Harald Schmid: Sierra Leone nach der Ebola-Epidemie. Wie ein Land allmählich wieder auf die Beine kommt. Feature (Bayern 2)

Wenn die Schlagzeilen vergessen sind

Mediale Schlagzeilen haben das Potenzial, zahlreiche wichtige Ereignisse des Weltgeschehens in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu bringen. Aber die Aufmerksamkeit des Nutzers ist ohne Garantie und nur kurzfristig, sie wird von ständig neuen Meldungen beansprucht. Die Schlagzeilen und die Meldungen, die dahinterstehen, werden schnell vergessen oder auch verdrängt. Erschwerend kommt noch die immer undurchdringlichere Membran der individuellen „Filterblasen“ hinzu. Dass man der weiteren Entwicklung eines Sachverhalts auch nach dem Verklingen und Verblassen der Schlagzeilen folgt, kommt eher selten vor. Das liegt zwar zum einen am wählerischen und schnell gelangweilten User; zum anderen werden nachhaltige bzw. nachbereitende journalistische Angebote aber auch zunehmend rar und können dementsprechend kaum wahrgenommen werden.

Eine lobenswerte Ausnahme ist in diesem Zusammenhang das Feature „Sierra Leone nach der Ebola-Epidemie. Wie ein Land allmählich wieder auf die Beine kommt“. Produziert wurde der vom Autor Harald Schmid stammende Beitrag von der Feature-Abteilung des Bayerischen Rundfunks (BR; Redaktion: Katja Huber). Für das 55-minütige Stück hat sich Schmid auf den Weg in den an der Westküste Afrikas gelegenen Staat Sierra Leone gemacht, wo die 2014 ausgebrochene Ebola-Epidemie besonders verheerend um sich griff. Der Autor berichtet nun vom langsamen Erholungsprozess des Landes. Konkreter Anlass für die Ausstrahlung des Features ist ein Jahrestag: Vor zwölf Monaten, am 17. März 2016, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sierra Leone endgültig für ebolafrei.

Zusammen mit seinen beiden einzigen Nachbarstaaten, Guinea und Liberia, war Sierra Leone von 2014 bis 2016 beinahe vollkommen von der Außenwelt isoliert. Der Güter- und der Personenverkehr kamen weitgehend zum Erliegen. Das hatte verheerende Folgen für das wirtschaftlich ohnehin schwache Land.

Das Hauptaugenmerk legt Harald Schmid bei seinem Feature auf den Tourismus-Sektor. Der Autor beginnt seine Reise im Gola-Nationalpark, der von der britischen „Royal Society for the Protection of Birds“ betrieben wird. Auf dem Gebiet des Parks leben etwa 25.000 Menschen in 120 Dörfern. Das von Schmid besuchte Dorf hat zwar ein kleines Hotel; das kann aber derzeit kaum Besucher verzeichnen kann, worüber sich der Vertreter der Naturschutzorganisation enttäuscht zeigt.

Ein weiteres gescheitertes Tourismus-Projekt findet Schmid an der traumhaften Küste, wo die Organisation „Tribe Wanted“ als Entwicklungsmaßnahme eine kleine Ferienanlage in Kooperation mit den Dorfbewohnern aufbauen wollte. Nach dem Ausbruch der Ebola-Epidemie überließ „Tribe Wanted“ das Projekt dann sich selbst und stellte alle Kontakte zu den Dorfbewohnern ein. Auch Schmids Versuche einer Kontaktaufnahme zu „Tribe Wanted" scheiterten.

Schmid widmet sich nicht nur dem brachliegenden Fremdenverkehr, sondern bietet insgesamt einen sehr anschaulichen und bildhaften Überblick zur Situation in Sierra Leone. So geht er zum Beispiel auf den Handel mit Diamanten ein, die immer noch ein wichtiges Exportgut darstellen. Ein Zwischenhändler berichtet über die Geschäftspraktiken: Viele einfache Leute versuchten, Diamanten zu finden und zu verkaufen. Sehr unvorteilhaft für die diamantenschürfenden Tagelöhner sind die Preisverhandlungen. Der Zwischenhändler berichtet, er nenne einem potenziellen Verkäufer nicht den tatsächlichen Wert des Steins, sondern frage ihn stets, was er dafür haben wolle. Im Gegensatz zum Tourismus ist der Diamantenhandel wieder auf dem Vorkrisenniveau angekommen.

Viele Menschen in Sierra Leone sind Analphabeten. Deswegen spielt das Medium Radio bei der Versorgung mit Informationen eine wichtige Rolle. Harald Schmid besucht etwa die im Norden Sierra Leones gelegene Stadt Kabala mit ihrer Hörfunkstation „Radio Bintumani“. Diese half bei der Bewältigung der Epidemie, indem sie lokale Musiker anregte, Info-Songs zu Ebola und dem richtigen Umgang mit der Krankheit zu machen, die dann öffentlich ausgestrahlt wurden.

In seinem Stück bedient sich Harald Schmid weniger der typischen Elemente eines modernen Features, er liefert eher eine wunderbare Old-School-Reportage, in der Land und Leute vorgestellt werden. Prägend sind dabei vor allem die diversen O-Töne seiner lokalen Gesprächspartner. Die Erzählerkommentare beschränken sich auf grobe Kontextualisierungen und verzichten auf Wertungen. Die Begeisterung des Autors für das Land vermittelt sich nichtsdestotrotz sehr eindrücklich und wirkt sogar ansteckend. Eine wirklich einnehmende Radioarbeit, die – wer weiß? – vielleicht sogar ein wenig helfen kann, den dringend benötigten Tourismus in Sierra Leone wiederzubeleben.

29.03.2017 – RafikWill/MK