Jerzy Jurandot: Die Liebe sucht ein Zimmer (Nordwestradio)

Revue aus dem Warschauer Ghetto

Der 1966 in Bremen geborene Autor David Safier hat sich mit einer Reihe von Romanen ein Riesenpublikum erobert und das in vielen Sprachen. „Mieses Karma“ ist nur ein Titel, insgesamt über zwei Millionen Bücher Safiers wurden verkauft. „Nebenbei“ ist David Safier aber auch als Journalist und Drehbuchautor tätig. Die ersten Sporen hat er sich bei Radio Bremen verdient. Für die ARD-Vorabendserie „Berlin, Berlin“ wurde er mit dem Deutschen Fernsehpreis (2002) und dem Grimme-Preis (2003) ausgezeichnet. Im Zuge von Recherchen stieß Safier durch Zufall auf eine Komödie, die am 26. Januar 1942 uraufgeführt wurde, und zwar im Femina-Theater im Warschauer Ghetto. Es handelt sich um das Stück „Die Liebe sucht ein Zimmer“ von Jerzy Jurandot und David Safier machte daraus im Auftrag von Radio Bremen ein rund 55-minütiges Hörspiel, das der Sender jetzt in seinem Programm Nordwestradio ausstrahlte.

Das Femina-Theater war – laut der Internetseite „Virtuelles Schtetl – einer der beliebtesten Unterhaltungsorte im Ghetto und wurde mit Genehmigung der deutschen Besatzer im Juni 1941 eröffnet. Die Umgebung des Theaters wurde „Broadway“ genannt. Jerzy Jurandot wurde sein künstlerischer und literarischer Leiter und brachte meist Operetten und Revuevorstellungen zur Aufführung. Das Theater wurde kurz vor dem Beginn der Deportation der Ghetto-Einwohner ins Vernichtungslager Treblinka geschlossen. Am 16. Mai 1943 adressierte Generalmajor Jürgen Stroop, der vom Nazi-Regime mit der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto beauftragt worden war, an Heinrich Himmler, den Reichsführer SS, einen Bericht, der überschrieben war mit dem Satz: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“.

Vor dem Hintergrund dieses gnadenlosen Genozids kann man sich nur schwer vorstellen, dass Revuen und Komödien täglich aufgeführt wurden – auch wenn das Bedürfnis nach Amüsement und Unterhaltung nur allzu nachvollziehbar ist. Weniges ist aus dieser Zeit erhalten. Der von den Nazis brutal vorangetriebene Auslöschungsprozess verschonte weder Schauspieler noch Sänger noch Autoren. Nur wenige konnten entkommen. Jerzy Jurandot, der Theaterchef, Librettist und schon vor der Okkupation renommierte Impresario entkam dem Warschau Ghetto. 1952 übernahm er die Direktion des „Satirischen Theaters“ in der polnischen Hauptstadt und starb dort 1979 im Alter von 68 Jahren. Auch das Femina-Theater ist tot. Es musste zunächst einem Kino und dann einem Supermarkt weichen. Außer einer Gedenktafel mit den Namen der bekanntesten Künstler erinnert nichts mehr an dieses Theater.

Ohne dieses Hintergrundwissen kann man der exzellenten Hörspielproduktion zwar mühelos folgen, nicht aber den Abgrund ermessen, der sich zwischen der alltäglichen, lebensbedrohlichen Situation im Ghetto und der Sehnsucht nach Liebe, Leichtigkeit und Glück auftat. Dann und wann brechen aus den eingefügten Songs Worte hervor, die Schlüssel zur grausamen Wirklichkeit sein könnten (so etwa immer wieder das Wort „Judenpolizei“). Doch diese Worte sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Musikalisch sind die Songs im Revueton der dreißiger Jahre gehalten, schmissig und melodiös.

Und die Songs hätten ruhig ein wenig frivoler sein können. Schließlich geht es um eine Komödie in geradezu ‘klassischer’ Anordnung. Zwei junge Paare, jeweils gerade einen Tag verheiratet, bekommen vom Amt – angeblich versehentlich – das gleiche klitzekleine Zimmer in einem Haus im Ghetto zugewiesen. Da man ohnehin nichts zu teilen hat, teilt man sich wenigstens das Zimmerchen und stellt dann fest, dass man auch die Liebe über Kreuz schon mal geteilt hat. Ein weiteres junges, aber schon etwas erfahreneres Paar kommt hinzu und bringt mit Hilfe von Lebenserfahrung und einem Rest von Wodka die Irrungen und Wirrungen ins richtige Gleichgewicht.

Ein Bühnenbild, ein Klavier und eine Truppe talentierter, meist junger Schauspieler genügten im Femina-Theater, die Besucher zu begeistern und für kurze Zeit über die lebensbedrohlichen Alltagssorgen hinwegzutäuschen. Der Hörspielbesetzung von Regisseur Hans-Helge Ott gelingt die Komödie mit bewusst sparsam eingesetzten Mitteln; mitwirkende Akteure sind unter anderem Andreas Helgi Schmid, Guido Gallmann, Maria Magdalena Wardzinska und Effi Rabsilber. Aber es fehlt dem Stück der doppelte Boden beziehungsweise eine zweite Ebene. Man denke nur etwa an George Taboris Stück „Die Kannibalen“, das allerdings viele Jahre nach dem Holocaust geschrieben wurde und auf die Bühne kam.

Jerzy Jurandots kleine Revue ist dagegen mitten im Elend entstanden. Die Intention der Bearbeitung durch David Safier und der Inszenierung von Hans-Helge Ott, ein Stück Unterhaltung aus dem Umfeld des Warschauer Ghettos nachzubilden und vorzustellen, verdient allen Respekt, ebenso wie die Komposition von Verena Guido, die den Sound dieser Revuen – wie man sie auch aus Filmen der dreißiger Jahre kennt – durchaus gekonnt nachahmt. Selbst wenn sich die Frage stellt, ob man aus der Entdeckung dieses Stücks nicht mehr hätte machen können, ist dieses inspirierte und engagierte Hörspiel ein wirklich interessantes Programmangebot an die Hörer – und man sollte dieses Angebot nicht nur den Hörern im hohen Norden machen.

12.06.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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