Mariola Brillowska/Günter Reznicek: Kabinett Alter Ego (WDR 3/WDR 1 Live)

Die Ordnung der Dinge gerät ins Wanken

Rollenspiele sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft und existieren in unterschiedlichsten Ausprägungen. Teenager und Erwachsene kostümieren sich als Comic-Helden, fechten historische Schlachten nach oder suchen sich ein anderes Ventil, um emotionalen Druck abzulassen und Phantasien auszuagieren. In „Kabinett Alter Ego“, dem neuen „performativen Hörspiel“ von Mariola Brillowska und Günter Reznicek, erlebt der Hörer den rauschhaft verlaufenden Abend einer kleinen Runde, die sich zu einer etwas exaltierteren Variante des bekannten Gesellschaftsspiels „Wer bin ich?“ trifft – temporärer Identitätswechsel inbegriffen.

In der Ankündigung des WDR zu dem rund 55-minütigen Hörspiel war zu lesen: „Treten Sie aus sich heraus und begegnen Sie anderen Alter Egos, um gegen Monotonie, Mittelmaß, Persönlichkeits-Standardisierung und Anständigkeit anzukämpfen.“ Die Aufforderung richtete sich indirekt an den Hörer, als Anstoß, das Verhältnis zur eigenen Identität näher zu betrachten. Der Appell wird aber in leicht abgewandelter Form auch innerhalb der fiktiven Hörspielhandlung von zwei Betreibern eines Forums in die Welt geschickt. Mariola Lola Brillowska und Günter Gustav Reznicek, gesprochen von den realen Personen (ohne zweiten Vornamen), unterhalten das titelgebende „Kabinett Alter Ego“, kurz: KAE, ein „Kennenlernforum für besondere Menschen in den Metropolen“, so die Eigenwerbung dafür. Ob die Absichten von Lola und Gustav wirklich rein menschenfreundlicher Natur sind oder die beiden nicht doch gewisse Hintergedanken bei ihrem Treiben haben?

Eingangs besprechen die beiden Forumsbetreiber per Telefon die Gestaltung ihres Fragebogens, denn für die endgültige Aufnahme im KAE muss der Kandidat ein persönliches Interview bestehen. Es folgt die – melodiös einlullend in Szene gesetzte – Eigenwerbung des KAE, die auch eine Erklärung des Zulassungskonzepts beinhaltet. Nachdem hierauf ein Zusammenschnitt der verschiedenen Interviewantworten einiger Kandidaten präsentiert wird, kann es schon fast losgehen. Nur noch einen Streit zwischen Gustav und Lola gilt es abzuwarten, der sich um die im späteren Handlungsverlauf erneut aufkommende Frage dreht, wer beim anstehenden Identitätswechselspiel „der Klaus“, also Klaus Kinski sein darf. Und dann ist es endlich so weit und der schicksalsträchtige Abend kann beginnen.

Zwischen den einzelnen Mitschnitten des Improvisationsgeschehens sind einzeln die zugelassenen Teilnehmer zu hören. Sie wenden sich an eine Art persönliches Mikrofon und berichten rückblickend von den turbulenten Ereignissen. So erfährt man von einem, dass die in der unbekannten Privatwohnung ausgeschenkte Bowle vermutlich mit Drogen versetzt gewesen sei.

Dabei scheint beim anfänglichen Spielen von „Wer bin ich?“ alles okay zu sein. Zorro, Beate Uhse, Gertrude Stein, Nikola Tesla, Ulrike Meinhof, Klaus Kinski und einige andere erraten in fröhlicher Eintracht ihre Identitäten – der Zusammenschnitt ist mit geringen Dosen Gelächter versehen. Von Identitätsverlust nirgends eine Spur. Die Ordnung der Dinge gerät erst so richtig ins Wanken, als alle gemeinsam eine Séance abhalten. Die großteils verstorbenen Alter Egos werden beschworen: „Fahre in mich ein durch meine Fontanelle!“ Tatsächlich verhalten sich auf einmal alle Anwesenden, als wären sie von ihren toten Wahl-Promis besessen.

Als dann noch der materialisierte Geist von Sharon Tate auf der Suche nach deren Ehemann Roman Polanski vor der Tür steht und bei ihr die Wehen einsetzen, führt Zorro einen Kaiserschnitt durch – und alles ist gut? Leider nicht, auch Charles Manson materialisiert sich irgendwie und ermordet Sharon Tate. Am Ende werden alle Teilnehmer vom Stadtteilpolizisten Palminger, der die Leiche als wunderschönes Geburtstagsgeschenk sieht, verhaftet.

„Kabinett Alter Ego“ ist mehr als schräger Klamauk. Es ist ein Hörspiel, das über einen ausgefeilten Plot verfügt (Dramaturgie: Isabel Platthaus/WDR) und das als eloquente Improvisations-Comedy leichtfüßig Gesellschaftskritik übt. Neben Mariola Brillowska und Günter Reznicek fungieren als Sprecher auch Familienmitglieder und Freunde der beiden. Das Stück, das vom WDR auf den zwei kombinierten Hörspielsendeplätzen des Kulturprogramms WDR 3 (Montagabend) und der Jugendwelle 1Live (Dienstagabend) ausgestrahlt wurde, sticht zweifellos positiv aus den nachsommerlichen Neuproduktionen hervor.

16.10.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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