Joseph Conrad/Orson Welles: Herz der Finsternis. 5-teiliges Hörspiel in der Bearbeitung von Walter Adler (WDR 3)

Eingebettetes Hörspiel

Mit den Prosawerken „Lord Jim“, „Taifun“ und „Die Schattenlinie“ zählt die lange Erzählung „Herz der Finsternis“ (1899) zu den berühmtesten Werken des als Sohn polnischer Eltern in Berdyczów (Ukraine) geborenen, in Krakau aufgewachsenen, als Jugendlicher über Frankreich nach England ausgewanderten Seemanns und ausschließlich in englischer Sprache schreibenden Joseph Conrad (1857 bis 1924). „Heart of Darkness“ basiert auf autobiografischen Erlebnissen des Autors, der, bevor er Schriftsteller wurde, als Schiffskapitän einer englischen Handelsgesellschaft eine Expedition ins Innere Afrikas geführt hatte und während der langen Schifffahrt auf dem Kongo lebensgefährlich erkrankt war. In der Erzählung versetzt er sich in die Figur des Kapitäns Marlow¸ der im Auftrag seiner Gesellschaft den mysteriösen Handelsagenten Kurtz sucht, der sich von seiner Handelsstation abgesetzt hat und aus dem größten Urwalddickicht seinen französischen Partnern große Mengen des begehrten Elfenbeins liefert.

Kurtz wird von den Eingeborenen als göttlicher Heilsbringer verehrt, die Schwarzen sind von seiner charismatischen Selbstinszenierung gebannt und opfern ihm die wertvolle Ressource Elfenbein. Nach einer gefährlichen Schifffahrt, auf der die Crew nicht nur die Tücken des Flusses zu beherrschen lernt, sondern auch kriegerische Angriffe aus dem Dschungeldickicht abwehren muss, erreicht der Flussdampfer das ‘Herz der Finsternis’, wo sich der todkranke Kurtz den Expeditionisten zeigt. Das Herz der Finsternis ist eine vieldeutige Metapher, für Marlow ist Kurtz „ein Teufel des Landes“. Kurtz stirbt im Bewusstsein seines gelebten Grauens mit dem Aufschrei „The horror, the horror!“

Nach einigen zentralen Motiven Conrads hat Francis Ford Coppola 1979 den Antikriegsfilm „Apocalypse Now“ inszeniert und dabei Marlows Reise in die Zeit des Vietnam-Kriegs transferiert. Viele Szenen des zweieinhalbstündigen Films haben sich dem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Zum Beispiel die psychedelische Lichtshow im Dschungel, die Konfrontation der amerikanischen Soldaten mit der archaischen Natur oder der mit Wagners „Walkürenritt“ ohrenbetäubend montierte Luftangriff einer Hubschrauberstaffel. Vor allem aber Marlon Brando in der Kurtz-Rolle des wahnsinnigen, sich gottähnlich stilisierenden Colonels, den Captain Willard (der hier für die Figur Marlow steht) im kambodschanischen Dschungel aufspüren und liquidieren soll und der dabei eine Reise in die Innenwelt des Horrors erlebt. Kurtz stirbt in seinem Reich des Grauens wie bei Conrad mit dem Entsetzensruf „The horror, the horror!“ (In der deutschen Fassung: „Das Grauen, das Grauen!“)

Vier Jahrzehnte vor Coppola hatte Orson Welles ein Drehbuch nach Conrads Vorlage geschrieben, das aber nicht verfilmt wurde. Nun ist dieses Skript von der Hörspielabteilung des WDR in fünf Teilen als akustischer Film realisiert worden. Der Bearbeiter und Regisseur Walter Adler hat sich offenbar eng an das Drehbuch gehalten und für eine zweieinhalbstündige Hörspieldauer das Drehbuch mit Regieanweisungen inszeniert und Orson Welles als Erzähler installiert. Auch Welles hat Conrads Erzählung zeitlich versetzt, und zwar in das Jahr 1939. Bei ihm ist Marlow ein amerikanischer Schiffskapitän, der für eine deutsche Handelsgesellschaft im afrikanischen Dschungel den verschollenen Elfenbeinhändler Kurtz sucht, den seine Verlobte Elsa (die einzige Frauenrolle) als „Demagogen in Uniform“ beschreibt – die Parallelen zum faschistischen Deutschland sind erkennbar ebenso wie die Kritik am Kolonialismus.

Das Drehbuch von Orson Welles folgt bis ins Detail Joseph Conrads Erzählung, im Hörspiel werden Marlows Erinnerungen, Monologe und Dialoge mit Spielszenen und einer Geräuschkulisse montiert, die die Fahrt auf dem Kongo und den Dschungel beeindruckend imaginieren. Marlow stellt sich die Frage, ob Kurtz ein Abenteurer und Entdecker, Elfenbeinräuber, „Messias, der Menschenfresser“ oder ein Teufel sei. Im vierten Teil des Hörspiels erreicht die Expedition Kurtz im tiefen Urwald und er präsentiert sich als „Diktator“. Anders als bei Conrad sagt Kurtz bei Welles: „Ich werde vor Tagesanbruch sterben. Ich habe Angst, zu leben.“ Der Schlusssatz von Kurtz ist auch im Drehbuch: „Das Grauen, das Grauen!“ Nach einem Dialog zwischen Marlow und Elsa enden Filmskript und Hörspiel, wie sie begonnen haben: Marlow ist auf seinem Schiff vor der Küste New Yorks.

Orson Welles gewinnt Conrads Erzählung nichts Wesentliches hinzu, belegt aber mit der Aktualisierung die andauernde Relevanz der Interpretationen. Die WDR-Hörspielproduktion überzeugt durch die bis ins Detail ausgefeilte Umsetzung des Drehbuchs. Das Ergebnis: ein akustischer Film, Kopfkino pur. Die Produktion hat ein luxuriös besetztes Sprecher-Ensemble aufzubieten, darunter Ulrich Matthes (Kurtz), Sylvester Groth (Marlow) und Sandra Hüller (Elsa).

WDR 3 strahlte den „Herz-der-Finsternis“-Mehrteiler auf seinem neuen werktäglichen Hörspieltermin aus, der grundsätzlich den Zeitrahmen von 19.05 bis 20.00 Uhr umfasst. Da die Produktion aber aus fünf 30-minütigen Teilen bestand, wurden diese stets von etwa 19.15 bis 19.45 Uhr gesendet. Die Restzeit davor und danach wurde gefüllt mit populären Musiken und mit unter anderem Making-of-Informationen zu dem Hörspiel. Ob die Einbettung einer Hörspielausstrahlung in ein solches Umfeld angebracht ist, kann man allerdings bezweifeln.

24.01.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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