Andreas Ammer/FM Einheit: Sie sprechen mit der Stasi (WDR 3)

Dokumente der Bösartigkeit

Das Verführerische an nicht für die Veröffentlichung bestimmtem O-Ton-Material ist das Geheimnisvolle, das ihm möglicherweise innewohnt, und sein medialer Charakter, der kein massenmedialer ist, denn dieses Material ist naheliegenderweise nur für die Ohren einer kleinen Gruppe bestimmt ist. Unabhängig davon, dass sich, sobald Mikrofon und Aufzeichnungsgerät im Spiel sind, das Kommunikationsverhalten ändert, ist es doch immer die Anmutung der rohen Materialität und des Authentischen, die an unbearbeiteten O-Tönen fasziniert. Andreas Ammer und FM Einheit haben sich schon einmal mit solcher Materie auseinandergesetzt, nämlich mit den Aufzeichnungen der Cockpit Voice Recorder, die aus abgestürzten Flugzeugen geborgen worden waren. Das daraus entstandene Stück „Crashing Aeroplanes“ (vgl. FK-Heft Nr. 25/01) wurde 2002 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet.

Wer in dem neuen Stück „Sie sprechen mit der Stasi“ spricht, ist unklar, denn das Material aus den noch weitgehend unerschlossenen Audioarchiven des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (BStU) musste aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert werden. Auch die Funktion der einzelnen Mitschnitte ist nicht genau spezifiziert und wahrscheinlich ebenso heterogen wie das Material, das die Autoren zu ihrem rund 55-minütigen Stück montiert haben, das von zwei mehr als 20 Sekunden langen Generalpausen unterbrochen wird. Ob als Schulungsmaterial, als Gedächtnisstütze zur Verschriftlichung von Aussagen oder zur Dokumentation „staatsfeindlicher Hetze“ – das Material könnte zu vielen Zwecken gedient haben.

Das Hörspiel beginnt mit telefonischen Denunziationen, in denen DDR-Bürger ihre Nachbarn und Verwandten verraten haben. Aber auch aus der Bundesrepublik wird der Stasi gemeldet, wenn angeblich Westgeld oder Pornografisches in die DDR geschmuggelt werden sollte. Einigermaßen fassungslos steht man vor diesen Dokumenten der Bösartigkeit und erinnert sich an die immer wieder zu hörende Rechtfertigung der Anfang der 1990er Jahre enttarnten Inoffiziellen Mitarbeiter (IMs) der Stasi, dass man doch „niemandem geschadet“ habe oder habe schaden wollen. Hier hört man in aller Hässlichkeit, dass genau das Gegenteil der Fall war. Doch es wird noch schlimmer.

Wer „zur Klärung eines Sachverhalts“ den Vernehmern „zugeführt“ worden war, wie es im DDR-Jargon hieß, konnte ahnen, dass er nichts zu gewinnen hatte. Beleidigungen und Demütigungen („Sie kleiner Schlauberger“) gehörten zur Technik der Verhöre, deren Zweck die „Geständnisproduktion“ war. Der O-Ton als Ausweis der Schrecken des Realen funktioniert im Hörspiel von Ammer und FM Einheit ganz unmittelbar als Verstärker der Affekte von Empörung und Wut, denn es ist etwas anderes, abstrakt über die Strukturen des Unterdrückungsapparats informiert zu sein und konkret zu hören, wie Menschen gebrochen werden und nur noch wimmernd vor dem übermächtigen Vernehmer hocken.

Doch es gibt auch absurde und sogar komische Momente im Material, das Andreas Ammer collagiert und FM Einheit mit seiner Komposition aus Elektronik, gestopfter Trompete und melancholischen Posaunen versehen hat. Da beschwert sich ein Bundesbürger offensichtlich weit nach Dienstschluss bei der diplomatischen Vertretung der DDR in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn mit dem Argument, es heiße doch „Ständige Vertretung“. Auf der anderen Seite teilt eine DDR-Bürgerin mit, dass sie eine Anklage im Namen des ganzen deutschen Volkes eingereicht habe, und sie zählt in einer endlosen Litanei auf, an wen Durchschriften gegangen seien, von der Botschaft des Königreichs Schweden über den KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow bis hin zu Papst Johannes Paul II. im Vatikan. Da wird Bürokratie mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Worum es in der Anklage geht, wird nicht verraten und ist wohl auch nicht weiter interessant. Problematischer sind da die Gesprächspausen im O-Ton-Material, von denen man nicht weiß, ob sie authentisch sind oder aufgrund von ästhetischen Entscheidungen zustande kamen.

Denn wer spricht und wer schweigt, das ist keine einfach zu beantwortende Frage und der Hörspieltitel markiert nur sehr vordergründig das Kommunikationsverhältnis. Denn mit einem behördlichen Apparat kann man nicht sprechen und er spricht auch nicht. Der Satz „Sie sprechen mit der Stasi“ fällt im Hörspiel nie, dafür umso öfter die Frage „Mit wem spreche ich?“, was bei anonymen Denunziationen immer zu unangenehmem Lavieren führt. Ebenso offen bleibt die Frage, wer mit wem spricht, denn das „Sie“ kann sowohl die formelle Anrede als auch auf ein Kollektivsubjekt in der dritten Person Plural verweisen.

Die im Auftrag des WDR entstandene Produktion „Sie sprechen mit der Stasi“ wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats April gewählt. Die Jury hat den „symptomatischen Momentaufnahmen“ aus der Innenansicht eines Unrechtsstaats, aus denen das Stück besteht, „äußerste Intensität und Relevanz“ bescheinigt. Da hat sie nicht ganz Unrecht.

06.06.2017 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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