Joseph Conrad: Der Geheimagent. 2-teiliges Hörspiel (WDR 3)

Die nächste Adaption

Keine der durchaus nicht wenigen Bearbeitungen von Joseph Conrads Roman „The Secret Agent: A Simple Tale“ nennt den kompletten Titel des Originals. Conrad, polnischer Abstammung und naturalisierter Engländer, hielt den 1907 erschienenen Roman für einen seiner besten. Hinter der Spionage-Geschichte in dem Buch verbirgt sich eine komplexe (keineswegs „simple“) Analyse des kleinbürgerlichen Lebens in der modernen Großstadt seiner Zeit, aber auch von deren „Ordnungshütern“ wie Polizei und Geheimdienst.

London 1886. Adolf Verloc, rein äußerlich ein unscheinbarer Kleinbürger, ist Geheimagent. Er ist auch Mitglied einer Anarchistengruppe und spielt ein gefährliches Doppelspiel. Einerseits ist er Informant von Scotland Yard, andererseits steht er aber auch in russischen Diensten. Der neue russische Konsul erteilt ihm den Auftrag, in London eine Bombe zu platzieren. Damit soll er beweisen, dass er sein Geld auch wirklich wert ist. Er würde sein Gehalt verlieren, wenn er sich weigerte.

Um den Einnahmenausfall zu vermeiden, wendet sich Verloc an einen Professor, der sich mit Sprengstoffen bestens auskennt – und setzt damit eine Ereigniskette in Gang, die auch vor seiner Familie nicht haltmacht. Seine Frau, die bescheiden im Hintergrund ein Lädchen mit dem Verkauf von Nippes und Porno-Heftchen führt, wird ebenso involviert wie deren geistig behinderter Bruder, an dem sie mit großer Liebe hängt.

Der Bruder wird bei dem Sprengstoffanschlag getötet. Mrs. Verloc verlässt daraufhin – einen lang gehegten Vorsatz endlich ausführend – ihren Mann. Nicht jedoch ohne das Geld mitgehen zu lassen, das er zur Gründung einer neuen Existenz beiseite geschafft hatte, was er ihr in einem seiner seltenen Anfälle von Emotion einst auch offenbarte. Doch wie wir wissen: Crime doesn’t pay. Mrs. Verloc, die auf ein neues Glück mit dem russischen Frauenhelden Ossipon gehofft hatte, der ebenfalls ein Geheimagent ist, sieht sich von diesem um Geld und Liebe betrogen. Wenig später werden er und der Sprengstoff-Professor bei einem Glas Bier im Pub in der Zeitung lesen: „Tat des Wahnsinns oder der Verzweiflung? Selbstmord einer Reisenden – Sprung vom Deck eines Kanaldampfers“.

So rasant der Roman endet, so langsam ist er angelaufen. Die Exposition ist gedehnt, fast gemächlich kommt die Handlung in Gang und damit die Verwicklungen, die nach und nach erkennbar werden, bis sich am Schluss das Geschehen fast atemlos beschleunigt. Dieses ungewöhnlich akzelerierende Tempo hat zweifellos – neben dem Stoff selbst – den Anreiz für eine Reihe von Adaptionen geliefert. Nach Alfred Hitchcocks fulminanter Verfilmung 1936 unter dem Titel „Sabotage“ erschien 1996 in der Regie von Christopher Hampton und diesmal unter dem Titel „The Secret Agent“ eine weitere Filmversion in Starbesetzung. (Der Themendreiklang von Anarchie, Spionage und Terrorismus machte den Roman „Der Geheimagent“ im Übrigen zu einem der meistzitierten literarischen Werke nach den Anschlägen vom 9. September 2011.)

Bereits 1955 produzierten die damaligen Sender Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) und Sender Freies Berlin (SFB) eine Hörspielversion unter der Regie von Ludwig Cremer, einem der Großen jener Ära. Der MDR realisierte 2004 eine Lesung mit Jürgen Holtz, die auch als Hörbuch erhältlich ist. Steffen Moratz, freier Autor und Regisseur (auch für den MDR), erstellte nun für den WDR eine weitere Bearbeitung dieses medialen Longsellers, die unter der Regie von Martin Zylka als zweiteiliges Hörspiel produziert (zweimal 55 Minuten) und jetzt gesendet wurde. Die alte Produktion des NWDR ist nach Einschätzung der WDR-Dramaturgie „nicht gut gealtert“ und daher nicht mehr sendbar. Man kann sicher geteilter Meinung sein, ob eine neuerliche Adaption wirklich sinnvoll ist, auch wenn mit der Spiegelung von Extremismus und Terrorismus in heutiger Zeit argumentiert wird. Allemal richtet die Produktion den Blick wieder auf das Werk eines großen Erzählers und Menschenbildners mit psychologischen Scharfblick und politischem Scharfsinn.

Adaption und Regie setzen auf die bindende Kraft des Erzählers und fügen zwei weitere Erzählperspektiven hinzu („Spion“ und „Dossier“). Die Ebene des „Dossiers“ erweist sich als dramaturgisches Instrument, womit dem Erzähler zwar einiges an informativem Ballast abgenommen wird, das als Gestaltungselement dieser WDR-Realisation aber eher schwach bleibt. Die Tatsache, dass „Dossier“ ebenso wie „Spion“ mit demselben Sprecher besetzt wurden, lässt darauf schließen, dass auch die Regie ein Aufklappen der zweiten Erzählebene nicht wirklich für erforderlich hielt.

Peter Fricke als Erzähler ist – wie immer – auch hier eine „sichere Bank“. Souverän führt er den Hörer durch die Handlung, niemals atemlos, immer unspektakulär. Der über lange Zeit sehr gedämpfte Pulsschlag der Inszenierung wird betont durch ein nicht gleich dechiffrierbares akustisches Element, das sich als Frequenzstörung eines Funkgeräts herausstellt. Wenngleich im Grunde ein Anachronismus, wirkt es doch im Verlauf der Produktion wie ein Metronom, das den Grundtakt vorgibt und beibehält und somit ein formgebendes Element der Regie ist.

Der Charakter einer psychologischen Studie über Terror, Wahnsinn und Gewalt wird durch die bewusst zurückgenommene, gleichsam entemotionalisierte Inszenierungshaltung betont. Ein ‘Hörspiel-Hitchcock’ ist daraus nicht geworden (und wäre wohl auch nicht gewollt gewesen), wohl aber das Programmangebot eines Stoffs, dem wiederzubegegnen sich lohnt.

21.09.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK