Arno Schmidt: Die Umsiedler (NDR Kultur/WDR 3)

Flüchtlinge 1950 ff.

Vertreibung, Flucht und Umsiedlung sind neben Krieg und Gefangenschaft die am häufigsten gestalteten Themen der sogenannten Trümmer- und Kahlschlagliteratur Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Auch Arno Schmidt (1914 bis 1979) hat diese Sujets in mehreren seiner frühen Arbeiten literarisiert, seine 1953 veröffentlichte Erzählung „Die Umsiedler“ fokussiert das Thema bereits im Titel. Der in Hamburg geborene, nach dem Tod des Vaters 1928 nach Schlesien umgezogene Junge ist 1945 nach Kriegsdienst und Gefangenschaft aus seiner Heimat vertrieben worden und mittellos nach Niedersachsen gekommen. Ab 1950, als Schmidt bereits den Roman „Leviathan“ veröffentlicht hatte, begann seine Umsiedlungs- und Umzugsodyssee, die ihn in mehrere Bundesländer führte. 1958 fand er dann sein endgültiges Domizil im niedersächsischen Bargfeld im Kreis Celle. Schmidt starb 1979 im Krankenhaus von Celle.

„Die Umsiedler“ ist keine autobiografische Erzählung im eigentlichen Sinn, aber in einigen Details werden das Erzähler-Ich und bestimmte Stationen autobiografisch konturiert. Die Erzählung hat keine lineare Handlung des Umsiedlertrecks, bereits in dieser Prosastudie setzt der Autor die akausale Dramaturgie der „montierten Details“ und des „Blätterns im Fotoalbum“ ein, die der erfahrenen „porösen Gegenwart“ entsprechen. Die Erzählung präludiert auch die später formulierte „Etym-Theorie“, speziell sein Verdikt gegen die „ferkorxde Orrto=Graffie“.

Der namenlose Ich-Erzähler, ein Flüchtling, der wie der Autor in der Nachkriegszeit als Dolmetscher gearbeitet hat, steigt 1950 mit seinem knappen Hab und Gut in einen Güterzug, der Umsiedler aus Niedersachsen durch mehrere Bundesländer bis nach Alzey (Rheinland-Pfalz) führt. Der Flüchtling hat wie die anderen Umsiedler in den überfüllten Waggons mit diversen widrigen Problemen zu tun. Er muss sich schäbige Unterkünfte teilen, sich von Bürokraten schikanieren lassen und er erlebt auch die Feindschaft der Einheimischen gegen die Fremden, kurz gesagt: Er erlebt hautnah Chaos und soziales Elend.

Es gibt aber auch einen Lichtblick, bereits auf der ersten Zugstrecke lernt er die junge Frau Katrin kennen, die nach halbjähriger Ehe Kriegerwitwe geworden ist und mit dem Handicap eines amputierten Unterschenkels leben muss. Zwischen diesen zwei Umsiedlern entwickelt sich schnell eine zarte, später leidenschaftliche Liebesbeziehung und am Zielort planen sie ihre Verlobung und einen gemeinsamen Hausstand. Eine Heirat kommt für Katrin aber nicht in Betracht, weil sie nicht auf die 180 Mark Witwenrente verzichten will – damals keine seltene Entscheidung. Im letzten Satz der Erzählung äußert sich der Mann nicht gerade optimistisch: „So leben wir zunächst zusammen, wie es weiter wird, weiß ich noch nicht.“

Die Hörspielbearbeiterin Anna Pein hat den nur 34 Buchseiten starken Text etwa um die Hälfte gekürzt, alle Allusionen und Zitate zur Literaturgeschichte eliminiert, das Imperfekt der Vorlage ins Präsens transformiert und viele Prosapartien dialogisiert, wodurch der Text von insgesamt 27 Sprecherrollen getragen wird; Tilo Werner als Erzähler und Katharina Marie Schubert als Katrin sprechen den größten Textanteil. Regisseur Oliver Sturm hat in den Text kleine Kompositionen von Sabine Worthmann und O-Ton-Dokumente zur damaligen Flüchtlingspolitik montiert, darunter auch einen Redeausschnitt des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Am Tag nach der Ursendung im Programm NDR Kultur hat der Koproduktionspartner WDR das im Original rund 75 Minuten lange Hörspiel in einer um mehr als ein Viertel gekürzten Fassung gesendet – eine Konzession an das Programmschema, das auf WDR 3 von Montag bis Freitag von 19.05 bis 20.00 Uhr dem Hörspiel nur 55 Minuten Sendezeit gewährt – eine defizitäre Programmgestaltung, die einer künstlerischen Selbstdesavouierung sehr nahe kommt.

12.05.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK