John Burnside: Coldhaven (SWR 2)

Entschnörkelte Sachlichkeit

Das von John Burnside für den SWR geschriebene Hörspiel „Coldhaven“ wurde unter der Regie von Klaus Buhlert realisiert, der zusammen mit Bernhard Robben auch die Übersetzung des Textes aus dem Englischen besorgte. In einer kurzen Nachbetrachtung zu „Coldhaven“ im Anschluss an die Ausstrahlung des Stücks hat Buhlert in einem Gespräch mit SWR-Redakteur Wolfram Wessels einfließen lassen, dass diese Hörspielarbeit des schottischen Autors möglicherweise ein großes Vorbild hat oder doch daran erinnert: Es ist die weltberühmte Hörspielproduktion „Under Milk Wood“ (BBC 1954) bzw. „Unter dem Milchwald“ (NWDR 1954) aus der Feder des walisischen Dichters Dylan Thomas (1914 bis 1953). Und in der Tat sind es hier wie dort geheimnisvolle Stimmen und Stimmungen einer jeweils ländlichen Landschaft, die sich Gehör verschaffen und von der Kargheit eines Fischerdorfs und seiner schrulligen Menschen erzählen (Dylan Thomas) oder vom Verschwinden eines jungen Mädchens im fiktiven schottischen Küstendorf Coldhaven (John Burnside).

John Burnside lässt im Verlauf des 62-minütigen Hörspiels nur vordergründig eine Kriminalgeschichte sich entwickeln. Ja, auch an diesem Küstenstreifen wird vermutet und spekuliert, getratscht, gemutmaßt und sogar verdächtigt. John, der Briefträger (Johannes Silberschneider), scheint Näheres zu wissen, aber gerade ihm sollte man misstrauen; Agnes, die Bibliothekarin (Corinna Harfouch), könnte auch eine Ahnung haben, verramscht aber die Kulturbücher ihrer Bibliothek „für einen guten Zweck“. Verdächtigungen, Hass, Missgunst und Aberglauben regieren auch in Burnsides Enklave Coldhaven, nur dass der Sprechduktus 63 Jahre nach den Uraufführungen von „Under Milk Wood“ ein deutlich anderer geworden ist.

Was man heute beim Wiederhören von „Under Milk Wood“ vielleicht als ein sprecherisches Pathos der dort agierenden Künstler Ludwig Cremer, Manfred Steffen und Inge Meysel erlebt, da der große Regisseur Fritz Schröder-Jahn damals den Stimmenkosmos sehr akzentuiert vibrieren ließ, das ist heute einer großen Nüchternheit gewichen: Klaus Buhlert lässt in „Coldhaven“ die Stimmen und Geister (ja, auch diese lässt John Burnside auftauchen) in entschnörkelter Sachlichkeit erzählen, träumen und berichten, oft unterlegt mit minimalistischen Klangmetaphern, die bisweilen aus einem unwegsamen Küstenstreifen oder der nachgelagerten Moorlandschaft tröpfelnd zu entspringen scheinen.

An der Abfassung des Hörspiels hat Klaus Buhlert, wie er selbst einräumt, maßgeblich mitgearbeitet, denn es sei darum gegangen, die Vorlage – gemeinsam mit dem Autor – aus einer zunächst „wenig radiophonen Schreibe“ in den Sprach- und Sprechgestus des Hörspiels zu transponieren. Was das Ergebnis angeht, spricht Buhlert von einem „Langgedicht als Originalhörspiel“ und umschreibt damit den balladesken Grundton dieser geheimnisvollen Hörlandschaft. Der Vergleich dieser Soundscape mit Dylan Thomas’ historischer Vorgabe ist allemal erhellend und lässt den Wandel des Hörspiels in Klang und Stimme als wunderbare Fortschreibung aufleuchten. Bei Gelegenheit sollte man die beiden Hörspiele und deren Handschriften in einem besonderen Hörspielprogramm gegenüberstellen.

28.02.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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