Arthur Schnitzler: Später Ruhm (NDR Kultur/Ö1)

Erstaunlich viel Aufmerksamkeit

Der Wiener Beamte Eduard Saxberger steht kurz vor der Pensionierung und lebt ein behäbiges bürgerliches Leben. Seine literarischen Ambitionen hat er schon vor Jahrzehnten aufgegeben. Plötzlich jedoch wird sein Alltagstrott von außen durchbrochen, ein verhältnismäßig junger Mann namens Wolfgang Meier stattet ihm einen Besuch ab. Dieser ehrerbietige Besucher entpuppt sich als unbekannter Schriftsteller und ist Abgesandter des literarischen Vereins „Begeisterung“. In höchsten Tönen lobt er den von ihm im Antiquariat entdeckten Gedichtband „Wanderungen“ und preist dessen Autor Saxberger als großes, inspirierendes Vorbild. Eduard Saxberger ist geschmeichelt und sagt sehr gerne zu, den „Begeisterten“ einmal einen Besuch abzustatten. So stellt sich die Ausgangslage in dem vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) und Österreichischen Rundfunk (ORF) koproduzierten Hörspiel „Später Ruhm“ nach der Novelle von Arthur Schnitzler (1862 bis 1931) dar.

Die Vorlage für das Hörspiel ist die im Frühjahr vorigen Jahres im Wiener Verlag Zsolnay veröffentlichte 160-seitige Ausgabe von Schnitzlers Erzählung. Die Herausgeber Wilhelm Hemecker und David Österle hatten 2013 in der Universitätsbibliothek Cambridge die als verschollen geltende Novelle gefunden. Mit deren Veröffentlichung generierten sie erstaunlich viel Aufmerksamkeit für den Text und das ist in jedem Fall positiv zu bewerten. Im Medienrummel um das Buch wurde „Später Ruhm“ teils als literarischer Sensationsfund gewertet und teils wegen undurchsichtiger editorischer Eingriffe kritisiert. Der Stoff von „Später Ruhm“, den Schnitzler in den Jahren 1894/95 in einer kurzen und einer langen Fassung ausgearbeitet hatte, beschäftigt sich jedenfalls auf unterhaltsame Art mit den Folgen von Geltungssucht und Selbstüberschätzung.

Witz und gekonnte Charakterzeichnungen prägen das unter Regie von Harald Krewer entstandene Hörspiel, das jetzt in den Programmen NDR Kultur und Ö1 ausgestrahlt wurde. Geschildert in zahlreichen Dialogen, die von einem ironisch distanzierten Erzähler (gesprochen von Michael Rotschopf) miteinander verbunden werden, erlebt der Hörer das beginnende Aufblühen von Eduard Saxberger (Joachim Bißmeier) angesichts des späten Ruhmes, der ihm zuteil wird. Ist Saxberger zuvor nur in der Amtsstube, bei Spaziergängen oder bei Wirtshausbesuchen anzutreffen gewesen, besucht er nun sogar erstmalig eine abendliche Künstlerrunde im Kaffeehaus. Dabei folgt er der Einladung Wolfgang Meiers (Thomas Reisinger) und steht sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit der „Begeisterten“, unter denen viel prätentiöses Gehabe gepflegt wird. Das stört Saxberger allerdings nicht, ihm ist der bescheidene Ruhm längst zu Kopf gestiegen.

Unangenehm wird es für ihn erst, als das Zusammentreffen mit den in der Öffentlichkeit wenig bekannten Schriftstellern und Künstlern seine Eigendynamik entwickelt. Man will von Saxberger einen aktuellen Beitrag für einen spontan geplanten Leseabend und angesichts des Gruppendrucks und seiner eigenen Eitelkeit sagt er zu. Doch Saxberger fällt die selbstgewählte Aufgabe schwer. Trotzdem wartet er, bis schon in der Zeitung eine Ankündigung des Leseabends steht, um die Schreibblockade bekanntzugeben. Als sein Ersatzbeitrag zum Leseabend werden Gedichte aus den „Wanderungen“ gewählt. Scham über das eigene Versagen und Ärger über die schwindende Begeisterung für ihn unter den Nachwuchsschriftstellern bestimmen von da an Saxbergers Nachdenken. Die Pointe der Geschichte ist letztlich, dass nur wenige der „Begeisterten“ die von ihnen so hochgelobten „Wanderungen“ auch gelesen haben.

Das knapp eineinhalbstündige Hörspiel klingt stark nach alter Schule, wozu auch die gediegene Hörspielmusik (Komposition: Max Nagl, Violine: Anne Harvey-Nagl, Klavier: Kaori Nishii) und das allgemein langsame Sprechtempo beitragen. Doch den Text aus dem Ende des 19. Jahrhunderts musste man vielleicht auch so und nicht anders umsetzen. Der Einsatz der Beteiligten, nicht zuletzt der vielen durchweg betonungssicheren Sprecher hat sich gelohnt. In den weiteren Rollen hören wir Michael Dangl, David Miesmer, Matthias Mamedof, Florian Teichtmeister, Helmut Bohatsch, Christian Dolezal, Julian Loidl, Petra Morzé und Peter Simonischek. Auch im Radio kommt der Text Schnitzlers nun also zu spätem Ruhm.

11.04.2015 – Rafik Will/MK