Jens Sparschuh: Einmal Sankt Petersburg über Leningrad und wieder zurück. Feature (MDR Kultur)

Eine literarische Chronik

„Wenn man den Prospekt betritt, spürt man sogleich diesen gewissen Duft von frohem Müßiggang.“ So beginnt Jens Sparschuhs einstündiges Radiofeature „Einmal Sankt Petersburg über Leningrad und wieder zurück“. Gemeint ist in dem Einstiegssatz der Newski-Prospekt, der geschichtsträchtige Boulevard von Sankt Petersburg, dem ehemaligen Leningrad. Und der dies schrieb, war kein Geringer als Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809 bis 1852), einer der bedeutendsten Autoren russischer Sprache. Benannt wurde der Prospekt nach dem Fürsten Alexander Jaroslawitsch, genannt Newski. Diesen Ehrennamen erhielt er, nachdem er 1240 die Schweden bei der Schlacht an der Newa geschlagen hatte. Im Jahr 1703 gründete Zar Peter der Große das nach ihm benannte Sankt Petersburg, das von 1924 bis 1991 den Namen des marxistischen Theoretikers, Bürgersohns und Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin trug. Am 6. September 1991 erhielt Leningrad entsprechend dem Votum seiner Bevölkerung, die im Juni des Jahres entsprechend abgestimmt hatte, wieder seinen alten Namen.

So weit das historische Tableau, das unzählige Male beschrieben wurde. Kein Grund, dazu ein weiteres Mal den Pinsel zu schwingen. Und genau deshalb wurde statt eines Journalisten ein Schriftsteller mit der Produktion dieses Features besonderer Couleur beauftragt. Jens Sparschuh ist promovierter Philosoph und ein durch und durch literarischer Autor zahlreicher Erzählungen, Romane und Hörspiele. Für den Monolog „Ein Nebulo bist du“, in dem sich der Diener Lampe an seinem Herrn Immanuel Kant wetzt, wurde Sparschuh 1990 mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet (vgl. FK-Heft Nr. 13/90). Nun hat er sich aufgemacht in seine ehemalige Studienstadt, das damalige Leningrad, um dem mittlerweile von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichneten Sankt Petersburg und dessen Herzmeile, dem Newski-Prospekt, wieder nahezukommen. Die Prachtbauten, Paläste und Kirchen streift der Blick des Autors nur. Gerichtet ist er vielmehr auf ein Gebäude, das zwar majestätisch aufgerichtet ist, dies aber weder einem historischen Anlass noch imperialer Bauwut verdankt, sondern – einer Nähmaschine.

Zufällig war Jens Sparschuh an das Konvolut privater Briefe eines Deutschen aus dem Sankt Petersburg der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gelangt, der als leitender Mitarbeiter für die international agierende Nähmaschinenfirma Singer tätig war. Die Briefe sind für den Autor nicht nur ein Leitfaden durch eine wirtschaftliche Blütezeit der Stadt an der Newa; sie geben ihm auch die Gelegenheit zu Ausflügen in die Zeit nach dem revolutionsbedingten Niedergang dieser und vieler anderer Firmen in Sankt Peterburg und veranlassen ihn, Einblicke zu nehmen in die Lebenssituation vieler Petersburger heute.

Die Zeit der Belagerung Leningrads durch die deutsche Heeresgruppe Nord während des Zweiten Weltkriegs, die sogenannte „Leningrader Blockade“, wird nur gestreift. Diese Periode war grausam und menschenverachtend. Schätzungen sprechen von weit über einer Million ziviler Bewohner der Stadt, die geplant ausgehungert wurden, die erfroren und qualvoll starben. Die Stadt selbst, so war der deutsche Heeresplan, sollte dem Erdboden gleichgemacht werden. Dieser Zeitraum vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 verdient eigene Beachtung. Der Roman „Der Dirigent“ von Sarah Quigley über Dmitri Schostakowitsch und den Dirigenten Karl Eliasberg bringt dieser Zeitspanne die nötige Aufmerksamkeit entgegen. Neben all den vielen literarischen Bearbeitungen in den Spielplänen der Hörspielredaktionen könnte eine Adaption dieses Romans ein wichtiges Zeugnis ablegen zu den russisch-deutschen Beziehungen auf einem historischen Tiefpunkt.

In seinem Feature erweist Sparschuh sich als literarischer Chronist, der zwar O-Töne und Interviews nicht ausschließt, sie allerdings nur dosiert einsetzt. Das hat Charme und gleichzeitig Melancholie, doch auch einen Humor, mit dem kleine literarische Exkurse und Beobachtungen zeitgenössischer Schönheiten dargestellt werden. Heutiges Geschehen an der Newa, an deren innenstädtischem Ufer sich der Nähmaschinenpalast, also der „Singer-Bau“, erhebt, beschreibt der Autor so: „Im Sommer verwandelt sich der Newski-Prospekt in einen Laufsteg. Die Schönen des russischen Reiches stöckeln ihn hochhackig auf und ab, stolz erhobenen Hauptes passieren sie die Ehrenformation der baff staunenden Männer.“ Ihnen wird kaum bewusst sein, dass sie ihr schickes Outfit in gewisser Weise den Singer-Nähmaschinen ihrer Urgroßmütter verdanken.

Die Singer-Zentrale in Sankt Petersburg sollte ursprünglich ein Wolkenkratzer werden, wie die zeitgleich entstandene Singer-Zentrale am Broadway. In Sankt Petersburg war es jedoch verboten, Häuser zu bauen, deren Höhe die Breite der Straße in ihrem jeweiligen Bereich übersteigt – eine kluge städtebauliche Entscheidung, die dem Newski-Prospekt durch den auf diese Weise möglichen Lichteinfall den Boulevard-Charakter gab. Aus dem intendierten Wolkenkratzer wurde aufgrund der einschränkenden Vorschriften in Sankt Peterburg ein prachtvoller, verglaster Jugendstilbau. In dessen Fenstern spiegelt sich, verzeichnet Sparschuh, „das Blau des nördlichen Himmels“.

Gelegentlich werden Features ein wenig stiefmütterlich behandelt. Hier hat man sich erfreulicherweise für das Gegenteil entschieden: Mit Wolfgang Rindfleisch wurde ein äußerst erfahrener Regisseur engagiert. Sein schauspielerisches Gespür, die Radioerfahrung und seinen musikalischen Geschmack setzt er ein, um Sparschuhs literarische Chronik in der ihr angemessenen Weise zu illustrieren. Die klug geführten Stimmen von Wolfram Koch (Erzähler) sowie Christian Melchert und Sergej Gladkich als Zitatsprecher tragen dazu bei, dass dieses MDR-Feature zu einer abwechslungsreichen und hörenswerten Radioproduktion mit ganz eigenem Kolorit geworden ist.

28.02.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK