Eugen Egner: Aldartenrahl (WDR 3)

In Hochform

Träume sind oft absurd, voll von abwegigen Handlungsfolgen und fragwürdigen Ortswechseln. Diese rationale Sehweise setzt sich jedoch in der Regel nur im Wachzustand durch, wenn der Schlaf beendet ist und der Verstand wieder klar arbeitet. Denn solange man am Träumen ist, erscheint einem noch der offensichtlichste Blödsinn einleuchtend und folgerichtig. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Arbeiten des Wuppertaler Autors Eugen Egner, dem Großmeister der deutschsprachigen Phantastik: Während man sich in den (alb)traumhaften Welten seiner Geschichten bewegt, also zum Beispiel gerade einem seiner Hörspiele lauscht, wird man von der bestechenden inneren Logik voll und ganz gefangen genommen. Über einen Text von Eugen Egner aber so zu sprechen, dass auch der vom Rezipienten nachträglich erzeugte Output für einen Dritten, der den zugrundeliegenden Text nicht kennt, nachvollziehbar ist, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit – aber versuchen kann man es ja trotzdem.

In Eugen Egners neuem Hörspiel „Aldartenrahl“, das unter Regie von Annette Kurth für den WDR realisiert wurde, stellt eine hörfunkaffine Problemstellung den Ausgangspunkt dar. Ein von dem hinreißend wandlungsfähigen Ingolf Lück gesprochener ratloser Radiomoderator fragt die Hörer, was seine Station denn bloß über den Äther schicken soll, sie im Sender selbst hätten da nämlich nicht die leiseste Ahnung. Da es sich aber offenbar nicht um eine für Anrufer offene Sendung handelt und auch ein Hörerfeedback über soziale Medien außer Frage steht (der ganze „Digitalquatsch“ werde ohnehin „völlig überschätzt“, heißt es an einer Stelle) begibt sich der Moderator – ganz alte Schule – kurzerhand mit dem Mikro auf die Straße. Nachdem er die hilflose Idee, einfach Verkehrsgeräusche auszustrahlen, verworfen hat, ringt er sich zu einer Passantenbefragung durch und erhält den Hinweis, es doch einmal in der nahegelegenen Zoohandlung zu versuchen, wo es einen „weisen Vogel“ gebe, der ihm mit seinem Problem bestimmt weiterhelfen könne. Das gefiederte Orakel nennt sich „Formalhuhn“ und gibt rätselhafte gegackerte Offenbarungen von sich, was anscheinend als Inspiration genügt.

Anschließend wird im Hörspiel der zweite Handlungsstrang eingeführt. Auch hier trifft man auf den Moderator, dem von einem Physiker mit magischen Ambitionen auseinandergesetzt wird, wie sich aus Morsezeichen Mädchen herstellen lassen. Ein Praxistest folgt auf dem Fuße und so wird in der Live-Sendung ein Mädchen (gesprochen von Mira Partecke) in die Welt gesetzt. Um den Papierkram und die Bereitstellung eines Elternpaares hat sich der Sender bereits gekümmert. Der erzählerische Rahmen der Live-Sendung wird für das Hörspiel „Aldartenrahl“ nun nicht mehr benötigt, der Fokus liegt ab jetzt auf dem namenlosen Mädchen, das von seinen Eltern gedrängt wird, endlich seine Autobiografie zu schreiben. Stattdessen wird es aber eine Doktorarbeit verfassen, für deren Erstellung es in den Wald zu einer Gruppe von Missionaren zieht.

Die Verquickung der beiden Handlungsstränge, die beide noch weiter reichen als hier angedeutet, führt gegen Ende des 46-minütigen Stücks zum vollendeten Eindruck eines Metahörspiels. Die Antwort auf die Fragestellung der absurden Doktorarbeit liegt nämlich, wie das Mädchen erfährt, im Gegacker des Formalhuhns, das in den Anfangsminuten des Stücks zu hören war. Hier erklärt sich denn auch der seltsame Titel „Aldartenrahl“ – dieses Wort hat das Formalhuhn im Rahmen seines Gegackers von sich gegeben und dieser Begriff führt zur Lösung. Die Missionare spulen kurzerhand an den Anfang des Hörspiels, in dem sie selbst Figuren sind, zurück. Und fertig ist die Doktorarbeit.

Das Hörspiel „Aldartenrahl“ ist Ausweis eines Eugen Egner in Hochform. Er legt hier brillant-tiefgründigen Quatsch vor, der sich ganz nebenbei mit schwerwiegenden Themen wie etwa einem Patent auf Lebewesen und auf deren Erschaffung auseinandersetzt. Und auch die akustische Verwirklichung des Textes überzeugt auf ganzer Linie, vom tierisch abgefahrenen Sound-Design über die Leistung der Schauspieler bis hin zur Sprecherführung durch die Regisseurin. Großartig! (Das Hörspiel kann noch im WDR-„Hörspielspeicher“ nachgehört werden.)

03.02.2017 – Rafik Will/MK