Jochen Langner/Andreas von Westphalen: Horchposten 1941. 2‑teiliges Hörspiel (Deutschlandfunk/WDR 3)

„7 Uhr 30. Mama starb. Alle sind tot.“

Der Blockade Leningrads 1941 durch die deutsche Wehrmacht gilt die zweiteilige Hörfunkproduktion „Horchposten 1941“, die Jochen Langner und Andreas von Westphalen nach akribischen Vorarbeiten für die beiden deutschen Programme Deutschlandfunk und WDR 3 und den russischen Sender Radio Echo Moskau gestaltet haben. (Teil 1: „Die Blockade“, Teil 2: „Der Marsch“).

„Es ist zu befürchten, dass den meisten Menschen hierzulande die ungeheuerliche Dimension des Terrors, den die Deutschen in jenen dreieinhalb Jahren über die Sowjetunion brachten, bis heute nicht wirklich klar geworden ist“, bemerkte 2006 Peter Jahn, Historiker und langjähriger Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Berlin, und er fügte hinzu: „27 Millionen Sowjetbürger starben als Opfer des deutschen Krieges zwischen 1941 und 1945. Es ist eine Zahl, die viele hier nicht kennen. Oder nicht kennen wollen.“

Vor dem Hintergrund weniger oder nur ungenau benannter Zahlen begannen die beiden erfahrenen Journalisten und Dokumentaristen Langner und von Westphalen bereits vor etwa drei Jahren mit intensiven Recherchen zum „Feindbild des Anderen“, dem Oberthema ihrer zweisprachigen, deutsch-russischen Klanginstallation, die der Radioproduktion vorausgegangen war. Das Ganze ist ein Mammutunternehmen, eine Produktion von großer kulturpolitischer Ambition.

Realisiert werden konnte es nur durch eine bis dato einmalige Zusammenarbeit des bundesweit ausstrahlenden Deutschlandfunks (Redaktion: Sabine Küchler), des Westdeutschen Rundfunks (Redaktion: Isabel Platthaus) und von Radio Echo Moskau (Redaktion: Sergey Buntman). Dieser Sender gilt zwar als der einzige unabhängige, der im russischen Riesenreich ausgestrahlt wird; 66 Prozent der Aktienanteile hält allerdings die Gazprom-Media Holding, eine Tochtergesellschaft der Gazprombank, die wiederum eine Tochter des Energieunternehmens Gazprom ist, an dem mit 50 Prozent und einer Aktie der russische Staat beteiligt ist.

Die relative Staatsferne von Radio Echo Moskau hat dessen stellvertretenden Chefredakteur Sergey Buntman dazu bewogen, die Produktion „Horchposten 1941“ nach Kräften und auch durch persönliches Mitwirken zu unterstützen. Und die Unterstützung durch diesen als Nichtregierungsorganisation gelisteten Sender trug mit dazu bei, dass die Autoren in Archiven recherchieren konnten, die deutschen Wissenschaftlern oder Journalisten bis dahin unzugänglich waren. Tagebücher Leningrader Bürger, aber auch Eintragungen von Soldaten waren wertvolle, zuvor meist unbekannte Quellen. Die Produktion in den Moskauer Studios des Senders machte eine zweisprachige Klanginstallation überhaupt erst möglich.

Dies und die materielle und redaktionelle Unterstützung durch Deutschlandfunk und WDR hätte jedoch nicht ausgereicht. Dazu kam die Förderung durch das Auswärtige Amt, die Moskauer Dependance der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und die „Zeit“-Stiftung. Sponsoren dieses Kalibers und Renommees zu finden, war für die beiden Autoren eine Herausforderung an deren Überzeugungskraft und Organisationstalent, ohne die eine solche akustische Topografie des Krieges nicht realisierbar gewesen wäre.

Die Klanginstallation wurde Ende Februar 2017 in St. Petersburg, wie Leningrad heute wieder heißt, im „Nationalen Museum für die politische Geschichte Russlands“ erstmalig präsentiert und stieß bei Publikum und Presse auf große Anerkennung. Auf der offiziellen Website des russischen Kulturministeriums wurde die Aufführung als „die wichtigste Veranstaltung seit 10, 15 Jahren“ angekündigt. (Anscheinend hat die deutsche Politik und Kulturpolitik hier noch einiges nachzuholen.) Nach der Präsentation Anfang Mai in der „Moskauer Manege“, einem Veranstaltungsort von enormen Ausmaßen, kam die Installation am 27. April nach Berlin ins Willy-Brandt-Haus. Mehrere deutsche Städte, meist Partner russischer Städte, werden als Aufführungsorte folgen, darunter im Juni Köln (NS-Dokumentationszentrum am Appellhofplatz).

Trotz der organisatorisch schwierigen und äußerst anspruchsvollen Vorbereitungen blieb Jochen Langner und Andreas von Westphalen die Kraft, der räumlichen Gestaltung und vor allem der Radioversion ein bemerkenswertes künstlerisches Niveau zu geben. Zitate auf der Basis gründlicher Recherchen in Tagebuchaufzeichnungen, aber auch in Briefen russischer und deutscher Soldaten geben der Installation Struktur und eine immanente Energie, die sich dem Hörer unmittelbar mitteilt. Kontrolliertes Eintauchen in die Welt der russischen Lyrik jener Zeit, die für die noch verbliebenen, noch lebenden Autoren ein Vorhof des Schattenreichs war, gibt dem Hörspiel eine eigene, literarische Dimension. Deutsche und russische Schauspieler geben dem Dialog, dem Zuhören und Verstehen der verschiedenen Erinnerungen, Kulturen und Generationen ihre Stimmen.

Die so aufgebauten Klangfelder werden wie mit dem Hackbeil getrennt von Auszügen aus Verlautbarungen der deutschen Usurpatoren. Vieles wird angeführt, was Wenigen hierzulande bekannt sein dürfte. SS-Reichsführer Heinrich Himmler etwa verlautete in einem Kommuniqué vom 14. Juni 1941, es gelte, „den Osten nicht im alten Sinne zu germanisieren, das heißt den dort wohnenden Menschen deutsche Sprache und deutsche Gesetze beizubringen, sondern dafür zu sorgen, daß dort nur Menschen wirklich deutschen, germanischen Blutes wohnen“. Ein klarer Hinweis auf den seit langem intendierten Genozid.

NS-Propagandaminister Joseph Goebbels wurde wenig später noch deutlicher: „Zweck des Kriegszuges ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen. Der Krieg wird um Getreide und Brot geführt, zur Erringung der materiellen Voraussetzung zur Lösung der sozialen Frage. [...] Moskau und Leningrad müssen dem Erdboden gleichgemacht werden, damit keine Menschen ernährt werden müssen. Die Überlebenden werden ausgehungert.“

Die Leningrader flüchten. Ein Exodus von biblischen Ausmaßen beginnt. Sie flüchten über den zugefrorenen, riesigen Ladogasee unter Lebensgefahr, da dieser ständig bombardiert wird. Wassili Großmann, Reporter und Autor, der selbst zu den Fliehenden gehört, schreibt in seinen Augenzeugenberichten: „Wir waren auch seelisch verkommen, nicht nur halbverhungert und krank.“ Ein Panorama des Elends und der Entmenschlichung tut sich auf.

Es ist ein großes Verdienst der beiden Realisatoren von „Horchposten 1941“, dass sie jeden Empörungsgestus vermeiden. So werden immer wieder in zurückhaltendem Ton die Tagebuchaufzeichnungen vorgetragen. In diesem „akustischen Erinnerungsraum“ (Jochen Langner) haften nicht zuletzt die Eintragungen sehr junger Menschen. Lena Muchina, ein junges Mädchen aus St. Petersburg, träumt von einer Zugfahrt mit ihrer Mutter. In der Ersten Klasse würden sie reisen, elegant gekleidet, und vieles erleben. „Wie ich leben möchte, wie ich leben möchte!“ Ein Aufschrei, ein Stöhnen, das den Traum zu Herzen gehend übertönt. Später ist kein Platz mehr für solche Träume. Die Menschen sterben an Hunger, Entkräftung, Infektionen. Die zwölfjährige Tanja Sawitschewa notiert Sterbetag und Sterbestunde eines jeden ihrer Verwandten. Am 416. Kriegstag schreibt sie: „13. März 1942. 7 Uhr 30. Mama starb. Alle sind tot. Die Sawitschews sind tot. Nur Tanja ist noch übrig.“

Das Hörspiel „Horchposten 1941“ belegt einen Abschnitt der russischen Geschichte und der deutschen Okkupation, deren schreckliche Bedeutsamkeit unbestritten und unvergessen ist. Es geht dabei auch um die Entdeckung des Anderen und um die Verantwortung im Erinnern dieses Krieges. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, eine der grausamsten Phasen des Zweiten Weltkriegs zu dokumentieren und mit den Mitteln des Mediums in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine Auszeichnung für diese Produktion wäre angemessen.

17.05.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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