Frank Schulz: Die Hexenbraut (NDR Info)

Ein Krimi der besseren Kategorie

Mit seinen Kriminalromanen, der sogenannten „Hagener Trilogie“, und bisher zwei Büchern mit der Serien-Kriminalistenfigur Onno Viets hat der 1957 in Hagen bei Stade geborene Autor Frank Schulz Renommee erworben, ehe jetzt sein erstes Originalhörspiel vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) produziert wurde: „Die Hexenbraut“ ist ein Kriminalhörspiel, das den bekannten Erzählmotiven und Figurentypen einige interessante Nuancen hinzufügt.

Bei einem Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker in Hamburg 2012 begegnet der 58-jährige Erzähler Hans-Georg, in den Hörspielszenen als Hansi agierend, der nach 19 Jahren aus der Gefängnishaft entlassenen Lilo wieder. Lilo gehörte einst wie Hansi, Freddie, Willi und Mausi zu den selbsternannten „Gewaltigen Fünf“, einer Gruppe von Jugendlichen, die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem norddeutschen Dorf unterschiedliche Formen und Praktiken eines antibürgerlichen Lebens ohne politische Interessen erproben wollten: mit sexueller Libertinage, viel Alkohol- und viel Drogenkonsum.

Die überraschende Wiederbegegnung mit Lilo bei den Anonymen Alkoholikern, der einige Telefongespräche folgen, motiviert den Erzähler, schon fast verschüttet geglaubte Erinnerungen an seine Jugendbiografie im Kontext der Schicksale der „Gewaltigen Fünf“ zu aktualisieren. Dramaturgisch konsequent ist der Text aus Rückblenden und auch Rückblenden in der Rückblende strukturiert, in denen in zeitlicher Diskontinuität Lebensgeschichten aus vierzig Jahren episodisch gestaltet werden.

Die prekären gruppendynamischen Beziehungen der fünf jungen Menschen kulminieren in der Tragödie einer Hochzeitsfeier. Die dramatische Klimax: Freddie und die von ihm schwangere Lilo, von den Dörflern unter anderem als „Hexenbraut“ und „Polackenhure“ verschmäht, feiern ihre Hochzeit; nach der traditionellen nachmitternächtlichen Brautentführung ist Lilo verschwunden und auch der ‘Entführer’, der unter Drogen stehende Willi, der seit langem in die „schöne und wilde“ Lilo verliebt ist, kehrt nicht zurück. Er wird später erschossen aufgefunden. Die Braut wird in einem gestohlenen Auto gestellt und weil auf der Tatwaffe Lilos Fingerabdrücke festgestellt werden, wird sie des Mordes angeklagt.

In einem Indizienprozess wird Lilo zu lebenslänglicher Haft verurteilt und wird dann nach den genannten 19 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Sie versucht nun, Hans-Georg zu überzeugen, dass sie unschuldig sei, denn es sei damals so gewesen, dass Willi sich im Vollrausch aus Liebesgram selber erschossen habe. Seit der Haftentlassung sinnt Lilo auf Rache an den Überlebenden der früheren Gruppe, weil die sie während des Prozesses und der Haftzeit im Stich gelassen habe...

Regisseur Wolfgang Seesko hat den actionreichen Erzählstoff mit 22 Sprecherinnen und Sprechern (eine gute Gesamtbesetzung, die auch Plattdeutsch und obszönes Vokabular wie-O-Ton artikulieren konnte) in 47 Minuten Spieldauer mit großem Tempo inszeniert. Die Zeitebenen sind übersichtlich und die Dialogpartien subtil gestaltet. Ein Kriminalhörspiel der besseren Kategorie!

27.02.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK