Frank Spilker: Zwei ohne Musik (WDR 3)

Großartig

01.12.2017 • Es ist tatsächlich ein echter Glücksfall: Der 1966 geborene Hamburger Musiker Frank Spilker ist unter die Originalhörspielautoren gegangen, und das mit einer mehr als überzeugenden Debütarbeit. Betrachtet man Frank Spilkers bisherigen künstlerischen Werdegang, ist das Betreten dieses für ihn neuen Betätigungsfeldes eigentlich logisch. Eine enge Verbindung zum Medium Hörfunk hat er sich schließlich schon aufgebaut. Zum einen mit seiner bis heute aktiven prinzipientreuen Hamburger-Schule-Band ‘Die Sterne’, deren Liedgut schon seit den frühen 1990er Jahren mit Hits wie „Universal Tellerwäscher“ oder „Was hat dich bloß so ruiniert?“ von guten Radio-DJs in den Äther geschickt wurde. Zum anderen gestaltet Spilker beim Webradio Byte FM die Sendung „Frank-A-Delic“. Und auch auf dem Gebiet der Literatur ist Spilker kein unbeschriebenes Blatt. Er hat nämlich schon im Jahr 2013 mit seinem Roman „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ bewiesen, dass er auch schreiben kann.

Jetzt also führt Frank Spilker Literatur und Radio in Form eines ‘Near-Future’-Hörspiels zusammen, das sich mit dem durch allerlei elektronische Gadgets und neue Heilsversprechen verursachten Wandel unserer Gesellschaft beschäftigt. Konkret geht es in dem vom WDR produzierten Stück „Zwei ohne Musik“ um Probleme in der Paarbeziehung zwischen Claire (gesprochen von Birgit Minichmayr) und Wolfgang (Frank Spilker) – die beiden Hauptfiguren tragen damit dieselben Namen wie die zentralen Charaktere in Kurt Tucholskys Frühwerk „Rheinsberg“. Als turbulenter Einstieg in das 53-minütige Hörspiel kommt eine Szene von einem Flugzeugabsturz – Wolfgang mittendrin – zum Einsatz. Bei der lebensgefährlich scheinenden Situation handelt es sich aber nur um das von Wolfgang selbstgewählte Nervenkitzel-Szenario einer virtuellen Realität – sozusagen als eine morbide Form von Eigentherapie durch Flutung mit ungewöhnlichen Reizen.

Virtuelle Realität spielt auch sonst eine wichtige Rolle in „Zwei ohne Musik“. Sie dient zur Erholung mittels simulierter Nah- und Fernreisen, zur Therapie durch den Dialog mit einfühlsamen Schauspieler-Avataren (hier begeistert Peter Lohmeyer mit einem kleinen Cameo-Auftritt) oder auch zur kulturellen Weiterbildung durch Museumsbesuche. Solch ein gemeinsam von Claire und Wolfgang unternommener Museumsbesuch in der virtuellen Realität ist, wie man im Lauf der Geschichte erfährt, die Ursache für die jüngste Krise der beiden. Was dabei genau schiefgegangen ist, ist viel zu kompliziert, um ausführlich erklärt zu werden. Aber die Beziehung der beiden gutbürgerlichen Figuren erweist sich ohnehin als Kette kommunikativer Missverständnisse, alle sehr locker und kurzweilig anzuhören.

Auch die Gesellschaftskritik, die im Hörspiel angebracht wird, kommt frisch und lebendig rüber. In futuristischem Ambiente agieren da psychisch labile Overachiever, zu denen auch Claire und Wolfgang gehören, im ständigen Business-Modus. Sie verkaufen halbseidene Geschäftsideen als Geistesblitze, und wenn es mit der ständigen Erreichbarkeit mal zu viel wird, dann macht man eben eine Kur im Salzwasserbad eines ideologisch fragwürdigen Erholungstempels.

Auch wenn der Titel die Erwartungen des Hörers an Musikalisches ja eigentlich niedrig hält, kommt man doch in den Genuss einiger wunderbar schrammeliger Songs, die wie Parodien wirken – manchmal auf ganze Genres, wie bei einer Ruderbootfahrt, die Claire und Wolfgang zu schräg gesungenen Seemannsliedern inspiriert, und manchmal auf ganz spezielle Songs, denn das Lied über die Zwiespältigkeit von kitschigem Konsum mutet (vor allem vom Gesangsstil her) an wie „Wir sind die Roboter“ von der Gruppe Kraftwerk.

Frank Spilker hat ein äußerst geistreiches und erfreulich lebhaftes Hörspiel gemacht, dem man immer gespannt lauscht, ob es nun gerade um nichts geht oder um die Welt. Die Inszenierung unter der gemeinsamen Regie von Spilker und Claudia Johanna Leist schöpft vielleicht sogar einen Großteil ihrer Kraft aus dieser Widersprüchlichkeit von Banalität und Bedeutungsschwere. Zum famosen vitalisierenden Effekt dieses Stücks tragen natürlich auch die durchgängig ungezwungen wirkenden Sprecher ein Gutteil bei. Das gilt sowohl für die professionellen Schauspieler als auch für die Angehörigen benachbarter Kreativberufe, die sich hier das Mikro in die Hand geben. Zum Cast gehören dabei auch Sibylle Berg und William Cohn. Fazit: Großartig, mehr davon!

01.12.2017 – Rafik Will/MK