ARD-Hörspieltage 2016: Hauptpreis für „Tower of Babel“ aus der „Bibelprojekt“‑Reihe des HR

Von Rafik Will

Am Ende gab es keine echte Überraschung. Mit dem budgetintensiven Hörstück „Tower of Babel“, einer mehrsprachigen Produktion des US-amerikanischen Starregisseurs Robert Wilson, die im Rahmen des vom Hessischen Rundfunk (HR) realisierten „Bibelprojekts“ entstanden war, gewann der klare Favorit den mit 5000 Euro dotierten ‘Deutschen Hörspielpreis der ARD’. Zum Gewinnerstück gekürt wurde diese Collage antiker bis moderner Texte – wobei hier der titelgebende alttestamentarische Bericht vom Turmbau zu Babel im Zentrum steht – von einer fünfköpfigen Jury unter Vorsitz des Dramaturgen Hermann Beil, die in Karlsruhe bei den 13. ARD-Hörspieltagen (9. bis 13. November) für die Vergabe des Hauptpreises verantwortlich war.

In der Jury-Begründung hieß es, Robert Wilson liefere mit den zunächst „einzeln, bloßgestellt und unerlöst im Hörraum“ stehenden Sprachen, Stimmen, Tönen und Geräuschen eine scheinbare Einlösung und Illustration der in der Bibel erwähnten babylonischen Sprachverwirrung. Wilson lasse sich dabei aber nicht auf die an aktuellen Bezügen verführerisch reiche Darstellung einer vielfach gespaltenen Menschheit als „Schockbild eines Trümmerfeldes“ ein, sondern er vollführe in seinem Hörspiel „Tower of Babel“ den Schritt zu einer „akustischen Spektralanalyse“, die auf durchaus hoffnungsstiftende Weise einen Blick auf interlinguale Verständigungsschwierigkeiten werfe: „Der Mensch der Gegenwart wird nicht mehr Mensch als Gleicher im Gleichen, sondern als je Besonderer unter Besonderen. Das ist es, was uns eint; in dieser Dialektik finden wir zueinander und verstehen uns.“

Extravagante Ästhetik

„Tower of Babel“ wurde vom federführenden HR gemeinsam mit der britischen BBC und den ARD-Anstalten NDR, RBB und SWR produziert. Einstimmig war die Entscheidung der Jury für das Stück nicht. In der Endabstimmung setzte sich „Tower of Babel“ mit 3:2 Stimmen gegen das (deutschsprachige) Konkurrenzstück „Screener“ durch, das der 1990 geborene belgische Radiomacher Lucas Derycke im Auftrag des WDR inszeniert hatte. Auf die Shortlist der Finalisten hatte es als dritte Produktion Lothar Trolles Stück „Dshan“ (SWR) geschafft, das bereits die von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergebene Auszeichnung „Hörspiel des Jahres 2015“ erhalten hatte (vgl. MK-Meldung).

Zum Aufbau des späteren Gewinnerstücks erläuterte Robert Wilsons Co-Regisseur Tilman Hecker während der Fragerunde – die sich bei den Karlsruher Festivaltagen an jede Vorführung eines Wettbewerbsstücks und die folgende Jury-Diskussion anschließt –, es handele sich um eine „Aneinanderreihung von Höhepunkten“. Diese Aussage griff der im Publikum vertretene Hörspielkritiker Jochen Meißner auf (der auch MK-Autor ist). Aus genau dieser von Hecker genannten unmittelbaren Abfolge von Höhepunkten, die eine „Überwältigungsstrategie“ darstelle, ergebe sich aber auch eine gewisse Monotonie, wandte er ein. Daraufhin ruderte Hecker etwas zurück und meinte, zwischen den einzelnen Höhepunkten sei ja durchaus auch viel Platz für anderes geblieben – was jedoch dem Begriff „Aneinanderreihung“ eigentlich zuwiderläuft.

Publikumspreis für WDR-Stück

Den vom Publikum per Online-Voting unter denselben zwölf Nominierungen vergebenen ‘ARD Online Award’ (2500 Euro) konnte Lucas Derycke für sein Stück „Screener“ verbuchen. Sein Hörspiel widmet sich am Beispiel des Protagonisten Felix den psychischen Folgeerscheinungen, mit denen sich jemand konfrontiert sehen kann, der im Bereich der soziale Medien als sogenannter „Content Reviewer“ arbeitet. Dass es kein leichter Job ist, gewalttätige Inhalte und sonstigen Digitalmüll aus den Datenströmen herauszufiltern, kann man sich denken. In „Screener“ wird diese allgemeine Gewissheit dem Hörer aber auf sehr gekonnte Weise emotional nahegebracht – vielleicht sogar etwas zu emotional. Bei dem Stück lauscht man vornehmlich der verbalisierten Verschlagwortung von Web-Inhalten – zweifelsohne ein außergewöhnlicher Ansatz.

Damit setzte sich bei den diesjährigen Karlsruher Hörspieltagen sowohl beim Hauptpreis der Jury als auch beim Publikumspreis jeweils eine verhältnismäßig extravagante Ästhetik durch. Dahingegen waren die übrigen der zwölf Wettbewerbsbeiträge der neun ARD-Anstalten, des Deutschlandradios, des Österreichischen Rundfunks (ORF) und des Schweizer Rundfunks SRF eher von einer konventionelleren Machart geprägt. Denn auch wenn diese Einreichungen inhaltlich und von schauspielerischer Seite her oft stark waren – David Lindemann etwa beschäftigte sich in „Pan Familia“ (Deutschlandradio Kultur) mit dem politischen Rechtsruck in der Friedensbewegung und Holger Böhme widmete sich in „Die meisten Afrikaner können nicht schwimmen“ (MDR) der menschlichen Verrohung der oberen Mittelschicht –, so griffen sie doch größtenteils auf altbekannte Gestaltungsweisen zurück. Ein Extrembeispiel hierfür ist Leonhard Koppelmanns textgetreue Inszenierung von Lessings Bühnenstück „Die Juden“ (ORF/NDR 2016), die doch recht veraltet wirkte. Zwar ist der Eigenanspruch, mit diesem Stück dem Bildungsauftrag nachzukommen, nicht der schlechteste und er wird vielleicht auch erfüllt; allerdings könnte man sich fragen, welche Hörergruppen man mit solch urtümlich anmutenden Hörspielen tatsächlich erreichen kann.

Der mit 1000 Euro dotierte Preis für Kurzhörspiele der freien Szene, der ‘ARD Pinball’, wurde von einer Fachjury diesmal auf zwei Stücke verteilt: Es gewannen Vivien Schütz mit ihrem Hörspiel „Die mit Dinkel“ (produziert an der Bauhaus-Universität Weimar) und Mara Ittel mit „Ein Würstchen“ (Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe/HfG).

Eine neue Preiskategorie

Bei den ARD-Hörspieltagen 2016 gab es zudem eine neue Preiskategorie. Erstmals wurde ein ‘Deutscher Hörspielpreis für die beste schauspielerische Leistung’ vergeben (Dotation: 3000 Euro). Dafür konnten die teilnehmenden Sendeanstalten entweder die für den Deutschen Hörspielpreis der ARD und den ARD Online Award nominierten Stücke oder eine neue Einreichung ins Rennen schicken. Die Schauspielerin Corinna Harfouch war alleinige Jurorin für diesen Wettbewerb. Am Abend der Preisverleihung konnte sie jedoch nicht nach Karlsruhe kommen, da sie krank im Bett lag, wie sie mitteilen ließ.

Den Preis für die beste schauspielerische Leistung vergab Corinna Harfouch zu gleichen Teilen an Birte Schnöink und Christian Löber für deren Leistungen in dem vom WDR eingereichten Hörspiel „Manifest 49 / Draußen unter freiem Himmel“ (Autorin: Michaela Falkner). In ihrer schriftlich übermittelten Begründung ließ Harfouch wissen, die „Intensität der beiden“ habe sie beim Hören in „einer fast unerträglichen Spannung gehalten“, Sprecherin und Sprecher seien geradezu „körperlich spürbar“ gewesen. Corinna Harfouch hatte schon vorab in einem Gespräch für die Pressemappe der Hörspieltage erklärt: „Kriterien, wonach man die Leistung von Schauspielern in einem Hörspiel beurteilen kann, gibt es meiner Meinung nach nicht.“

29.11.2016 – MK