Jörg Albrecht: Beyond the Rainbow (Bayern 2)

Zurück in Kansas

„I’ll be your mirror / Reflect what you are, / In case you don’t know“ – diese Zeilen sang Christa Päffgen alias Nico 1967 mit der Band The Velvet Underground. Die Zeiten haben sich geändert und das Motto, das Jörg Albrecht an den Anfang seines neuen Hörspiels „Beyond the Rainbow“ gesetzt hat, lautet: „I’ll be my mirror“. Das Stück wird bevölkert von Silvana Trans, einer Frau mit Penis, Tom Cruising, einem Mann mit Vagina, Hayati Terzi, einem schwulen Katholiken mit türkischen Eltern, Toto Ricchetti, einem gehörlosen Genderforscher, und Brian Storm, einem afro-deutschen Blackfacing-Künstler und Teilzeit-Gogo-Boy. Die Selbstbespiegelung bei fehlendem Gegenüber ist denn auch über (zu) weite Strecken das Thema dieser multiplen Existenzen.

Für Albrechts Figuren ist der Spiegel das denkbar untauglichste Mittel der Selbsterkenntnis, denn der zeigt nicht das, was sie sehen wollen, sondern nur Oberflächen. Paradoxerweise muss sich Silvana Trans, um auch rechtlich als Frau durchzugehen, dem erwarteten Spiegelbild anpassen – kosmetisch und notfalls operativ. Doch im Zentrum von Jörg Albrechts rund 55-minütigem Hörspiel stehen nicht Spiegelbilder, sondern modellhafte Filmbilder in ihrer ganzen Vertracktheit von Identität und Rolle, Authentizität und Inszenierung. Basis des Hörspiels sind denn auch die Analyse und Interpretation des Musicalfilms „The Wizard of Oz“ aus dem Jahr 1939. Eine Vogelscheuche ohne Hirn, ein Blechmann ohne Herz, ein Löwe ohne Mut und nicht zuletzt Judy Garland als Dorothy Gale aus Kansas machen sich im Land jenseits des Regenbogens auf den (gelben Backstein-)Weg nach Anerkennung und Emanzipation – flankiert von 124 Munchkins, denen im Abspann keinerlei individuelle Identität zugestanden wird.

In diesem Rahmen figuriert Hayati Terzi, „der Schwule ohne Herz, der jeden Typen abschleppt, um ihn dann eiskalt liegen zu lassen“, als der Charakter, der sein schwierigstes Outing noch vor sich hat, nämlich sich zu seiner Konversion zum Christentum zu bekennen. Dabei sieht er sich sonst gänzlich anderen Anforderungen an sein Persönlichkeitsprofil gegenüber: „Feier dich, türkischer Macho-Proll“, tönt es ihm entgegen. Und beim Sex stellt sich die Frage, wer wen hegemonialisiert oder marginalisiert. Das ist natürlich ein Witz für „Freund*innen“ des diskursiven Genderjargons. Ähnlich verhält es sich mit der Genderidentität von Dorothys Hund Toto, der im Film von der Hündin Terry gespielt wurde.

Doch solche Momente des Humors, der Komik und Selbstironie sind im Hörspiel rar gesät, denn Jörg Albrechts Figuren ist es ernst, wenn es um Identitätsfragen geht – ähnlich ernst wie jenen Gruppen, die unter anderem als „Identitäre“ firmieren und alles Nicht-Identische ausschließen und vernichten wollen. Als Symbol dafür dient im Hörspiel die mehrheitlich von türkischstämmigen Menschen bewohnte Kölner Keupstraße, in der die Terrorgruppe, die sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte, 2004 eine Nagelbombe zündete. Im Stück wird die Keupstraße zum gelben Backsteinweg, jener „Yellow Brick Road“, auf dem die Filmfiguren zum Zauberer von Oz gelangen und auf dem auch Hayati Terzi sein Herz entdeckt. Als „Hayati Keupstraße“ findet er eine neue Konzeption von Identität. Er sieht sich als „eine Welle, die sich die ganze Zeit bewegt, aber nie ankommen wird“.

Auf der Keupstraße ist man wieder diesseits des Regenbogens, metaphorisch gesprochen: zurück in der Realität von Kansas, in einer Gesellschaft, die, wie es im Hörspiel heißt, „sich durchgerungen hat, doch noch alle Rechte zu vergeben: den Homos die Ehe, den Transen die Transition und den Behinderten die Inklusion, und die dann selbst feststellen muss, dass sie das gar nicht mehr kann.“ Es ist dieser Realitätsschock, der auch die Arbeit am Hörspiel beeinflusst hat, das auf einem noch unvollendeten Romanprojekt basiert, wie Jörg Albrecht in einem Gespräch mit Marie Schoeß erläuterte, das bei Bayern 2 im Anschluss an das Hörspiel ausgestrahlt wurde.

Regisseurin Stefanie Ramb hat mit ihrem Ensemble (Karolina Horster, Julia Riedler, Christian Erdt, René Dumont, Aurel Manthei und Franz Pätzold) Jörg Albrechts sorgfältige Lektüre des Films „The Wizard of Oz“ und seiner Produktionsbedingungen als eine Art Meta-Film inszeniert. Dabei erweisen sich die Identitätsprobleme der Figuren jenseits des Regenbogens als weit weniger bedeutsam als die diesseitigen. Was beginnt wie ein Stück, das für Hörer außerhalb der LGBT-Community von eher untergeordnetem Interesse ist, schlägt am Ende hart in der Realität (der Keupstraße) auf und bekommt dadurch Relevanz. Das Hörspiel endet mit sieben filmischen Einstellungen und einem aus dem Film stammenden Song, der von dem Münchner Duo „Beißpony“ (Steffi Müller und Laura Theis) interpretiert wird: „Ding Dong! The Witch Is Dead“ – und diese Hexe hatte auch so ihre Identitätsprobleme.

24.02.2017 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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