Ihre Hörspiele, ihre Stimme: Friederike Mayröcker erhält den Günter‑Eich‑Preis

Von Jochen Meißner

21.10.2017 • „Es liegt nahe, dass man als Gedichteschreibender Hörspiel schreibt“, zitiert Friederike Mayröcker in ihre Dankadresse für den Günter-Eich-Preis den Namensgeber, nur um ihm sogleich zu widersprechen: „Nein, sagte ich, es liegt nahe, dass man als Prosaschreibende Hörspiele schreibt, großflächige, feingliedrige Hörspiele.“ Und, so möchte man hinzufügen, es liegt nahe, dass man diesen großflächigen und feingliedrigen Hörspielen im Wortsinne eine Stimme gibt – am besten die eigene. Die Stimme der Lyrikerin Friederike Mayröcker verleiht ihren Texten das spezifische Timbre, das sie verbindet und unverwechselbar macht. Für ihre späten Hörspiele lässt sie keine Schauspieler mehr zu. „Oskar Werner wäre die Ausnahme gewesen“, sagte die Autorin dazu in ihrem Videogrußwort, als ihr am 7. September in Leipzig auf dem Mediencampus Villa Ida der mit 10.000 Euro dotierte Preis für ihr Lebenswerk verliehen wurde.

Sie war nicht selbst vor Ort, da sie in ihrem hohen Alter nicht mehr reisen mag. Friederike Mayröcker ist 92 Jahre alt. Sie wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren. Damit ist sie fast so alt wie jenes Medium, dem sie und das ihr viel verdankt: das Radio. In Österreich nahm die Radio Verkehrs A.G. (RAVAG) am 1. Oktober 1924 auf Welle 530 unter dem Namen „Radio Wien“ den täglichen Regelbetrieb ihres Rundspruchdienstes auf.

Das Eigenleben der Sprache

Als Lyrikerin debütierte Friederike Mayröcker 1956 mit „Larifari: Ein konfuses Buch“, da arbeitete sie noch als Englischlehrerin. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Ernst Jandl, mit dem sie seit 1954 zusammenlebte, definierte sie 1968 das, was man „Das Neue Hörspiel“ nennen sollte, als „doppelten Imperativ“. „Fünf Mann Menschen“ hieß die gerade mal 15-minütige Sprachkomposition (Regie: Peter Michel Ladiges), die dann auch mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde und die neuen Formen des akustischen Erzählens zum Durchbruch verhalf – auch wenn die Schriftstellerin sich nicht so recht mit dem Begriff des Erzählens anfreunden mag.

„Ich lese selbst keine Bücher, die eine sogenannte ‘Handlung’ haben“, sagte sie in dem viertelstündigen Videoporträt, das Katja Gasser für den Österreichischen Rundfunk (ORF) erstellt hatte und das insofern sehr radiophon war, als die Bildspur das Gesagte eins zu eins illustrierte. Das wäre Friederike Mayröcker nicht passiert, entwickelt doch in ihren Texten die Sprache selbst ein Eigenleben. So sind denn von ihr zusammen mit Ernst Jandl, dessen sprechspielerische Wortkombinationen ebenfalls singulär sind, bis 1971 nur vier Hörspiele entstanden. Neben dem äußerst erfolgreichen Debüt noch „Der Gigant“ (vgl. FK-Heft Nr. 18/1969), „Spaltungen“ (vgl. FK-Heft Nr. 19/1970) und „Gemeinsame Kindheit“.

Bei allen weiteren Hörspielen – es sind fast 40 – firmiert Friederike Mayröcker als alleinige Autorin, angefangen bei „Mövenpink oder 12 Häuser“ aus dem Jahr 1968 über „Die Umarmung, nach Picasso“ von 1986, „Das Couvert der Vögel“ von 2001 bis zu „Oder 1 Schumannwahnsinn“ aus dem Jahr 2011. Alleinige Autorin war sie, aber das heißt nicht, dass Komponisten und Autoren wie Mauricio Kagel oder Gerhard Rühm nicht beteiligt sein konnten. Auch das Requiem „will nicht mehr weiden“ für ihren im Jahr 2000 verstorbenen „Hand- und Herzgefährten“ Ernst Jandl (vgl. FK-Kritik) zählt zum Oeuvre. Inszeniert haben ihre Hörspiele die besten Regisseure: Ulrich Gerhardt, Heinz von Cramer, Götz Fritsch und Klaus Schöning.

Ihr erstes Musiktheaterstück

Wolfgang Schiffer, ehemaliger Hörspielchef des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und Vorsitzender der Günter-Eich-Preis-Jury – der außerdem Linde Rotta (die Initiatorin des Preises), Konrad Zobel (früherer Leiter der ORF-Abteilung ‘Literatur und Hörspiel’), Diemut Roether („epd medien“) und Frank Olbert („Kölner Stadt-Anzeiger“) angehörten – würdigte bei der Preisverleihung in Leipzig im Gespräch mit MDR-Moderator Thomas Bille die Autorin, die „ihren Hörspielen selbst den Körper gibt“. Schiffer weiter: „In so einer Art schamanisieren Suada, wie ihre Hörspiele aufgestellt sind, ist sie, muss man so salopp sagen, die perfekte Stimme für ihre Art und Weise zu schreiben.“

Im Lauf der Jahre hat sich die Dramaturgie ihrer Stücke immer mehr auf die Musikalität ihrer Texte fokussiert. Sie wurde monologischer, darum aber nicht weniger welthaltig. Nicht nur der Philosoph Jacques Derrida schaut immer mal wieder kurz in ihren Texten vorbei, auch Blixa Bargeld, Sänger der Band ‘Einstürzende Neubauten’, bekommt mal eine kleine Nebenrolle.

Kurz vor der Preisverleihung in Leipzig wurde in Österreich beim „Kultursommer Semmering“ Mayröckers erstes Musiktheaterstück, „OPER! – Eine poetische Komposition für die Bühne“, in der Inszenierung des Musikwissenschaftlers und Radiomoderator Otto Brusatti uraufgeführt. Das wohl späteste Debüt in der Musikgeschichte und der Beweis dafür, dass ein Lebenswerk mit 92 Jahren noch keinesfalls beendet ist. Friederike Mayröcker ist nach Alfred Behrens, Eberhard Petschinka, Hubert Wiedfeld, Jürgen Becker und Ror Wolf die sechste Preisträgerin des alle zwei Jahre verliehenen Günter-Eich-Preises.

21.10.2017 – MK