Mariola Brillowska/Günter Reznicek: Radio Las Vegas (Bayern 2)

Baby auf dem Mischpult

Die US-amerikanische Stadt Las Vegas hat ein legendäres Image. Mitten in der Wüste des Bundesstaates Nevada bildet sie eine Oase der menschlichen Zivilisation. Berühmt ist Las Vegas bekanntermaßen wegen seiner unzähligen Casinos, der Musik- und Zaubershows und auch wegen der Kapellen, in denen man sich im Schnellverfahren trauen lassen kann.

Nach dem fast schon mythischen Ort hatten Mariola Brillowska und Günter Reznicek Ende der 1990er Jahre ihre gemeinsame Hörfunksendung benannt: Bei der Hamburger Station Freies Sender-Kombinat (FSK) lief einmal im Monat ab 23.00 Uhr „Radio Las Vegas“, von 1998 bis zum Jahr 2000. In der ungewöhnlichen Show boten die beiden Künstler surreal-comicartiges Radio-Entertainment mit absurden Kunst-Happenings, mit improvisierten Hörspielen und Musikeinlagen. Im Studio wurden Anrufe von Hörern angenommen, die gerne ihre alten Liebesbriefe und -gedichte im Radio vorlesen wollten. Die mehrstündige Sendung endete erst dann, wenn man im Studio nach eigener Entscheidung die Nachtschleife einlegte. Solch ein dehnbares und frei zu gestaltendes Format konnte es eigentlich nur bei einem freien Radio geben.

Für die Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunks (BR) haben die Künstlerin und Kunstdozentin Mariola Brillowska und der ebenfalls aus Hamburg kommende Musiker Günter Reznicek (alias Nova Huta) nun, anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende ihrer FSK-Radioshow, das alte Archivmaterial neu montiert. Nur die Jingles, ein Großteil der (von Reznicek komponierten) Hörspielmusik und manche Geräuschkulissen wurden gänzlich neu produziert und hinzugefügt. Daraus entstanden ist unter der dramaturgischen Mitarbeit von BR-Redakteurin Katarina Agathos das rund einstündige Hörspiel „Radio Las Vegas“.

Die Handlung der verdichteten Show beginnt mit einem als außerordentlich schwierig geschilderten Einstieg der beiden Moderatoren Brillowska und Reznicek ins Studio. Sie müssten angeblich über eine abenteuerliche Konstruktion aus Mülltonne, Tisch und Stuhl durch das geöffnete Fenster klettern. Das zumindest verkündet der bereits am Mikro angekommene Günter Reznicek, der hofft, dass seine Kollegin „nicht mit gebrochenem Genick“ moderieren muss. Doch bald ist auch Mariola Brillowska wohlbehalten angekommen. Die beiden Künstler haben es also ins Studio geschafft und der Hörer hat ins Hörspiel gefunden.

Eine ähnliche Verknüpfung des Inhalts mit der Form des Hörstücks findet man neben dem Auftakt noch in einem wichtigen Handlungsfaden. So will Brillowska ein Kind von Reznicek, wie sie mit verstellter Telefonerpresserstimme kundtut. Und tatsächlich wird sie im Verlauf des Hörspiels (angeblich) schwanger und am Ende liegt sogar ein Baby auf dem Mischpult – zumindest hört es sich so an. In der Zwischenzeit machen Anrufer Vorschläge für Kindernamen oder es wird am Mikrofon über den Zusammenhang zwischen dem Bewölkungsgrad des Himmels und der Geburtenrate philosophiert. Unter den in „Radio Las Vegas“ zu hörenden Anrufern und Studiogästen sind auch so bekannte Künstler wie Jacques Palminger oder Felix Kubin. Nur treten sie nicht unter ihrem Namen auf, sondern schlüpfen in skurrile Rollen – von Nerd bis Monster ist alles erlaubt.

Das hörenswert schrille Stück lebt von der Spannung zwischen der wilden Formlosigkeit des Basismaterials und dem einstündigen Zeitrahmen des Hörspiels. Im rohen Montagematerial aus den Privatarchiven von Brillowska und Reznicek eröffnet sich dem Hörer eine Welt unbeschränkter akustischer Möglichkeiten. Der Zeitrahmen wiederum sorgt für eine erstaunlich dichte Struktur ohne allzu viele Abschweifungen. Nachzuhören ist „Radio Las Vegas“ weiterhin online im Bayern-2-„Hörspielpool“; in der „Artmix-Galerie“ des Programms gibt es ein von Norbert Lang geführtes Interview mit den beiden Hörspielmachern.

20.03.2015 – Rafik Will/MK