Elfriede Jelinek: Am Königsweg. 3‑teiliges Hörspiel (Bayern 2)

Zuhören beim Nachdenken über Trump

18.08.2017 • AlsIm deutschsprachigen Hörspiel ist es ohne Zweifel ein Höhepunkt dieses Sommers: In ihrem neuen Stück „Am Königsweg“ setzt sich die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit US-Präsident Donald Trump auseinander, und zwar mit dem konkreten Machtmenschen wie auch mit dem abstrakten Phänomen dieses Typus. Zwar fand im März 2017 in New York unweit des Trump Towers bereits eine szenische Lesung von Textauszügen des Stücks statt; das Verdienst der Erstinszenierung kann sich allerdings die Redaktion „Hörspiel und Medienkunst“ des Bayerischen Rundfunks (BR) auf die Fahnen schreiben. Denn auf einer Bühne wird „Am Königsweg“ zum ersten Mal am 28. Oktober dieses Jahres inszeniert (Deutsches Schauspielhaus Hamburg).

Regie bei dem Hörspiel führte Karl Bruckmaier, der schon öfters Jelinek-Texte für den BR umgesetzt hat. Er legte diesmal zwei Fassungen vor: Neben der ungekürzten Version in drei Teilen von jeweils rund 110 Minuten Länge gab es noch eine einteilige ‘Shortcut’-Bearbeitung, die im Programm Bayern 2 am 2. Juli wenige Tage vor der ersten Folge des Dreiteilers ausgestrahlt wurde und den gesamten Text in 53 Minuten durchschreitet. Bruckmaier sagte in einem Gespräch mit Marie Schoeß im BR-Hörfunk, dass die Kurzfassung wesentlich zugänglicher sei und beim Hörer auch die Neugier auf das ungekürzte Stück wecken solle. Als wesentliches Thema des Textes machte Bruckmaier den Niedergang des Intellektuellen im angebrochenen ‘postfaktischen Zeitalter’ aus.

Hinsichtlich Art der Inszenierung zieht Karl Bruckmaier in dem Gespräch mit Marie Schoeß und in einem Statement auf der Internet-Seite von Bayern 2 Parallelen zur „Muppet Show“, zu Comic-Serien und zum Kasperletheater. Tatsächlich geht es sehr bunt und schrill zu in den fünfeinhalb Stunden Gesamtlänge des Dreiteilers. Die vielen Stimmen, die sich oft gegenseitig ins Wort fallen, verhelfen dabei weniger ihnen einzeln zugeordneten und direkt ‘greifbaren’ Figuren zum Leben; eher bringen sie aus verschiedenen Perspektiven eine beeindruckende dialektische Gedankenkaskade zu Gehör: Manche Stimmen wie die einer an Miss Piggy aus der „Muppet Show“ angelehnten blinden Seherin versuchen, sich einen Reim auf den politischen Siegeszug Donald Trumps zu machen, wieder andere verleihen diesem namentlich nicht genannten „König“ Trump selbst eine Stimme und manchmal geht beides ineinander über.

An der Hörspielumsetzung haben zahlreiche namhafte Akteure mitgewirkt, darunter die wundervoll sonorig klingende Schauspielerin Mechthild Großmann und der Schauspieler Christoph Jablonka, der ja die neue deutsche Synchronstimme für die berühmte Trickfilmfigur Homer Simpson ist. Und nicht zuletzt ist Elfriede Jelinek selbst als Sprecherin dabei, die unter anderem als namenlos bleibende Figur der „Autorin“ im Text auftaucht.

Im ersten Teil des Dreiteilers wird, wenn man so will, die Genesis Donald Trumps erzählt, musikalisch begleitet von militärisch eintönigem Getrommel. Wichtigste Bedingung ist in diesem Zusammenhang die allgemein zunehmende Unzugänglichkeit für rationale Argumente. Das Denken sei kaputt, heißt es an einer Stelle. Diesem Umstand entspringt allerdings auch die übertriebene Aufladung Trumps zum Hassobjekt des angeblich so aufgeklärten Europas, dessen Selbstgerechtigkeit Jelinek ein gekonntes Schnippchen schlägt. Wenn aber zu denken völlig aus der Mode gekommen ist, was kommt dann? Jelineks unverblümte Antwort: Gewalt.

Um diese begraben geglaubte und doch wiedergekehrte pure Brutalität, die sich als etwas Neues zu verkaufen versucht, geht es unter anderem im zweiten Teil, in dem alle Sprachmelodien von einer leisen Bluesgitarre imitiert werden. Auch hier wird Trump nicht als alleiniger Buhmann hingestellt. Die Aufrüstungsbestrebungen bei US-Verbündeten, die sich nun stärker auf sich allein gestellt sehen, kriegen in diesem Zuge ebenfalls ihr Fett weg. Gewalt gegen Frauen ist ebenfalls ein Thema, dass Jelinek aufgreift, und zwar indem sie Trumps Versuch der Selbstinszenierung als Frauenheld und seine misogynen Taten und Äußerungen überspitzt darstellt und sie lächerlich macht.

Die interessante Anverwandlung eines biblischen Motivs findet man im dritten Teil, der einem kompositorisch dann und wann scheppernde Oratorien um die Ohren haut, ansonsten aber musikalisch gesehen recht ruhig ist. Die von Trump versprochene Subventionierung wenig nachhaltiger Industrie- und Bergbaujobs wird mit dem Willen Abrahams zur Opferung Isaaks verglichen. Sogleich aber wird Trump selbst zum Opfer transformiert, denn er ist als Projektionsfläche für die negativen Entwicklungen in der Welt wiederum so sehr schuld, dass für keinen anderen mehr etwas übrig bleibt – Erlösung bizarr. Und am Ende tritt die Figur der Autorin mit der Bitte ans Publikum: „Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie lieber nicht auf mich.“

Die gedanklich überwältigend hochgetaktete Ästhetik vor allem der ersten beiden Teile der Langversion wird in der einteiligen Bearbeitung etwas gedrosselt. Da keine eigentliche Handlung vorliegt, kann man ohne Probleme in diese Kurzversion eintauchen und von ihr zum Dreiteiler überwechseln. Letzterer zeichnet sich insbesondere durch die klare musikalische Gliederung aus.

Auch wenn Elfriede Jelinek gewiss eine gute Portion Verachtung für Donald Trump übrig hat, meistert sie doch das Kunststück, die Materie multiperspektivisch zu durchdringen, und das mit einer kunstvollen, verspielten Sprache, die ihresgleichen sucht. Der Ausblick, den sie bietet, ist zwar präapokalyptisch – man kann es ihr allerdings nicht übel nehmen. Zumal wenn es so viel Freude macht, Jelinek beim Denken zuzuhören.

18.08.2017 – Rafik Will/MK