Maria Inés Krimer: Sangre Kosher (Deutschlandradio Kultur)

Ort der Wahrheit

Ein Krimi, der ungewöhnlich einsetzt und ungewöhnlich verläuft – das ist eine angenehme und seltene Überraschung. Meist spielen die Krimis derzeit in irgendeiner deutschen Provinz und brillieren mehr oder weniger mit mundartlichen Schlenkern. Dies macht umso neugieriger auf ein Hörspiel, das in Buenos Aires angesiedelt ist. Es beginnt auf einem jüdischen Friedhof: „Olam-ha-emet“, Hebräisch für „Ort der Wahrheit“. Dort begegnen sich Chiquito Gold, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, und Ruth Epelbaum, Mitglied der Gemeinde und pensionierte Archivarin.

Die 1951 geborene argentinische Autorin Maria Inés Krimer hat mit dieser Ruth Epelbaum eine neue Detektivin erfunden, die durch ihre beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten geradezu prädestiniert ist als Rechercheurin dunkler Zusammenhänge. So wie auch die Autorin selbst als ehemalige Anwältin. Krimer wurde gleich für ihre ersten Romane ausgezeichnet und wandte sich bald ausschließlich dem Schreiben zu. Ruth Epelbaum ist zweifellos eine Art Schwester im Geiste der Autorin: Sie will die Wahrheit, sie sucht sie und sie findet sie. Auch in diesem Fall: Chiquito Gold vermisst seine 19-jährige Tochter, sein „shein Medele“, Ruth Epelbaum soll sie aufspüren. Vermutlich ist das schöne Mädchen mit ihrem undurchsichtigen Adonis, ihrem sehr, sehr dunkelhäutigen persönlichen Trainer durchgebrannt. Was in der strengen Gemeinde ein Skandal wäre. Man befolgt die jüdischen Gesetze, lebt nach den Regeln und spricht oft Jiddisch. Ein echt koscheres Leben wird von allen erwartet. Da muss Chiquito Gold schauen, dass das Töchterlein nicht dazwischengrätscht.

Bei ihren Recherchen ist die Archivarin auf Dokumente einer Gangstergruppe gestoßen, die in den 1920er Jahren und davor Mädchen und junge Frauen aus polnischen „Shtetln“ überredete, ins „goldene Argentinien“ zu kommen. Dort lebten viele junge Männer, die eine Frau und Mutter für die Kinder suchten. Angeblich. In Wahrheit – und dies ist historisch belegt – wurden die meisten der jungen Frauen zur Prostitution gezwungen. Ruth Epelbaum ist sich sicher, dass „Zwi Migdal“, wie diese Bande sich nannte, noch heute klandestin existiert und dass sie gedeckt wird von einflussreichen Personen – nicht zuletzt von Leuten im Staatsdienst, wie etwa Richtern. Diese kommen, so ihre These, in den „Genuss“ von sexuellen Dienstleistungen und verhalten sich im Gegenzug gegenüber den Zuhältern mehr als schonungsvoll.

Ein ganz besonderes „Hideaway“ für diese Gelegenheiten befindet sich auf einer Insel im Paraná-Delta, einem Urlaubsparadies und Eldorado für Motorboote. Epelbaum macht sich auf die Suche und wird fündig. Auch der hochgeschätzte Richter Fontana befindet sich dort. Zu „verdeckten Vernehmungen“, wie er der Archivarin weismachen will. Bei einem Unfall mit dem eigenen Rennboot kommt er ums Leben.

Man muss als Hörer bereit sein, sich auf nicht durchweg plausible Wendungen einzulassen. Die Adaption (Bearbeitung: Edina Picco), die einen stringent durchkomponierten Romanablauf auf knapp 60 Hörminuten eindampfen musste, konnte gewisse Unklarheiten nicht immer vermeiden. Ein Zweiteiler wäre hier angezeigt gewesen. Die Handlung ist inhalts- und substanzreich und allemal interessant genug. Glücklicherweise wurde mit Giuseppe Maio ein Regisseur gefunden, der das richtige Gespür für den verwickelten Geschehensverlauf hat. Auf illustrative Zutaten verzichtet er. Es könnte zu viel Klischee dabei herauskommen: Tango, Autohupen, Vogelgezwitscher über dem See. Maio verlässt sich dagegen auf das Kolorit, das ihm die hebräischen und jiddischen Sprachsplitter zuspielen. Das ist von der Autorin, aber auch von der Inszenierung so geschickt gemacht, dass man folgen kann, auch wenn man diese Sprachen nicht kennt. Der Kontext gibt zusätzlich Aufschluss. Also ist es eine reizvolle Herausforderung an den aufmerksamen Hörer, den man ja voraussetzen darf.

Giuseppe Maio, Berliner mit italienischen Wurzeln, hat 2015 Klaudia Ruschkowskis Stück „Unseres Herzens Gordischer Knoten“ inszeniert, das im Juli 2015 als „Hörspiel des Monats“ ausgezeichnet wurde (vgl. MK-Meldung und auch MK-Kritik). Dort wie hier hat Maio mit einem exquisiten Ensemble gearbeitet, das den jeweiligen Produktionen zu eigenem Fluidum verhalf. Hier, in „Sangre Kosher“, sind es Hansa Czypionka als zwielichtiger Richter und besonders Adriana Altaras als Ruth Epelbaum, die brillieren. Ihr nuancenreiches Timbre und ihre lange, vielfältige schauspielerische Erfahrung, ihre Kenntnis des Hebräischen und des Jiddischen geben diesem ungewöhnlichen und deshalb so hörenswerten Stück Farbe und Kontur, wie man es sich nicht besser wünschen kann.

20.03.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK