Gabriele Bigott: Die alte Tochter spricht mit dem jungen Vater (MDR Kultur)

Sehnsucht nach einem nie geführten Gespräch

Ein imaginärer Dialog ist es, den die alt gewordene Tochter mit ihrem jung gestorbenen Vater führt. Den Tod hat er im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs „im Feld“, gefunden, wie man sagte. Als mache ein solch unglücklicher Euphemismus den Kriegswahnsinn weniger schrecklich. Man sagte auch nicht „erschossen“ oder „umgebracht“ oder „gestorben“, sondern „geblieben“ oder „gefallen“ – Schönfärbereien, die übrigens auch in anderen europäischen Sprachen der kriegsteilnehmenden Länder existieren.

Und imaginär ist der Dialog auch nicht wirklich, er hat vielmehr eine ganz eigene Realität, die auf der Existenz der Tochter beruht, die mittlerweile Großmutter ist, und den sehr fragil gewordenen Seiten der Briefe, die der Vater damals „in Sütterlinschrift“ an ihre Mutter geschrieben hatte. Sie waren verlobt, konnten während eines kurzen Fronturlaubs heiraten, sahen sich noch ganz wenige Male. Er hat nicht erfahren, ob das Kind ein Mädchen oder ein Junge geworden ist, aber seiner jungen Frau, seinem „geliebten Lieschen“ hat er geschrieben, welche Namen er sich wünschen würde. „Gabriele, wenn es ein Mädchen wird.“ Die Mutter hat jedes Jahr von einem Fotografen Bilder von der Tochter machen lassen. Die wollte sie dem Vater zeigen, wenn er wiedergekommen wäre.

Doch der junge Soldat, der Medizin studieren wollte, war als Sanitäter auf eines der mörderischsten Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs abkommandiert worden. Der sowjetischen „Operation Bagration“ wurden die deutschen Divisionen entgegengetrieben – und sie erfuhren ein ähnliches Schicksal wie die napoleonischen Truppen, gegen die Pjotr Iwanowitsch Bagration, Feldherr der russischen Armee, einst so erfolgreich gekämpft hatte. Die Bezeichnung „Operation Bagration“ wurde zum Decknamen für den Angriff, den die Rote Armee am 22. Juni 1944 auf die deutsche „Heeresgruppe Mitte“ führte, um die weißrussische Hauptstadt Minsk zurückzuerobern. Dieser sogenannte „sowjetische Blitzkrieg“ weitete sich jedoch bald weit nach Westen und zu einem umfassenden militärischen Erfolg aus: 28 Divisionen der deutschen Heeresgruppe Mitte wurden zerstört, die genaue Zahl der toten, verletzten, vermissten Soldaten ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von 500.000 Verlusten aus. 500.000 Menschenleben.

„Es war die schlimmste Niederlage der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg“, sagt die alte Tochter, während sie die Briefe des jungen Vaters liest. Die Schlacht begann am 22. Juni. Der letzte Brief des Vaters ist vom 17. Juni datiert. „Nun bin ich an der Front“, beginnt dieser Brief. Was er schreibt, lässt hoffen, dass er auch diesmal wieder von dem Gemetzel verschont bleibt. Doch diese Hoffnung erweist sich als trügerisch. Es kommt die Nachricht: „Bei Minsk vermisst“.

Nach vielen Jahren hat die Mutter noch einmal geheiratet. Auch die Tochter hat lange schon eine eigene Familie, einen Beruf. Und das Leben hat längst von Vaters „liebstem Lieschen“ und seiner nie gekannten Tochter Tribut verlangt. Auch wenn dem Kind Geborgenheit und Zuneigung vermittelt wurde, so ist die Sehnsucht nach dem nie geführten Gespräch mit dem Vater als eine Art Lebensmotor geblieben.

Gabriele Bigott, um deren Familiengeschichte es hier geht, wurde nach dem Studium der Theaterwissenschaft Dramaturgin und Regisseurin am Theater und danach Redakteurin und Regisseurin beim Hörfunk. Ihre Hörspiele, ihre Bearbeitungen und ihre Inszenierungen wurden vielfach ausgezeichnet. Es ist also ein, so könnte man sagen, erfolgreiches Leben geworden, trotz des zentralen Verlustes. Dass Hunderttausende ihrer Generation und der ihrer Eltern ebenfalls von einem solchen Verlust betroffen worden sind, wird an keiner Stelle des rund einstündigen Dialogs gesagt. Er bleibt auf bescheidene Weise individuell, maßt sich keine Vergleiche an. Die beiden Rollen von Tochter und Vater werden gesprochen von Cornelia Lippert und Christian Friedel.

Bei ihrer Inszenierung verzichtet Gabriele Bigott überlegt auf akustische Illustration, auf Schlachtszenen, Detonationen, Schreie. Die Briefe des Vaters stehen für sich. Doch schwingt ständig ein Subtext mit, den jeder Hörer, jede Hörerin mit ähnlichen Lebenserfahrungen in sich selbst ergänzen kann. Auch die Jüngeren werden eingefangen von der quasi stillen Intensität. Darin liegt die Relevanz dieses Hörspiels, das mit den sorgsam gesetzten Mitteln des reinen Dialogs und einer subtilen, ganz und gar unaufdringlichen musikalischen Auskleidung zeigt, welche Strahlkraft auch ein ‘konservatives’ Hörspiel haben kann.

28.11.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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