Anne Lepper: Die Riesenfaust (WDR 3)

Welt ohne Zuflucht

Franz Kafkas Erzählung „Das Stadtwappen“ aus dem Jahr 1920 handelt von dem geplanten Bau eines babylonischen Turms, doch dieser Bau wird nie in Angriff genommen. Während man optimistisch auf die Fortschritte in der Baukunst hoffte, kümmerte man sich – vorerst und ausschließlich – um die Verschönerung der Quartiere der Arbeiter, was zu Neid und blutigen Auseinandersetzungen führte. Aber auch die zweite und dritte Generation der Bauleute, die die Sinnlosigkeit des Turmbaus erkannt hatten, hielt mit dem Kämpfen nicht ein: „Alles, was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert werden wird“, heißt es bei Kafka.

Die Abschaffung der Zukunft zugunsten einer totalen Gegenwart, die Sehnsucht nach einer apokalyptischen Vernichtung, die diese Stagnation beendet, und die beständige Steigerung der Kunstfertigkeit zwischen den Kämpfen bilden den Hintergrund für Anne Leppers Hörspiel „Die Riesenfaust“. Die Hauptfigur Bonnie (Mareike Beykirch), die gemäß Virginia Woolfs Forderung über „ein eigenes Zimmer und 500 Pfund im Jahr“ verfügt, wird zu Beginn des rund 55-minütiges Stücks von einem Milchmann (Elvis Clausen) entführt und zu einem großen weißen Haus außerhalb der Stadt gebracht. Zu ihrem Ehemann (Daniel Klausner) will sie aber dann doch nicht zurück.

Bonnie findet sich in einer Welt wieder, in der individueller Widerstand gebrochen werden und man sich selbst zu dem machen muss, zu dem man gebrochen wird. „Jeder findet vor sich eine für ihn ganz ungehörige Welt, die er bekämpfen muss und die nicht nachgibt“, wird Bonnie von einem Polizeichor belehrt, der in Detlef Meissners Inszenierung nur aus zwei Personen besteht (Benjamin Kühni und Felix Witzlau). Das Küchenmädchen (Rosa Thormeyer), mit dem Bonnie sich angefreundet hat, droht ihr zusätzlich: „Wenn Sie so weitermachen, machen Sie den Staat unglücklich, der ja vielleicht der beste aller möglichen Staaten ist.“ Und da schaut auch schon Erich Mielke auf einen O-Ton vorbei und sagt, dass er doch alle liebe, alle Menschen. Bonnies Frage, wie denn ein Einzelner den Staat unglücklich machen könne, verhallt ungehört, denn die Devise, die hier gilt, lautet: „Alles für den Staat, nichts gegen den Staat, nichts außerhalb des Staates.“

Nach „Hund wohin gehen wir“ (WDR; vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 9/12) und „Seymour“ (WDR 2012) ist „Die Riesenfaust“ Anne Leppers drittes Langhörspiel und es schließt in gewisser Weise thematisch an ihren Erstling an, was durch einen wiederholt bellenden Hund angedeutet wird. Das Hörspiel „Die Riesenfaust“ basiert auf einem narrativen Theatertext namens „Entwurf für ein Totaltheater“. Doch neben der politischen Lesart bieten sich viele weitere an – das ist geradezu die Voraussetzung für Texte, auf denen das Etikett „kafkaesk“ klebt. Es könnte sich bei dem ganzen surrealen Setting von „Die Riesenfaust“ auch um eine Theaterszene handeln – und über der Bühne des Theaters hängt die sichtbare Attrappe eines Vollmonds (wie in Büchners „Leonce und Lena“) und die Szene könnte auch mal das Bild eines Flüchtlingslagers aufrufen.

Für die Hörspielrealisierung nicht zu unterschätzen ist Musik, die hier oft nicht als Musik daherkommt, sondern immer wieder als Textzitat. Songs von The Smiths („Barbarism begins at home“), Morrissey („Life is a Pigsty“), Iggy Pop und den Stooges („I Wanna Be Your Dog“) werden mal gesprochen, mal gesummt, mal nachgesungen. Sie verweisen auf die popkulturelle Verarbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse. Wie übrigens auch die Anspielungen auf das Lied der Mignon aus Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ einen neuen Referenzraum eröffnen.

Dennoch sind Ausgänge und Zufluchtsorte Mangelware in der Welt von Anne Leppers Hörspiel, und Goethes „Land, wo die Zitronen blühn“ ist – wie immer schon – ein virtueller Sehnsuchtsort. Doch diese Orte sind nicht geringzuschätzen, denn „wer die Kunst beleidigt, ist dumm oder schlecht“, so verballhornt Anne Lepper sarkastisch Louis Fürnbergs Hymne an die Kommunistische Partei, die bekanntlich immer Recht hat. Doch mit dem Recht ist es nicht mehr weit her in einer Gesellschaft, die sich nach einer Riesenfaust sehnt.

26.12.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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