Bedrohte Art: Realistische Bestandsaufnahmen bei den Zonser Regionalhörspieltagen 2017

Von Waldemar Schmid

Ein nachdenklicher Grundton beherrschte die diesjährigen Zonser Regionalhörspieltage. Der Bonner Sprachwissenschaftler Georg Cornelissen vermittelte zum Auftakt der dreitägigen Veranstaltung (10. bis 12. Mai) in seinem Impulsreferat zum Thema „Regionalität und Sprache“ eine nüchterne Sicht der Situation von Mundarten und „Regiolekten“ in Deutschland. Nachdem er an Beispielen dargestellt hatte, wie Mundartentwicklungen und Mundartwanderungen in einigen Regionen Deutschlands verlaufen, kam er unter anderem zu dem Schluss, die Beweglichkeit eines Dialekts erkenne man auch daran, dass dieser sich in Richtung hin zur Hochsprache verändere, also: dass er letztendlich verschwinde. Nicht erfreulich, sofern man den Mundarten eine lebendige Zukunft wünscht.

Bei der Diskussion über die Beiträge des Hörspielwettbewerbs, der Hauptteil der Zonser Veranstaltung ist, fiel Pierre Kretz, aus Selestat stammender Autor des Monologstücks „Ich bin a beesi Frau“, durch ähnlich strenge Mitteilungen auf. Er sagte voraus, dass seine elsässische Heimatsprache in dreißig Jahren verschwunden sein werde. Und nicht nur das: Er zeigte sich überzeugt, dass die Dialekte auch in Deutschland verschwinden würden, nur dass dies dort im Gegensatz zum Elsässisch in Frankreich kein politisch gewollter „Infarkt“ sei, sondern ein Schicksal „wie im Altenheim“. Das hatte Georg Cornelissen zuvor mit dem Begriff „Fossilisierung“ umschrieben, indem er feststellte, dass in bestimmten Landschaften und örtlichen Situationen die dort gesprochene Mundart sich nicht mehr weiterentwickle und auch nicht mehr geografisch weiterwandere, sondern nur noch eine Art „Pflegefall“ für Mundart- und Heimatvereine bleibe.

Immer weniger Mundart-Ensembles

Dass diese Entwicklung durch die ARD-Landesrundfunkanstalten nicht aufgehalten wird, könnte man als unterlassene Hilfeleistung bezeichnen; so gibt es ja eine wahrnehmbare Verringerung neuer Mundarthörspielproduktionen. Die besorgten Äußerungen hierüber gehören schon notorisch zu den Bestandsaufnahmen am Beginn der Zonser Regionalhörspieltage. Doch es hat neben möglichem Desinteresse an diesem Genre auch andere Gründe: Die (noch) mit Regionalhörspielen befassten Redaktionen in den ARD-Anstalten haben immer mehr Probleme damit, geeignete Ensembles von Mundartsprechern für Hörspiele zu bekommen, wie es in Zons aus der Runde der Teilnehmer hieß. Realistisch betrachtet sieht es mithin so aus, dass das Regional- oder Mundarthörspiel zu den bedrohten Arten des Medienkosmos zählt.

Fünf Stücke waren im Wettbewerb um den diesjährigen Regionalhörspielpreis. Der Österreichische Rundfunk (ORF) war mit dem Beitrag „Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter“ dabei, einem parodistischen Bühnenstück von Fritz von Herzmanovsky-Orlando. In der Funkfassung, die für das Programm Ö1 produziert wurde, lebt das Stück vor allem von der umwerfenden Sprachvirtuosität des Solodarstellers Wolfram Berger, der über ein Dutzend Sprechrollen allein spricht, auch Bearbeiter und Regisseur der Radioproduktion war. In Zons demonstrierte er den Anwesenden, wie er so etwas zustande bringt.

Hörspielhauptpreis für Pierre Kretz

Von Radio Bremen war das dokumentarische Hörspiel „Tallymann und Schutenschubser“ (Regie: Michael Uhl) im Wettbewerb. Fünf ehemals im Hamburger Hafen Beschäftigte erzählen hier von den damaligen Arbeitsverhältnissen, den alten hafenspezifischen Begriffen und Hierarchien und den mittlerweile eingetretenen Veränderungen. Ausgestrahlt wurde das rund 40-minütige niederdeutsche Hörspiel, das auf einem Theaterstück basiert, im August 2016 im Nordwestradio.

Das Programm SWR 4 Baden-Württemberg war mit einer Radioversion des aus dem Jahr 2013 stammenden Kinofilms „Global Player – Wo wir sind isch vorne“ von Hannes Stöhr (Buch/Regie) im Zonser Wettbewerb vertreten. Die Funkeinrichtung, im Mai 2016 bei SWR 4 zu hören, hatten gemeinsam Hannes Stöhr und Felix Huby besorgt, Produktionsort war das SWR-Studio Tübingen. Wie im Film spielt im Hörstück der inzwischen 93-jährige Walter Schultheiß die Hauptrolle und einige weitere der Darsteller aus der Kinoproduktion sind ebenfalls zu hören. Die schwäbische Unternehmerfamilien-Saga kam in Zons gut an.

Die Schweiz war wie schon mehrmals mit Wettbewerbsbeiträgen der öffentlich-rechtlichen Programme Radio SRF 1 und SRF 2 Kultur im Wettbewerb vertreten. Das Kulturprogramm ging diesmal mit einem Selbsterfahrungsdrama von Michael Stauffer ins Rennen: „Du musst gewinnen“ ist dabei auch „eine Hörspielkomödie übers Hörspielmachen“ (SRF). Zu hören ist eine immer gereizter werdende Studiodiskussion zwischen dem Autor „Dichterstauffer“ (= Michael Stauffer) und einem Regisseur über das richtige Zitieren eines hochdeutschen Lyriktextes. Der Streit findet auf Schweizerdeutsch statt.

Euregio am Oberrhein

Das schon erwähnte Monologhörspiel von Pierre Kretz war das Stück, mit dem das populäre Programm Radio SRF 1 im Wettbewerb war. Die Produktion entstand aus einer Zusammenarbeit mit dem Südwestrundfunk. Der deutsche Sender strahlte das 50-minütige Stück im ursprünglichen Elsässer-Alemannisch im Programm SWR 4 Baden-Württemberg aus. (In Frankreich wurde es übrigens nicht gesendet.) Es gibt eine weitere SWR-Sendefassung in Schwarzwälder Alemannisch, die jedoch in Zons nicht im Rennen war. Für die Schweizer Version wurde der von Pierre Kretz in Elsässerditsch verfasste Urtext von Marco Schenardi in den Urner Dialekt übertragen und erhielt dabei den entsprechend modifizierten Titel „Ich bin ä beesi Fräü“. Gesprochen wurde der Monolog von Anita Schnenardi.

In dem Stück sinniert eine von der Dorfgesellschaft gemiedene Frau über ihr Leben, ihr Anderssein und ihre Wünsche. Sie vergleicht sich mit der Titelheldin aus Dürrenmatts Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ und spricht über ihre verpfuschte Ehe, die sie schließlich mit einem sanften, aber tödlichen Schubser gegen ihren volltrunkenen Mann beendete. Und sie wird zunehmend weniger hart gegen sich selbst und die Welt.

Die ungewöhnliche Parallelproduktion nah verwandter Mundarten war eine Neuigkeit beim Zonser Hörspielwettbewerb, aber auch ein bemerkenswert grenzüberschreitender Beleg für die freundschaftliche radiophone Zusammenarbeit in der Euregio am Oberrhein. Die Zonser Jury vergab an das psychologische Solostück von Pierre Kretz in der schweizerischen Fassung den Hauptpreis des Wettbewerbs, den Zonser Hörspielpreis der Sparkassenstiftung Neuss. Der zweite Preis ging an das SWR-4-Stück „Global Player – Wo wir sind isch vorne“ und der dritte Preis an „Tallymann und Schutenschubser“ von Radio Bremen.

 

Darstellerpreis für Walter Andreas Müller

Mit dem von ARD, ORF und SRF gestifteten Zonser Darstellerpreis wurde in diesem Jahr der 71-jährige Schweizer Schauspieler, Radiomoderator und Kabarettist Walter Andreas Müller ausgezeichnet. Er hatte bei den Zonser Hörspieltagen 2016 in dem SRF-Wettbewerbsstück „Warte uf Bodo“ von Fritz Sauter in drei Sprechrollen in Berner, Züricher und Ostschweizer Mundart geglänzt (vgl. MK-Artikel).

Auffallend war in diesem Jahr, dass gleich drei der fünf Wettbewerbsbeiträge Solostücke waren – eine Folge auch der geschilderten prekärer werdenden Darstellersituation. Das gilt besonders für den süddeutschen Raum. In Norddeutschland ist es anders, weil sich die verschiedenen Ausprägungen des Platt so gut wie gar nicht in das Hochdeutsche abschleifen und weil es dort ein lebendiges Platt-Sprecherangebot gibt.

Die Leiterin der Zonser Hörspieltage ist jetzt Eva Schmitt-Roth. Sie hatte den Regionalhörspielwettbewerb seinerzeit ins niederrheinische Zons geholt, pausierte dann aus familiären Gründen und löste nun in der Leitungsfunktion den in den Ruhestand gehenden Hans-Peter Beyenburg ab, der große Verdienste um den Zonser Wettbewerb hat. Eva Schmitt-Roth kündigte an, eine neue Initiative starten zu wollen, um die Regionalhörspiel-Redaktionen und die umgebenden Hierarchie-Ebenen für mehr Mundarthörspiele zu gewinnen.

15.06.2017 – MK