Mischa Zickler: Seerauch. 3‑teiliges Hörspiel (WDR 1Live)

Ungereimtheiten und Zumutungen

Wenn James Bond mal wieder die Welt vor der Katastrophe retten muss und der weltgewandte Brite bei dieser Gelegenheit den großen Bruder USA überflügelt, gibt das nicht nur ein spektakuläres Abenteuer, sondern es werden augenzwinkernd ein paar mehr oder weniger versteckte Größenphantasien mitbedient. Österreichs Ambitionen sind da wohl etwas bescheidener. Da genügt es bereits, in europäischen Angelegenheiten den deutschen Amtsträgern einmal zu zeigen, was eine Harke ist. Denn diese Amtsträger treten im Hörspiel „Seerauch“ ihren österreichischen Kollegen gegenüber fast ausnahmslos unangenehm in Erscheinung – überheblich, großmäulig, besserwisserisch, autoritär, rücksichtslos, ignorant und bei allem Großmachtgehabe doch eher dümmlich. Ihr Auftritt in der Manier eines Donald Trump wäre eine Lachnummer, ginge er nicht mit einer risikobehafteten Aggressivität einher.

In „Seerauch“ kommt es den Österreichern zu, die Katastrophe abzuwenden. Eine fünfköpfige deutsche Hackertruppe, die brisantes politisches Material veröffentlicht hatte und den heimischen Polizisten zu entkommen sucht, verirrt sich im Nebel des Bodensees und landet nicht wie eigentlich geplant in der Schweiz, sondern in Österreich. Dort werden die Hacker von der Polizei festgenommen. Die Deutschen verlangen die sofortige Auslieferung der Verhafteten, die ihrerseits in Österreich um Asyl bitten. In der Folge kommt es zu einer schweren Krise zwischen beiden Ländern. Die für die weiteren Ermittlungen zuständige österreichische Geheimdienstchefin Jarić findet mit der Zeit heraus, dass die großtuerischen deutschen Amtsträger in dunkle Machenschaften verwickelt sind.

So hatte Bundesverteidigungsminister Ronald Bloch (Andreas Grothgar) an unfreiwilligen Kandidaten nicht nachweisbare Folter erforschen und praktizieren lassen, sogenannte „weiße Folter“. Der deutsche Kanzler Mark Bisotto (Felix von Manteuffel) wiederum hat mit der Umsetzung des Plans begonnen, seine Bediensteten und nach Möglichkeit auch den Rest der Welt mit einem Smartphone auszustatten, das im Betriebssystem eine Art Staatstrojaner integriert hat, mit dem sich alles überall mithören und mitlesen lässt. Überdies schickt Bisotto zur Durchsetzung der Forderung, die verhafteten deutschen Hacker auszuliefern, schließlich sogar eine Panzerbrigade nach Österreich – wenngleich mit der Weisung, nach Möglichkeit Tote zu vermeiden.

Der österreichische Autor Mischa Zickler, der das Hörspiel „Seerauch“ geschrieben hat, ist ein Medienmacher durch und durch. Er startete seine Karriere bei österreichischen Radiosendern, wechselte später zum Fernsehen des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks (ORF), erfand und betreute dort Shows, arbeitete auch als Produzent und war von 2011 bis 2013 Unterhaltungschef des deutschen Privatsenders Sat 1. Der vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produzierte, von Petra Feldhoff in Szene gesetzte und bei der WDR-Jugendwelle 1Live ausgestrahlte Hörspieldreiteiler „Seerauch“ verbindet in der Manier typischer Fernsehspektakel allerlei erfolgversprechende Unterhaltungselemente: Hacker, Politintrigen, korrupte Amtsträger, Action und eine aufrechte Aufklärerin.

Doch der an sich nicht unspannende Plot kann sich nicht so richtig entscheiden, ob er mehr auf raffinierte Wendungen oder die Einfältigkeit der Protagonisten setzen soll. Studierte (teils promovierte) Hacker um die 30 benehmen sich wie blauäugige Teenies. Ein Smartphone-Milliardär, der das Abhörhandy nach Bisottos Wunsch entwickelt hat und produziert, wird letztlich über genau dieses Gerät belauscht. Und ein deutscher Geheimdienstler arbeitet unter der Hand mit den Österreichern zusammen und kann mühelos in dem sich doch sehr autoritär gebenden deutschen Staat anhaltend subversiv tätig werden.

Solche und weitere Ungereimtheiten werden in mehrteiligen Fernsehproduktionen von der Masse der Zuschauer vielleicht achselzuckend in Kauf genommen – das Hörspielpublikum ist anspruchsvoller, nicht zuletzt, da sich im Hörspiel, medienbedingt, eine verquirlte Geschichte nicht einfach durch actionreiche Bildsequenzen übertünchen lässt. Die Diskrepanz zwischen Idee und Ausführung wurde in „Seerauch“ auch durch die unpassende Unterlegung mit hochdramatischer Orchestermusik deutlich (wofür das Funkhausorchester des WDR herhalten musste).

Im Hörspiel trat die Hauptperson, die Geheimdienstchefin Jarić (untadelig: Kristina Sprenger), mal in der ersten Person, mal als allwissende Erzählerin auf. Vereinzelt wurden auch Mehr-Augen-Gespräche Dritter eingeblendet, von denen eigentlich nur die Anwesenden genaue Kenntnis hätten haben können. Solche Perspektivwechsel führen zu Brüchen, die dem Hörer einiges zumuten; es ist stilistisch und methodisch nicht leicht, sie sinnvoll zu integrieren. In den drei Teilen von „Seerauch“ (jeweils rund 45 Minuten) hinterließ die Umsetzung ein eher unbefriedigendes Gefühl.

Das Einzige, was hier größtenteils wirklich gut funktionierte, war die Idee, das deutsche Gehabe aus österreichischer Sicht auf die Schippe zu nehmen. Die vielen Facetten, zur Karikatur überhöht, sorgten immer wieder für erfrischende Momente. Es könnte hier somit zumindest ein Verdienst des Autors sein, mit spielerischen Mitteln auf die Ressentiments hinzuweisen, die sich nicht selten hinter solch vermeintlich harmlosen Zerrbildern verstecken und die in Zeiten des erstarkenden Populismus gerne für ebensolche Zwecke benutzt werden.

30.06.2017 – Andreas Matzdorf/MK