Hartes Leben in der Stadt der Liebe: Das 6. Berliner Hörspielfestival für unabhängig produzierte Audiokunst

Von Rafik Will

Das Berliner Hörspielfestival für sender- und redaktionsunabhängig produzierte Audiokunst ist terminlich neu positioniert worden. Die Veranstaltung wurde vom September ins Frühjahr verlegt und fand nun Ende April zum sechsten Mal statt. Der Terminwechsel wurde vollzogen, um eine unmittelbare Konkurrenz zu den großen, in dichter Folge jeweils im Herbst stattfindenden hörspielbezogenen Foren, Konferenzen und Wettbewerben (Hörspielforum NRW, Prix Europa, ARD-Hörspieltage) zu vermeiden.

Zudem wurde bei der Veranstaltung, die vom Verein „Berliner Hörspielfestival“ getragen wird, eine inhaltliche Neuerung beim Programm eingeführt. Zum ersten Mal gab es in diesem Jahr für maximal einminütige und schnell entstandene Hörstücke die Wettbewerbskategorie „MikroFlitzer“. Um sicherzustellen, dass die Einreichungen für diese Kategorie auch, wie gefordert, tatsächlich „quick and dirty“ produziert wurden, sollte in jedem der Stücke eine Schlagzeile der „taz“ (die Medienpartner des Festivals war) verarbeitet werden, und zwar eine Schlagzeile der Ausgabe vom 1. April.

Neue Kategorie „MikroFlitzer“

Damit ist der „MikroFlitzer“ eine von nun insgesamt drei Wettbewerbskategorien, deren Gewinner vom Publikum bestimmt werden. Anders als in dieser Kategorie, bei der die Intensität des Applauses über den Sieger entschied, werden die Preisträger des „Glühenden Knopfmikros“ und des „Kurzen brennenden Mikros“ mit Stimmzetteln ermittelt. An jedem der drei Festivalabende wurde eine Kategorie komplett abgehandelt.

Am ersten Abend des Hörspielfestivals, das vom 24. bis 26. April im Berliner „Theaterdiscounter“ ausgetragen wurde, war der neue „MikroFlitzer“ an der Reihe. Dabei gewann René Wilbrandts Stück „Eine wahre Geschichte“ mit knappem Vorsprung vor den Beiträgen „Wählen“ vom Autorenkollektiv Hörfix 23 und „Super GAU“ von Björn SC Deigner. Wilbrandt hatte die Artikelüberschrift „SPD übt Selbstkritik“ für sein Kurzhörspiel gewählt und diese Schlagzeile verkündete er mit verstellter, tief knarrender Stimme – eingeleitet im Stil eines Erzähler-Intros aus dem Off für einen postapokalyptischen Hollywood-Film.

Der Wettbewerb um „Das kurze brennende Mikro“ stand am zweiten Abend an. Dabei ging es um Hörstücke in einer Länge von fünf bis zwanzig Minuten. Darunter waren auch einige Features zu finden. Wie zum Beispiel „Eigengrau“ von Ludwig Berger, der in dem Stück die geschärfte Hörwahrnehmung in totaler Dunkelheit zum Untersuchungsgegenstand machte. Oder auch „Meiers prähistorisches Hirn“ von Andreas Liebmann und Hannes Strobl, ein Beitrag, der zu wesentlichen Teilen aus O-Tönen des an Parkinson erkrankten und mittlerweile gestorbenen Hirnforschers Benedict Volk-Orlowski bestand. Dieses Feature teilte sich nach der Publikumsabstimmung den zweiten Platz mit dem gleichauf liegenden Stück „Der Hörspielmacher“ von Christian Berner und Frank Schültge, die in diesem humoristischen „Magazin für den guten Ton in der Postproduktion” die gängige ästhetische Aufwertung von Hörstücken durch digitale Nachbearbeitung auf die Schippe nehmen.

Der Sieg in dieser Kategorie ging an das auf Grundlage einer Improvisation entstandene Hörspiel „Frau Ausweis“ von Felix Kubin. Hier fungieren der Autor und seine im Grundschulalter befindliche Tochter als die sprechenden Akteure. Von ihrem Vater nach einer spontanen Rollenverteilung für einen kreativen Mikrofontest gefragt, hatte die Tochter sich für die Rolle einer dickköpfigen Beamtin entschieden und den Vater in die Rolle eines hilflosen Antragsstellers verwiesen.

Preis der Jury geht an Tom Heithoff

Bis zu fünf Minuten durften die für „Das glühende Knopfmikro“ eingereichten Hörspiele dauern, die am dritten Tag zur Aufführung kamen. Durch besonders dichtes Erzählen, eine ansprechend düstere Klanggestaltung und inhaltliche Relevanz ohne Bedeutungshuberei zeichnete sich in dieser Kategorie das Hörspiel „Hinfallen, Aufstehen“ von Caroline Burgwald aus, das in Form eines Monologs erörterte, warum einerseits die Fähigkeit zum Suizid eine wichtige Handlungsoption und genuin menschlich sei und warum es vor diesem Hintergrund andererseits dennoch besser sei, die „Ups and Downs“ des Lebens zu bewältigen, statt selbst Hand an sich zu legen. Maria Stock, die in Vertretung der Autorin in Berlin anwesende Regisseurin von „Hinfallen, Aufstehen“, konnte sich über den zweiten Platz für das Stück freuen. Platz 3 ging an „Kaputt. Lustig.“, ein „Hörtrash“-Stück von Peter Komarowski. „Das glühende Knopfmikro“ gewann Ulrike Klausmann mit ihrer Klangkunstcollage „maimainundwaig“.

Neben den drei durch Publikumsvotum entschiedenen Kategorien mit jeweils rund einem Dutzend Kurzhörstücken gab es bei dem Berliner Festival auch wieder den Wettbewerb um „Das lange brennende Mikro“, den Jury-Preis für Hörspiele in einer Länge von 20 bis 60 Minuten. Die vierköpfige Fachjury wurde gebildet von Elisabeth Panknin (langjährige Hörspielchefin des Deutschlandfunks), Andreas Hagelüken (Musikwissenschaftler) Oliver Kontny (Gewinner des Jury-Preises 2013) und Jochen Meißner (Hörspielkritiker und auch MK-Autor). Unter den sieben Stücken, deren Aufführung jeweils das Schlussprogramm der drei Abende ausmachte, hatte die Jury in einer Sitzung kurz vor dem Festival einen Sieger gekürt. Die Bekanntgabe des Gewinners bildete den Schlusspunkt des Festivals.

Und der Sieger war Tom Heithoff mit „La vie en rose – Vom Leben und Überleben in Paris“. In dem fiktiven Improvisationsstück mit Feature-Appeal lässt der in Paris lebende gescheiterte Musikwissenschaftler und Software-Verkäufer Lorenz Eberle eine Figur entstehen, die von ihrem harten Leben in der Stadt der Liebe berichtet. Weil das Stück den Jury-Preis gewonnen hatte, wurde es am 2. Mai von Deutschlandradio Kultur im Rahmen des Magazins „Echzeit“ kurzfristig ins Programm genommen. Autor Tom Heithoff und Sprecher Lorenz Eberle führen den Hörer in ihrer gemeinsamen kreativen Schöpfung in das Grenzgebiet zwischen Realität und Fiktion. In dieses Gebiet begaben sich auch andere Langstücke. In „Das Ich als Ich“ beispielsweise montierten Elena Zieser und Maria Antonia Schmidt aus diversen Interviews mit diversen Personen aus ganz Deutschland über deren Schulzeit eine vielstimmig erzählte Geschichte. Und in „Nordlichter – Ein Hörspiel in Mono(tonie)“ spricht die Autorin und Sprecherin Christina Baron zu möglichen Hörern in einer postapokalyptischen Welt – H.G. Wells’ von Orson Welles inszenierter Hörspielklassiker „The War of the Worlds“ ließ grüßen.

Ein Magnet für Klangkünstler

Die Freiheit von formalen und inhaltlichen Vorgaben bei diesem Hörspielfestival – das seine Realisierung ausschließlich ehrenamtlichem Engagement verdankt – wurde zum einen spürbar vom Publikum geschätzt. Zum anderen macht diese Freiheit die Berliner Veranstaltung auch zu einem Magneten für viele bekannte Klangkünstler, Hörspielautoren und Hörspielregisseure. Das zeigte die Präsenz von Autoren und Autorinnen wie Maja Das Gupta, Anja Herrenbrück, Jean-Boris Szymczak, Lydia Daher oder Mariola Brillowska, die mit eigenen Einreichungen zum Festival beitrugen.

Zu erwähnen sind auf jeden Fall noch die ansprechenden Projektionen der Visuals von Josef Maria Schäfers, die ihre Gestalt passend zum klanglichen Verlauf der vorgeführten Stücke wandelten. Einen Eindruck von ihnen bekommt man auf der Website berliner-hoerspielfestival.de, auf der sich auch viele weitere Informationen und Höreindrücke rund um die drei Tage im April finden.

12.05.2015 – MK