Johan Theorin: So bitterkalt (Deutschlandfunk Kultur)

Nichts ist, wie es scheint

25.09.2017 • Zwei Kriminalromane des schwedischen Autors Johan Theorin waren vom Deutschlandradio Kultur vor einigen Jahren als Hörspiele realisiert worden: „Nebelsturm“ (vgl. FK-Heft Nr. 7-8/11) und „Blutstein“ (FK-Heft Nr. 19/12). Nun hat der Sender, der seit kurzem Deutschlandfunk Kultur heißt, mit „So bitterkalt“ (Übersetzung aus dem Schwedischen: Susanne Dahmann) die dritte Funkbearbeitung eines Buchs von Theorin produzieren lassen. Wieder stammt die Adaption von Andrea Czesienski, der die Romanwelt des Autors so vertraut scheint, dass sie nicht nur Plot und Setting exakt beibehält, sondern auch die Stimmung. Und gerade Letzteres ist allemal eines der Qualitätskriterien des literarisch durchaus ambitionierten Schriftstellers.

Der deutsche Titel „So bitterkalt“ ist übrigens nicht der Originaltitel von Theorins Buch. Der lautete im Schwedischen absolut klar „Sankta Psyko“ („Sankt Psycho“). Die deutsche Ausgabe hat demgegenüber einen etwas verwaschenen, literarisierenden Titel erhalten – eine Modifikation, die, wie sich dann auch zeigt, nicht gerade plausibel erscheint.

Gleich zu Beginn der Geschichte heißt es: „Hinter einer fünf Meter hohen Betonmauer erhebt sich plötzlich wie eine graue steinerne Festung die Klinik. Nur die obere Fensterreihe ist zu erkennen. Vergitterte Fenster. Auf der Mauerkrone verläuft in dünnen Linien fest gespannter Stacheldraht.“ Und gleich weiß man, dass dieses Gebäude keine gewöhnliche Klinik sein kann, dass sich Grausiges darin abspielen könnte. Und das tut es auch.

„Sankt Patricia“, eine psychiatrische Klinik im schwedischen Ort Valla, wird im Volksmund nur „Sankt Psycho“ genannt. Angrenzend liegt der Kinderhort „Die Lichtung“, in dem die Kinder der in „Sankt Patricia“ untergebrachten, teilweise hochgefährlichen psychiatrischen Patienten betreut werden. Wie man auf einer Webseite des Piper-Verlags nachlesen kann, bei dem die deutschen Übersetzungen von Theorins Büchern erscheinen, ist der Schriftsteller bei einem Spaziergang mit seiner Tochter auf eine solche Einrichtung gestoßen. Es handelt sich bei dieser Klinik also nicht um ein reines Gedankenkonstrukt, sondern um etwas durchaus Reales.

Der in der Geschichte dazugehörige Hort ist nach außen ein Paradies mit Spielplätzen, Schaukeln und Apfelbäumen; er soll es den Kindern ermöglichen, durch regelmäßige Besuche den Kontakt zu ihren Eltern zu halten. „Wir bestrafen nicht, wir behandeln. Egal, was unsere Einwohner getan haben. Wir sind“, so hört man den Klinikchef sagen, „eine Versuchseinrichtung. Als Baustein für die Entwicklung der Kinder zu sozial reifen Individuen.“ Eine hehre Aussage. Man wagt ihr kaum zu glauben. Und so geht es auch dem jungen Erzieher Jan Hauger, der sich auf eine Stelle in dem zur Klinik gehörenden Kinderhort beworben hat. Der scheinbar idyllische Ort erweist sich bald als sein ganzes Gegenteil. Jan Hauger sucht dort auch nicht primär eine Anstellung als Pädagoge, sondern er wird vom Autor auf die Suche nach lang zurückliegenden Missbrauchs- und Mordfällen geschickt.

Statt eines ‘klassischen’ Ermittlers ist es hier also der Erzieher, der eine dieser alten, totgeschwiegenen Geschichten aufrollt. Ivan Rössl, Bewohner von „Sankt Patricia“, ein psychopathischer Mörder, ist emotional gestört und skrupellos. In ihm vermutet Jan den Drahtzieher einer perfiden Entführungsgeschichte, die auch in seinem eigenen Leben Spuren hinterlassen hat.

Der Bezug zwischen dem abstoßenden Mörder und dem jungen Mann bleibt lange im Dunkeln. Ebenso wie Begebenheiten aus Jans Kindheit nur andeuten, was zu seiner Motivation führte, in diesem Kinderhort eine Stelle zu suchen. Der Hörer wird damit in Spannung gehalten, denn von Szene zu Szene wird immer klarer, dass alles anders ist als gedacht und dass die Begründung für jedes Geschehen andere Ursachen hat als angenommen. Ein literarisches Dissimulationsverfahren, das der Autor in einem Dialog zwischen Klinikpsychiater und Erzieher in die Nähe zu Ingmar Bergmans cineastischer Arbeit rückt, insbesondere zu dessen Film „Das Schlangenei“ (1977). Auch das ist im Übrigen ein Hinweis auf die Souveränität des Autors gegenüber seiner Arbeit und künstlerischen Vorbildern. Eine seltene Qualität in Kriminalromanen.

Durch die mit vielen Rückblenden aufgeheizte Erzählung zieht sich gleichsam linear die Geschichte zwischen Jan und Alice, einer Kinderfreundin. Aus der Beziehung wurde eine große, wenn auch einseitige Liebe. Jan sucht Alice, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen ist wie die Kinder aus dem Hort „Die Lichtung“. Alice konnte der Einrichtung jedoch entfliehen. Mit der kleinen Romeo-und-Julia-Variante taucht Theorin ab in eine etwas süßlich geratene Welt des Halberwachsenseins – eine äußerst schwierig darzustellende Phase, wie schon Frank Wedekind 1891 erschienenes, epochemachendes Theaterstück „Frühlings Erwachen“ bewiesen hat.

Nichts ist, wie es scheint, nichts endet, wie vermutet – und dennoch findet „So bitterkalt“ nach vielen Verspiegelungen ein nachvollziehbares Ende. Wenn auch natürlich kein Happy End. Judith Lorentz, die Regisseurin des rund einstündigen Hörspiels, hat mit einem schönen Gefühl für den gefrorenen Rhythmus den Kosmos des Stücks eingefangen, unterstützt von der Musik Lutz Glandiens. Der Komponist geht bewusst das Risiko ein, die etwas zu lieblich geratene, romantisierende Protesthaltung der Figur der Alice musikalisch umzusetzen. Ob man das als gelungen bezeichnen möchte, ist letztlich eine Frage des persönlichen musikalischen Geschmacks.

So wie Theorins 2012 erschienener Roman ein ständig schwingender Aufbau von Handlungsteilen ist, so ist auch diese Hörspielversion von „So bitterkalt“ nicht immer klar fassbar, aber stets spannend. Und das ist allemal der Königsweg eines Krimis.

25.09.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK