Hörspielpreis der Kriegsblinden 2017 für WDR‑Produktion „Screener“ von Lucas Derycke

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden 2017 geht an das Stück „Screener“ von Lucas Derycke. Das gab die Film- und Medienstiftung NRW, die den Wettbewerb zusammen mit dem Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) ausrichtet, am heutigen Dienstag (9. Mai) bekannt. Bei „Screener“ handelt es sich um eine Produktion des Belgiers Lucas Derycke für den Westdeutschen Rundfunk (WDR). Der Hörspielpreis der Kriegsblinden ist die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Hörspiele. Neben „Screener“ waren von der Jury noch die Stücke „Evangelium Pasolini“ (HR) von Arnold Stadler und Oliver Sturm sowie „Mein Herz ist leer“ (Deutschlandradio Kultur/Radio Bremen) von Werner Fritsch nominiert worden (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Insgesamt hatten die Sender für den diesjährigen Wettbewerb 24 Stücke eingereicht.

Das Hörspiel „Screener“ erzählt von einem jungen Mann, der sich auf der Suche nach einem kurzfristigen Job für eine Stelle als „Internet Content Reviewer“ meldet. Er erhält den Posten und kontrolliert nun für ein großes Unternehmen die Videoinhalte, die online gehen. Seine Aufgabe ist es, unangemessene Videos aus dem Internet zu filtern. Tag für Tag sortiert er die Bilder aus, die niemand sonst sehen soll, Bilder mit Gewalt, Pornografie, Erniedrigung. In dem Stück geht es darum, was mit einem passiert, der all das, was in der Welt und vor der Kamera geschieht, auch ansehen muss. Der junge Mann namens Felix schaut zu und sortiert aus, im sicheren Glauben, die Distanz zu wahren. Doch die Bilder voller visueller Überwältigung und emotionaler Überforderung bleiben nicht ohne Wirkung. Sie hallen nach und brechen in private Momente ein. Das Leben von Felix gerät aus den Fugen. Das Stück offenbart die Traumatisierung im Innern eines Menschen.

Das Nah-dran-Medium

Zur Begründung ihrer Entscheidung, den Preis an „Screener“ zu verleihen, schreibt die Jury des Wettbewerbs unter anderem: „‘Screener‘ von Lucas Derycke stellt sich künstlerisch dem unguten Gefühl, welches ein Großteil der Gesellschaft dem Internet gegenüber hegt. Was tun mit der Welle an Gewaltdarstellung, die dort über uns hereinbricht? Ignorieren, um nicht zum anfeuernden Publikum zu werden? […] Ein solcher Horror wird im Nah-dran-Medium Hörspiel ganz besonders evident, vor allem wenn die Überblendung von Wirklichkeiten und der graduelle Verlust so gut gelöst sind wie hier. Gemurmelte Selbstgespräche beim Tagging und die Tonspur der Videos stehen den munteren Sätzen von Freundeskreis und Chef gegenüber. Letztere können nicht verhindern, dass unser Held in den Abgrund stürzt. Ein akustisch beeindruckendes und inhaltlich intensives Hörspiel zu einer brennenden Frage unserer Zeit.“

„Screener“ ist Lucas Deryckes erstes Langhörspiel. Das Stück wurde am 17. Mai 2016 um 19.05 Uhr bei WDR 3 urgesendet. Der Wettbewerbsjury gehörten insgesamt 14 Mitglieder aus dem Kreis des BKD und den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Journalismus an, den Vorsitz hatte die Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel. Der Preis wird Lucas Derycke am 17. Mai im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung beim Deutschlandfunk in Köln verliehen. Moderiert wird die Verleihung von Ute Soldierer. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wird seit 1952 jährlich an ein für einen deutschsprachigen Sender konzipiertes Originalhörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert. (Das mit dem Preis ausgezeichnete Stück und die beiden anderen nominierten Hörspiele können auf der Homepage der Film- und Medienstiftung NRW zum Anhören als Stream abgerufen werden.)

09.05.2017 – da/MK