Malgorzata Zerwe/David Zane Mairowitz: Krieg der Welten 2050 (WDR 5)

Zweites Pearl Harbor

Wir schreiben den 24. November des Jahres 2050. In den USA begeht man den „Thanks­giving Day“. Während sich das ganze Land im Feiertagsmodus befindet, kommt es zur ultimativen Katastrophe: einem zweiten Pearl Harbor. Japan greift von einer Weltraumbasis aus die Vereinigten Staaten mit hypersonischen Raketen an. Ein neuer Weltkrieg beginnt.

Das genannte Szenario klingt zwar stark nach dem Drehbuchentwurf für einen Science-Fiction-Film, ist aber eine Prognose des US-amerikanischen Zukunftsforschers George Friedman, der 1996 den Think Tank Strategic Forecasting (Stratfor) gegründet hat. Mit seinen Entwürfen für einen möglichen Verlauf des 21. Jahrhunderts ist Friedman so etwas wie der Tempomacher für den Run durch das knapp einstündige WDR-Hörspiel „Krieg der Welten 2050“ von Malgorzata Zerwe und David Zane Mairowitz. Friedman zeichnet hierin die geopolitische Weltkarte der kommenden Jahrzehnte. Präsentiert werden seine Vorgaben dem Hörer in Form von Originaltönen. Ebenfalls in O-Tönen nimmt der deutsche Futurologe und Science-Fiction Autor Karlheinz Steinmüller Stellung zu den Gedankenspielen seines Kollegen und macht hin und wieder auch eigene Vorschläge.

Es stehen sich also zwei Positionen zur Wahrscheinlichkeit der künftigen Bildung bestimmter Machtblöcke und den möglichen Mitteln der Kriegsführung gegenüber. Kombiniert werden diese sehr phantasievollen Voraussagen der beiden Wissenschaftler mit Auszügen aus dem Buch „Waffensysteme des 21. Jahrhunderts “, einem fiktivem Bericht Stanislaw Lems aus dem Jahr 1983, hier gesprochen von Thomas Thieme. Als ein weiteres, von ihnen selbst geschriebenes Element haben Zerwe und Mairowitz noch eine Erzählerin hinzugefügt, die ihre Rolle als „Gutachter“ und „Debattenanimator“ definiert; sie wird gesprochen von Bibiana Beglau. Durch die eindeutige stimmliche Zuordnung wird für die nötige Orientierung in diesem ansonsten wilden Textmix gesorgt.

Wie aber kommt es eigentlich zu dem eingangs erwähnten Horrorszenario an „Thanksgiving“ 2050? Wenn man George Friedman folgt, gestaltet sich die künftige Weltgeschichte so, dass die USA die einzige Welt- bzw. Supermacht bleiben. Russland und Deutschland orientieren sich wieder aufeinander zu, nur um gemeinsam in der totalen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Polen, die Türkei und Japan entwickeln sich hingegen zu einflussreichen Regionalmächten. Es bilden sich die Bündnisse USA/Polen und Türkei/Japan, deren Interessenskonflikte sich in den 2040er Jahren in militärischen Auseinandersetzungen entladen und 2050 in dem zweiten Pearl Harbor gipfeln.

Karlheinz Steinmüller sieht in dieser Einschätzung allerdings hauptsächlich überkommene Denkschemata am Werk. Er nimmt zum einen auf das in einer multipolaren Welt anachronistisch erscheinende Blockdenken Bezug. Zum anderen zweifelt er an dem Einsatz militärischer Raumstationen. Er gibt zu bedenken, dass es „Schurkenstaaten“ leicht fallen würde, schrottbeladene Raketen in den Orbit zu schicken und damit alles, was an Satelliten und ähnlichem um die Erde kreist, zu zerstören.

Stanislaw Lem bringt mit den Schnipseln seines explizit fiktiven Textes „Waffensysteme des 21. Jahrhunderts“ vor allem die Idee der synthetischen Insekten ein, der „Synsekten“, so der kurze Begriff. Sie sind als autonom agierende Robotersoldaten das Ergebnis der immer weiter gehenden Technisierung und Miniaturisierung des Krieges und hinterlassen leblose Wüsten.

So entwickelt das Hörspiel insgesamt sehr dystopische Zukunftsaussichten. Die einzelnen Elemente verschmelzen jedoch nicht zu einer erzählerischen Einheit. Wenn beispielsweise Lems „Synsekten“-Armeen weltweit gegeneinander zu Felde ziehen, nur verbrannte Erde hinterlassen und der Krieg sich automatisiert und verselbständigt, wie soll sich in den 2060er Jahren in Polen, Rumänien oder Slowakei ein goldenes Zeitalter entwickeln, wie es Friedman meint? Ist die Zerstörung also doch nicht allumfassend und global, sondern immer noch vom Menschen zu steuern?

Die im Hörspiel entworfene Zukunft bleibt abstrakt, denn eine Handlung im eigentlichen Sinne findet man nicht und es werden keine fiktionalen Figuren entworfen. Es gibt somit auch keinen Charakter, der für den Hörer Identifikationspotenzial besäße und ihn durch das Stück führen könnte. Es geht in diesem Stück, das eher ein Hörspiel-Feature-Hybrid ist, um hypothetische technische Entwicklungen und kaum um deren gesellschaftliche Auswirkungen. Die Produktion „Krieg der Welten 2050“, die im Intro für den Titelbezug einige Sätze zitiert aus Orson Welles’ Hörspielklassiker „War of the Worlds“ (1938; nach dem Buch H.G. Wells), zeigt zwar, dass Zukunftsforschung eine technik- und strategieorientierte Form des fiktionalen Erzählens ist, krankt aber als Erzählung selbst an diesem Umstand.

29.05.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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