Helmut Heißenbüttel, in Zusammenarbeit mit Hansjörg Schmitthenner und Heinz Hostnig: Zwei oder drei Porträts (BR 2). Stereohörspiel

Drei Personen suchen einen Autor

Den Auftakt einer Münchner Reihe, die sich dem sogenannten Neuen Hörspiel zuwendet, macht einer der Theoretiker dieses Mediums; es ist auch sein erstes Hörspiel. Nicht genug der Novitäten: Der Autor lässt sich zu Beginn in eigener Sache hören und erklärt, warum es außer ihm noch zwei weitere Verfasser gebe. Er habe versucht, aus dem Gerede über eine Person ein Porträt derselben zusammenzustellen, und nachdem er das in zwei Fällen getan habe, habe er aus ihrer Summierung eine dritte Figur machen wollen. Das aber sei, da ein ziemlich aufnahmetechnisches Problem, die Sache seiner kundigen Kompagnons gewesen. Also: Aus zwei mach drei!

Die erste Person, aus Sätzen und Eigenschaftsbenennungen zusammengetupft, ist „ein bekannter, ortsansässiger Kritiker“, hoch in den Fünfzigern und als Komplex ein- und mehrdeutiger Bemerkungen durchaus keine klare Erscheinung. Wie sollte er auch, wenn er aus dem Material subjektiver Äußerungen zusammengebacken ist? Der zweite Mensch aus der Sprachretorte ist ein Protegé des Kritikers, der junge Maler Andy W. aus dem abstrakten Lager, der es auch nicht besser kann als die anderen, offenbar aber kräftig auf der Leier seiner Generation zu spielen weiß.

Es müsste sich nicht um ein Hörspiel der neuen Sorte handeln, wenn nicht ausgiebig das Wörterbuch der deutschen Sprache ausgebeutet würde, um ein Panorama aus Wortkombinationen zusammenzubringen, etwa alle die Formen, die mit „Mono-“ und „Generations-“ als Präfix angedeutet werden können. Und wider Erwarten: Nicht einen Augenblick lang kommt Monotonie auf! Heinz Hostnig hat mit einer Schar bester Sprecher stereophon eine verbale Walpurgisnacht gezaubert. Wörter werden herbeigeschleppt, aufeinandergetürmt, als Spielball benutzt, wieder in Frage gestellt, ins Gegenteil gekehrt und schließlich wieder per Bandrücklauf weggebracht.

Aber die Synthese aus beiden Figuren! Die Koautoren haben sie im Reißverschlussverfahren zusammengehäkelt. Die Widersprüche der zwei Figuren potenzieren sich; die Hoffnung, man könnte in diesem Spiegel womöglich die Gattung Mensch vom Jahr 1970 erblicken oder wenigstens einen Teil davon, erfüllt sich nicht. Eher ein Phantom, als ein aus Gerüchten zusammengesetzter Mensch. Heißenbüttel, an der Figur III unbeteiligt, will sich – nach seinen eigenen Worten – darin selber erkannt haben.

• Text aus Heft Nr. 20/1970 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.05.1970 – Günther Vogt/FK