Etel Adnan: NACHT (Deutschlandfunk Kultur)

Poetisches Klanggeflecht

25.08.2017 • Vor wenigen Jahren war Etel Adnan, die große Dichterin des nordafrikanisch-arabischen Raums, in Europa nur in kleineren Kreisen bekannt. Die 1925 in Beirut geborene Künstlerin, Kosmopolitin durch Herkunft und Neigung, schrieb neben Arabisch auch auf Englisch und Französisch. In den USA hatte sie einige Jahre verbracht, anschließend ging sie nach Paris und wurde nach ihrem großen Erfolg mit Bildern, Zeichnungen und Künstlerbüchern und in eigenen Ausstellungsräumen auf der Documenta 2012 europaweit und natürlich auch in Deutschland bekannt.

Zur Bekanntheit von Etel Adnan trugen auch die Hörproduktionen des Deutschlandradios bei, die sich vor allem auf die poetischen Texte der Künstlerin stützen. Die Fähigkeit der Künstlerin, Reflexionen und Empfindungen in lyrischer Sprache auszudrücken, kommt den Möglichkeiten des akustischen Mediums nahe, man darf sagen: näher noch als dem Theater, wenngleich sie 2010 im Beiruter Al-Madina-Theater nicht für ihre Lyrik, sondern mit dem nach ihr benannten „Adnan Award for Female Playwrights in the Arab World“ für ihre Theaterstücke ausgezeichnet worden ist.

Für Deutschlandradio Kultur konzipierte sie Texte, die ausdrucksstark und bezwingend über ihre Erlebnisse, Beobachtungen, Träume und Ängste berichten. Beispielsweise „Schiff im Sturm Berg Mond Meer ganz und gar schwerelos“ (vgl. FK-Heft Nr. 2-3/09), entstanden unter der Regie von Jean-Claude Kuner und Klaudia Ruschkowski, die hier – wie auch bei anderen Radiotexten Adnans – ebenso als kundige und einfühlsame Übersetzerin fungierte. Im Jahr 2014 folgte dann „Arabische Apokalypse“ (vgl. FK-Heft Nr. 3/14), eine geistesklare und gleichzeitig hochemotionale Auseinandersetzung mit dem (vermeintlichen) ‘Arabischen Frühling’. Einige Texte liegen auch in Buchform vor. Sie wurden von der Übersetzerin zusammen mit dem in Berlin lebenden Regisseur Giuseppe Maio für eine akustische Fassung adaptiert, so auch jetzt wieder.

Während Adnan in „Arabische Apokalypse“ gleichsam paradoxal die Sonne in den Fokus ihres Textes rückte, ist es nun die Nacht, die den Mittelpunkt ihrer lyrischen Empfindungen bildet. „Nacht ist mein Temperament“ bekennt sie in ihrem neuesten Text, im Original auf Englisch an ihrem derzeitigen Wohnort Paris geschrieben. Aber in die Nacht flüchten sich auch die Sorgen, die Seele ist beschwert: „My soul, sorrow takes different names. Which one will you give it tonight?“ („Meine Seele, die Sorge trägt viele Namen. Welchen wird sie heute Nacht tragen?“)

Etel Adnan rezitiert in „NACHT“ ihren Text in einem sehr eigenen, sehr gebildeten Englisch mit starkem Akzent. Man ist gefangen von dieser altersbrüchigen, aber doch energetischen Stimme, die Empfindungen, Gefühle und klare Analysen zur Rhapsodie verdichtet. Das Flüchtige bleibt, das Essentielle wird meist nicht mehr als gestreift.

Die deutsche Übersetzung in dieser rund 65-minütigen Radioarbeit wird von Angela Winkler und Sandra Borgmann ohne Emphase, klar und klingend vorgetragen. Die Sprachführung spricht für das Können der Regie. Giuseppe Maio inszeniert eine Stimmenstruktur, deren akustische Ingredienzien einzeln erkennbar sind. Philosophische Gedanken, Erlebnisse und Traumata sind durchwirkt mit Elementen der Naturlyrik. Tiere, Blumen, Früchte, Luft und Wasser bilden ein poetisches Gespinst und fügen sich zu einer eindrucksvollen Klangkomposition.

Ulrike Haage konnte für die musikalische Gestaltung gewonnen werden. Mehmet Polat spielt auf der Oud – einer arabischen Laute mit variantenreichem Timbre – und kreiert damit ein nur leicht angedeutetes orientalisches Kolorit. Das Klanggeflecht umspielt den Text, die Essenz einer langen und oft bedrohlichen Lebenserfahrung. „Stay with me…in my misery / my insanity…language is produced by fear. A headline: war“ („Bleib bei mir…in meinem Elend / meinem Irrsinn…Sprache wird aus Furcht geboren. Schlagwort: Krieg“).

In Zeiten, da auch die Radiokunst mit Unterhaltungsangeboten und einer – wie auch immer gearteten – Quote kokettiert, ist eine Produktion wie „NACHT“ ein Kunstwerk genuiner Natur. Das Stück lief beim Deutschlandfunk Kultur im Rahmen von dessen Medienpartnerschaft mit der Documenta 2017 unter der Rubrik „Kunststücke/Documenta“.

25.08.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK