollen. Beides hätte (zum Teil) seine Berechtigung.

Die Hörspieldramaturgie des Südwestrundfunks (SWR) hat sich nun unter der Federführung von Andrea Oetzmann mit der literarischen Vorlage „Broken German“ mit dem Ziel einer Hörspieladaption eingehend befasst. Nachdem die Bearbeitung des Textes durch den Regisseur und Theatermacher Noam Brusilovsky – von ihm war im September vorigen Jahres im Deutschlandfunk das Stück „Woran man einen Juden erkennen kann“ zu hören (vgl. MK-Kritik) – sich substanziell von der Vorlage emanzipierte und weiterentwickelte, wurde schlüssig die Autorschaft des Hörspiels nun auch Noam Brusilovsky zugeordnet, verbunden mit dem Hinweis: „Nach dem gleichnamigen Roman von Tomer Gardi“.

Und in der Tat scheint hier einer der eher seltenen Fälle vorzuliegen, bei denen die Bearbeitung dem Original deutlich überlegen scheint. Brusilovsky (Bearbeitung und Regie) gelingt es, das oft spröde und sperrige Schreibmaterial der Vorlage aus ihren Verankerungen im Aleatorisch-Undurchsichtigen zu befreien und mit neuer gesprochener Luzidität aufleuchten zu lassen. Meisterhaft entwickeln sich dabei zum Beispiel die comicgesteuerte Verfolgungsszenen im Jüdischen Museum (die das Ausstellen der jüdischen Geschichte als musealen Vorgang selbst zum Thema haben), und das mit einer Technik sui generis: „Gebrochenesdeutschsprachigesraum“ oder „Wie sagt man auf Deutsch?“ oder „Wenn eine Jude ins Jüdische Museum reingeht, ist er dann Teil des Ausstellungs?“

Neben einigen Sprechbeiträgen von Tomer Gardi ist das Hörspiel gleichzeitig mit O-Ton-Dokumenten aus dem Bachmann-Wettbewerb von 2016 unterlegt. Diese eingestreuten Fetzen kratzen in wunderbaren ironischen Brechungen an dem elitären Gehabe der Literaturkritik selbst, an ihrer Selbstgefälligkeit und künstlerischen Arroganz, einer Tümelei, die vor allem sich selbst und die laufenden Fernsehkameras zu bedienen scheint.

Ob das Publikum wegen der unterhaltsamen und gelungenen Hörfunkumsetzung und dank der radikalen Entkernung des Deutschen zu einer Hybridsprache oder wegen der Feier eines poetischen Pidgin-Slangs mit babylonischen Schreibfehlern in die Knie gehen sollte, weil deutsche Sprech- und Schreibkultur im Zuge der Migrationswellen ausgedient hat, das steht noch (ja: noch) auf einem anderen Blatt. Zum Ensemble der Sprecherinnen und Sprecher des Hörspiels zählten unter anderem Dor Aloni, Aviva Joel, Meik van Severen, Hannah Müller, Horst Hildebrand sowie Regisseur Noam Brusilovsky und eben nicht zuletzt Tomer Gardi als er selbst.

12.09.2017 – Christian Hörburger/MK