Clemens J. Setz: Innenhof (SWR 2)

Debüt mit Gordischem Knoten

Der noch relativ junge Grazer Autor Clemens J. Setz (geboren 1982) gilt im deutschsprachigen literarischen Betrieb als Shooting-Star. Er wurde bereits mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, nicht nur in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, das aber auch; hinzu kommen der Literaturpreis der Stadt Bremen (2010), der Preis der Leipziger Buchmesse (2011), der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2015) und zuletzt der Literaturpreis des Landes Steiermark (2017). Rund ein Dutzend Romane und Erzählungen hat der österreichische Autor inzwischen veröffentlicht (unter anderem „Glücklich wie Blei im Getreide“, „Die Frequenzen“ und „Indigo“).

Mit dem als SWR-Produktion entstandenem Originalhörspiel „Innenhof“ debütierte Clemens J. Setz nun als Hörspielautor. Das Thema, dem er sich widmet, ist im Hörspielbereich alles andere als abgegriffen, wenn man einmal absieht von John von Düffels „ARD-Radio-Tatort“-Folge „Wer sich umdreht oder lacht...“ (Radio Bremen 2011), einem Krimi, in dem es auch, wie hier bei Setz, um die komplexen Verwicklungen beim Stalking ging, dem meist geheimen, aber aufdringlichen Nachstellen eines im Dunkeln agierenden Täters (fast immer spielt das Telefon bzw. das Handy dabei eine entscheidende Rolle) Die Forschung unterscheidet übrigens den rachsüchtigen Stalker, den beziehungssuchenden Stalker, den erotomanen Verfolger oder auch den intellektuell retardierten Stalker, neben dem sadistisch disponierten Nachsteller.

An solche Muster und Vorgaben hält sich Clemens J. Setz indessen nicht. Er dreht, wenn man so will, an der Typologie der Stalker-Persönlichkeit noch weiter, indem er in seinem Hörspiel beobachten und belauschen lässt, wie eine Nachbarin im urbanen Umfeld Opfer einer solchen Attacke wird. Anstatt tatvoll und konstruktiv zu helfen, mischen die Zuhörer (zwei Männer und eine Frau) ihrerseits im Dunstkreis des Verfolgens und Stalkens mit und bekommen sogar (sehr merkwürdig) Telefonkontakt mit dem Stalker. Die Verfolgungsjagd der Stalker-Jäger endet dann letztlich in einem recht unwahrscheinlichen, ja, intransparenten (dabei kaum verständlichen) Finale: Das ursprüngliche Stalking-Opfer wird zu einer (mörderischen?) Aussprache mit seinem Verfolger gezwungen, das Verwirrspiel treibt einem Höhepunkt zu, dessen Gordischer Knoten allein in den schützenden Händen des Autors zu liegen scheint.

Unter der Regie von Iris Drögekamp hat dieses komplex verschlungene Stalker-Drama dann doch immer wieder an Fahrt und Charme gewinnen können. Das lag nicht zuletzt an den öster­reichischen Schauspielern und Sprechern wie Valerie Pachner, Christopher Schärf und David Miesmer. Gelegentlich blitzen wunderbare sprachliche Aperçus in dem 55-minütigen Hörspiel auf, so etwa, wenn die Lauscher bildungsbeflissen die griechische Antike mit Charon und Styx bemühen oder wenn in dem Stalker-Krieg eine „asymmetrische Kriegsführung“ beschworen wird. In solchen Sprach- und Sprechsekunden glaubt der Hörer zu bemerken, das Clemens J. Setz für die Gattung Hörspiel noch mehr im Köcher hat, als er hier im Debüt aufzeigen konnte. Ein bisschen überdreht, als gelte es, unbedingt etwas zu beweisen, ein bisschen zu vollmundig (zum Beispiel der leitmotivische Song) kam manches daher und überdeckte ein schreibendes Talent, von dem das Radio noch manches zu hören bekommen wird. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht.

31.05.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 16-17/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren