Nikolas Darnstädt: Odyssee Mare Monstrum (Deutschlandfunk) 

Die Erfahrung der Fremdheit

22.09.2017 • Am 1. September lud das Kino „Wolf“, gelegen im Norden des Berliner Stadtteils Neukölln, in seinen separaten Projekt- und Eventraum zur Vorführung eines Hörspiels. Gut eine Woche vor der Ursendung im Programm des Deutschlandfunks (DLF) hatte Nikolas Darnstädts Stück „Odyssee Mare Monstrum“ in dem Kino seine Aufführungspremiere. Entstanden ist das rund 55-minütige Hörspiel, bei dem Darnstädt auch Regie führte, aus der eingespielten und fruchtbaren Kooperation zwischen dem Deutschlandfunk und der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Die ehemalige DLF-Hörspielchefin Elisabeth Panknin fungiert bei dieser Zusammenarbeit als Mentorin.

Über die gesamte Dauer der Aufführung von „Odyssee Mare Monstrum“ im Kino „Wolf“ wurde auf die Leinwand ein Standbild projiziert. Zu sehen war die unscharfe Aufnahme eines ockergelben Strandes, überdeckt von grauem Himmel. Dazwischen zeigte sich der schmale Streifen eines dunkelblauen Meeres, von dem aus sich eine schemenhaft erscheinende Person auf die Kamera und damit den Betrachter zubewegt. Ein guter Anknüpfungspunkt für Nikolas Darnstädts Aneignung und Überschreibung verschiedener Passagen aus Homers „Odyssee“. Denn das Hörspiel beginnt mit dem Erwachen von Odysseus an einem unbekannten Strand. Der antike Held ist bei dem mythologischen Volk der Phaiaken gelandet, wie sich herausstellt.

Schon in der Begegnung von Odysseus (Benjamin Radjaipour) mit Nausikaa (Lola Klamroth), der Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos (Sebastian Schneider), zeigt sich das für dieses Hörspiel wichtige Thema der Fremdheitserfahrung. Denn zwischen den beiden steht eine unüberbrückbare Sprachbarriere (die für neckisch turtelnde Dialoge allerdings hin und wieder durchbrochen wird). Im Ankündigungstext zu „Odyssee Mare Monstrum“ auf der Deutschlandfunk-Website heißt es zur Figur des Odysseus: „Als Fremder in der Fremde versucht er alles, was ihm begegnet, ichförmig zu machen und sich zu unterwerfen. Dabei verkennt er die Chance des Fremden.“ Doch auch die Phaiaken verkennen den ihnen fremden Menschen, bis Odysseus das Vertrauen von Alkinoos gewinnen kann und ihm daraufhin seine Irrfahrt über das monströse Meer schildert.

Der Aufenthalt von Odysseus bei den Phaiaken ist allerdings nur als Teil eines größeren Fiebertraums „zwischen der Heimatlosigkeit der Geflüchteten und der individualistischen Verblendung europäischer Identität“ (DLF-Ankündigungstext) konzipiert. So findet sich Odysseus nicht nur im Dialog mit der Zaubererin Circe und in der Auseinandersetzung mit dem Zyklopen Polyphem (Philipp Reinhardt) wieder, sondern es werden auch O-Töne von Interviewpartnern eingewoben, die Darnstädt im vorigen Jahr auf einer Recherchereise getroffen hat. Auch hier stehen Fremdheitserfahrungen im Fokus. So kommt etwa ein Lehrer für Latein und Altgriechisch an einer Schule in einem Ort der Pariser Banlieues auf Französisch zu Wort. Und ein Physik-Professor erklärt auf Deutsch, was passiert, wenn man in ein Schwarzes Loch fällt: Die Zeitwahrnehmung verändert sich und alles in der Umgebung spielt sich wie im Zeitraffer ab, während es von außen so scheint, als klebe man an diesem Loch unbeweglich fest. Auch eine Fremdheitserfahrung, die Odysseus in seinem Fiebertraum, aus dem er am Ende wieder orientierungslos erwacht, nicht erspart bleibt.

Aus der vielfach adaptierten antiken Geschichte destilliert Nikolas Darnstädt Aspekte des Fremdheitsthemas und verarbeitet diese in seinem Stück zu einem inspirierenden Mash-up, kommentiert von antiken Chören und untermalt von sehr wechselhafter Hörspielmusik, die von klassischem Gesang bis zu diffusem basslastigen Gewummer reicht. Des Weiteren bedient sich Darnstädt auch anderer Texte, es fließen etwa Thomas Braschs Gedicht „Der Papiertiger“ wie auch Sätze aus Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ und aus der unter Leitung von Pierre Bourdieu entstandenen Banlieue-Studie „Das Elend der Welt“ ein. Der aus der „Odyssee“ übernommene Handlungsfaden dominiert jedoch das Geschehen, das alles in allem sehr stark der Perspektive des Odysseus verhaftet bleibt. Die ambitionierten, hier anknüpfenden Bezüge und Perspektivwechsel muss man sich weitgehend selbst erschließen.

Was beim aufmerksamen Hören ein wenig störend wirkt, ist der altertümliche, etwas gestelzte Sprachgestus, der über weite Strecken vorherrscht. Er wird allerdings immer wieder durch lustige Wortspiele unterbrochen und auch durch die facettenreiche Struktur des Stücks aufgelockert. So kann man sich hier letztlich über das Hörspieldebüt eines vielversprechenden Autors freuen, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem Medium Radio verpflichtet bleibt.

22.09.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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