Atiha Sen Gupta: Fatima (NDR Info)

Kopftuchdebatte

Die Titelfigur eines szenischen Hörspiels kein einziges Mal in Erscheinung treten zu lassen, ist ein wirkungsvoller dramaturgischer Kunstgriff. Mit diesem Mittel wird Neugier auf die eigentliche Beschaffenheit des Namensgebers geweckt, denn der kann sich ohne eigene stimmliche Präsenz nun einmal nur als unklares Negativ, nämlich über die Aussagen der anderen auftretenden Personen, in der Vorstellung des Hörers etablieren. Im Hörspiel „Fatima“ von Atiha Sen Gupta ist diese Vergegenständlichung eines literarischen Individuums keine rein formale Spielerei. Denn die kurz vor dem Abitur stehende Fatima wird, nachdem sie aus den Ferien mit einem Kopftuch zurückkehrt, für ihre Mitschüler und Freunde zur Projektionsfläche der ‘Kopftuchdebatte’ und damit zum entmenschlichten Betrachtungsobjekt.

Das in einer Bearbeitung von Heike Tauch für den NDR-Hörfunk adaptierte Theaterstück „Fatima“ wurde zunächst unter dem Titel „What Fatima Did“ am 27. Oktober 2009 auf der Bühne des Hampsted Theatre London uraufgeführt. Es war das Theaterdebüt der 1988 in London geborenen Atiha Sen Gupta. Nach Deutschland kam das Stück dann im Jahr 2011 (Übersetzung aus dem Englischen: Anne Rabe) und es wurde hier mit dem Titel „Fatima“ am 6. November vom Niedersächsischen Staatstheater Hannover zur Erstaufführung gebracht. Ein Jahr später wurde Atiha Sen Gupta für „Fatima“ beim „Heidelberger Stückemarkt“ der mit 6000 Euro dotierte Jugendtheaterpreis verliehen.

Ein wenig ist die von Heike Tauch realisierte, rund 50-minütige Radiofassung, bei der die Bearbeiterin auch Regie führte, wie Paul Plampers Hörspiel „Tacet (Ruhe 2)“ angelegt (vgl. FK 46/10). Hier wie dort lässt die Sprachlosigkeit der im Zentrum des Hörspiels stehenden Figur viel Raum für die Selbstdarstellung der Menschen in deren Umfeld. In „Fatima“ wird dieses Umfeld von der über die Gegenemanzipation verzweifelten Mutter (Şiir Eloğlu), der überforderten Lehrerin (Inka Löwendorf) und der Schulclique der angehenden Abiturientin gebildet.

Die Clique setzt sich aus fünf aufgedrehten Teenagern zusammen. Zum einen ist da Fatimas „Mo“ genannter Zwillingsbruder Mohammed (Erol Afsin). Er ist ruhig, ausgeglichen und tolerant und Mo versucht deshalb mehrfach, den Streitschlichter zu geben. Nötig wird der Einsatz seiner mediatorischen Fähigkeiten in erster Linie bei Georg (Meik van Severen), dem Ex-Freund von Fatima. Georg bringt weder Verständnis dafür auf, dass Fatima sich von ihm getrennt hat, noch dafür, dass sie nun das Kopftuch trägt, und er handelt recht blindwütig. Außerdem gehören zu der Gruppe die emanzipierte Kopftuchgegnerin Aisha (Lisa Hrdina), die vor allem an den modischen Aspekten des Kopftuchs interessierte Tuyet (Mai Duong Kieu) und der machohafte Serkan (Jaime Ferkic).

Von der ersten Szene an, dem Schulbeginn nach den Ferien – hier kommt die Neuigkeit, dass die doch weltlich orientierte Fatima nun ein Kopftuch trage, zunächst noch als Gerücht daher (da Fatima zu spät zum Unterricht kommt) – über ein Toleranzgespräch mit der Klassenlehrerin bis hin zu den rassistisch konnotierten Entgleisungen von Georg bekommt der Hörer mit, was über Fatima gedacht und gesagt wird. Die Haltung der Figuren spiegelt dabei die wesentlichen Punkte der gesellschaftlichen Debatte wider und dreht sich um weibliche Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Rassismus und Parallelgesellschaften. Bei alldem erscheint manchmal Teenagerslang ein wenig ungeeignet für die Tragweite des Themas. Problematisch scheint etwa die Vermengung von rassistischen Vorurteilen und Eifersucht als Handlungsantrieb in der Figur von Georg. Liebeskummer taugt nicht als Erklärung für Fremdenhass. Im Großen und Ganzen überwiegt aber die Freude über die erfrischende Dynamik, mit der hier über aktuelle Themen gesprochen wird. Zu gekonnt remixter orientalischer Musik (Komposition: Jörg Gollasch; Gesang: Iannam Wali) haben alle Beteiligten ein schmissiges und gesellschaftlich brisantes Hörspiel gemacht, das Hörer aller Altersgruppen ansprechen dürfte.

27.08.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 2-3/2017

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