Holger Böhme: Die meisten Afrikaner können nicht schwimmen (MDR Kultur)

Das Leiden der Anderen

09.09.2016 • Mit Vorurteilen lebt es sich leichter. Denn durch sie bleibt es einem erspart, sich genauer mit bestimmten Sachverhalten oder Personen auseinanderzusetzen. Dieser erstaunlich effektvolle antirationale Charakter vorgefasster Meinungen lässt es lohnenswert erscheinen, sich auch einmal im Hörspiel mit gesellschaftlich relevanten Ressentiments und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen. In dem von Holger Böhme verfassten Stück „Die meisten Afrikaner können nicht schwimmen“ (Regie: Stefan Kanis) ist das der Fall. Hier ist deswegen passenderweise gleich ein Vorurteil zum Titel des Hörspiels geworden.

Die rund 50-minütige Produktion, ausgestrahlt vom Mitteldeutschen Rundfunk in seinem Programm MDR Kultur (dem vormaligen MDR Figaro), bietet eine sehr radioaffine Ausgangssituation. Sonja (gesprochen von Eva Löbau) und Oliver (Devid Striesow) sitzen allein mit dem Techniker im Sendestudio, von wo aus sie als ‘normale Bürger‘ in den kommenden 50 Minuten eine Sendung gestalten werden, „in der Menschen in Gewissensnot im Radio ihre Geschichte erzählen und sich dem Urteil der Hörer stellen können“, wie es in der MDR-Ankündigung zu dem Hörspiel heißt. Die beiden wollen die Gelegenheit nutzen, um ihren Erfahrungsbericht von einer Reise mit den Zuhörern zu teilen. Dabei erweckt das Echtzeit-Hörspiel den leicht illusionistischen Eindruck einer Live-Sendung.

Zu Beginn merkt man noch wenig von der inhaltlichen Schwere, die das Hörspiel im weiteren Verlauf transportieren wird. Das mittelalte Pärchen verpasst den Sendungsstart, merkt nicht, als es on air losgeht – es wird gegiggelt und es herrscht Uneinigkeit darüber, wer denn nun mit dem Erzählen beginnen soll. Während das Lachen und der lockere Tonfall verschwinden, bleiben die Disharmonien zwischen Sonja und Oliver bestehen und bekommen einen beinahe streitsüchtig wirkenden Charakter – der Ton verschärft sich zunehmend.

Alles dreht sich um einen Segeltörn, den die beiden vor etwa einem halben Jahr auf der Yacht von Olivers Vater im Mittelmeer unternommen haben. Durch Zufall seien sie dabei auf drei überlebende Schiffbrüchige gestoßen und hätten sie aus dem Wasser gerettet. Von da an habe sich bei ihnen Angst vor der Frau und den beiden Männern breitgemacht. Die Kommunikation mit ihnen bezeichnen Oliver und Sonja als im Grunde nicht möglich; aufgrund der Hautfarbe vermuten sie, dass die drei aus Afrika stammen. Es könnten Flüchtlinge sein, denken sie, aber vielleicht seien es auch Schlepper, reden sie sich ein.

Oliver und Sonja ergehen sich nun vor dem Mikro in fadenscheinigen und ressentimentgeladenen Begründungen für ihre geradezu panische Angst. Dabei fallen sie sich gegenseitig immer wieder ins Wort und sparen nicht mit Schuldzuschreibungen an den jeweils anderen. Kein Wunder, denn die beiden haben schwere Schuld auf sich geladen: Sie haben das Boot bewusst auf ein Riff aufschlagen lassen, sind zum Festland geschwommen und haben die drei ihrem Schicksal überlassen. Oliver und Sonja gehen aufgrund ihrer Vorstellung, dass die meisten Afrikaner nicht schwimmen könnten, davon aus, dass die drei ums Leben kamen.

Im Verlauf der Sendung stellt sich heraus, dass zur beschleunigten Herbeiführung dieser Entscheidung Sonja eine sexuelle Belästigung durch einen der Schiffsbrüchigen nur vorgegeben hat. Auch Oliver erfährt erst durch die Sendung, dass die sexuelle Belästigung gar keine war. Am Ende der Sendung ist die Beziehung von Oliver und Sonja dann ebenfalls am Ende.

Holger Böhme schafft es sehr überzeugend darzustellen, wie sich zwei Menschen rückblickend in einen unbegründeten, xenophob motivierten Angstrausch hineinsteigern. Er zeigt auch, dass es keine objektiven Gründe für das geradezu barbarische Handeln von Oliver und Sonja gibt. Jegliche ethischen Grundprinzipien oder Menschenrechte sind für die beiden obsolet. Damit liefert das Hörspiel einen zeitgemäßen und bedrückenden Kommentar zum derzeitigen zivilisatorischen Verfall und zur gesellschaftsfähig gewordenen Empathielosigkeit gegenüber dem Leiden anderer.

09.09.2016 – Rafik Will/MK