„Evangelium Pasolini“ ist das Hörspiel des Jahres 2016

Das Hörspiel des Jahres heißt „Evangelium Pasolini“. Diese Entscheidung ihrer Jury gab die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste am 18. Januar bekannt. Das 65-minütige Stück von Arnold Stadler und Oliver Sturm wurde am 2. Oktober 2016 um 14.05 Uhr im Programm HR 2 Kultur urgesendet und war in jenem Oktober von der Jury zum Hörspiel des Monats gewählt worden. „Evangelium Pasolini“ ist Teil der vom Hessischen Rundfunk (HR) realisierten Reihe „Das Bibelprojekt“, die insgesamt 21 Hörspiele umfasst. Die im Herbst 2014 gestartete und von HR-Hörspielredakteurin Ursula Ruppel konzipierte Reihe endete am 28. Dezember 2016 mit der Ausstrahlung des Stücks „Call Me Moses“ von Werner Fritsch bei HR 2 Kultur (vgl. MK-Kritik). Bei „Evangelium Pasolini“ war der Deutschlandfunk (DLF) Koproduzent. Der DLF strahlte das Stück am 8. Oktober vorigen Jahres um 20.05 Uhr in seinem Programm aus.

Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini überraschte 1964 die Kirche wie das Publikum mit seinem Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“. Anders als in zahlreichen vergleichbaren Werken stellt Pasolini Jesus als realistische, menschliche Figur dar und setzt zugleich kompromisslos die biblische Vorlage um, ohne Auslassungen und ohne Hinzufügungen. Das Hörspiel von Arnold Stadler und Oliver Sturm (vgl. MK-Kritik) „erzählt das Matthäus-Evangelium“, so die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in ihrer Preismitteilung, „aus verschiedenen Perspektiven. Einerseits aus der des Films von Pasolini, andererseits aus der des Schriftstellers Arnold Stadler, der diesen Film betrachtet und seine Eindrücke kommentierend schildert. Stellt man in Rechnung, dass das Evangelium seinerseits das Leben Christi erzählt, so entsteht im Hörspiel eine zwiebelartige Verschachtelung einer Erzählung in der Erzählung in der Erzählung. Das Evangelium, der Film, das Drehbuch und der nacherzählte Film formulieren ein vielperspektivisches Bild der ursprünglichen Geschichte von der Jungfrauengeburt bis zum Kreuzestod.“

Faszinierende Schichtung der Erzählebenen

Als die Jury der Akademie „Evangelium Pasolini“ zum Hörspiel des Monats Oktober 2016 gewählt hatte (vgl. MK-Meldung), hieß es in der Begründung dazu unter anderem: „Der Schriftsteller Arnold Stadler hat in seinem Roman ‘Salvatore’ einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift gefunden. Er legt seine Erfahrung mit Pasolinis berühmtem Film ‘Das 1. Evangelium – Matthäus’ über seine Deutung. Der Hörspielregisseur Oliver Sturm denkt diese Verbindung zu Ende, indem er die Leidensgeschichte Christi mit der Ermordung des radikalen italienischen Schriftstellers kurzschließt. In seinem Hörspiel entsteht eine faszinierende Schichtung verschiedener Erzählebenen. Oliver Sturms Zugriff auf das Neue Testament in der Bibel-Reihe des Hessischen Rundfunks gelingt eine politische Aktualisierung, die unter die Haut geht.“

Arnold Stadler, Jahrgang 1954, studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg, anschließend Literaturwissenschaft. Für sein literarisches Werk hat Stadler zahlreiche bedeutende Literaturpreise erhalten, darunter den Georg-Büchner-Preis. Der 1959 geborene Oliver Sturm hat über Beckett promoviert, arbeitete als Lektor, Dramaturg und Redakteur. Er war zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Literatur in Hannover. Seit 1996 ist Sturm, der in Berlin lebt, als Regisseur tätig. Die Auszeichnung für das Hörspiel des Jahres wird Stadler und Sturm am 25. Februar im Literaturhaus in Frankfurt am Main im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung überreicht, bei der ihr Hörspiel noch einmal in voller Länge präsentiert wird.

21.01.2017 – MK

Print-Ausgabe 20/2017

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