Wir sind 18 Millionen. 4-teilige Dokumentationsreihe (WDR Fernsehen)

Big Data mit mageren Ergebnissen

Dokumentationen und Reportagen aufgrund von Datenanalysen, aus denen dann journalistisch interessante Geschichten ‘generiert’ werden, sind inzwischen in Mode gekommen. Diese unter dem Begriff „Datenjournalismus“ gefasste Vorgehensweise unterscheidet sich vom klassischen Journalismus, der umgekehrt verfährt: Hier steht das Bemerkenswerte, der Widerspruch, das Ärgernis am Beginn der Recherche.

Bei den unentwegten Bemühungen, sein nordrhein-westfälisches Sendegebiet abzubilden, ist nunmehr auch das Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) bei Big Data angelangt: Ein „Team von fünf Datenjournalisten rund um den Medienwissenschaftler Michael Schönherr“ habe für die vierteilige Reihe „Wir sind 18 Millionen“ bereits vorhandene Studien und Statistiken ausgewertet, vermeldete der Sender – und wies außerdem darauf hin, dass das ausgewertete Material nicht nur für diese Reihe gedacht sei, sondern auch anderen Redaktionen und Filmprojekten im WDR zur Verfügung stehe.

Die Daten sollen helfen, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was typisch für NRW ist. So jedenfalls lautet die Eingangsfrage der Dokumentationsreihe, deren Titel „Wir sind 18 Millionen“ sich auf die Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen bezieht, des zahlenmäßig größten deutschen Bundeslandes. Auch das „Wir“ im Titel ist Programm, denn es geht dem WDR bei den gewählten Themenschwerpunkten Wohnen, Freizeit, Ernährung und Zukunft letztlich um die Kreierung eines eigenen ‘NRW-Gefühls’. In den einzelnen Folgen heißt es aber auch immer wieder „hier im Westen“. Das ist eine geografisch zutreffende, wenn auch ungenaue Bezeichnung für das Sendegebiet des WDR, eine Bezeichnung zudem, die noch heute, 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, politisch konnotiert ist. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist demnach also – und das schwingt bei diesem WDR-Sprachgebrauch unterschwellig immer mit – vielleicht nicht der Nabel der Welt, aber doch so etwas wie das Kernland des alten bundesrepublikanischen ‘Westens’.

In den Untertiteln der jeweils freitags um 20.15 Uhr im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlten Beiträge der Reihe geht es weiter mit der Betonung des „Wir-in-NRW“-Gefühls. Die Untertitel lauten: „Und so wohnen wir“ (17. März; Autor des Films: Lutz Hofmann), „Und so ernähren wir uns“ (24. März; Jasmin Lakatos/Michael Erler), „Und so machen wir frei“ (31. März; Markus Fitsch) und „Wie leben wir in der Zukunft?“ (7. April; Benjamin Arnold). Für diese Kritik der Sendereihe wurden die ersten beiden Folgen gesichtet, die für die Anlage der vierteiligen Reihe allerdings repräsentativ erscheinen.

In der ersten Folge geht es beim Thema Wohnung insbesondere darum, wo es in NRW teuer und wo es billig ist zu wohnen. Dabei spielt auch der Strukturwandel im Ruhrgebiet eine große Rolle: So wird geschildert, wie aus einer Industriebrache in Dortmund-Hörde am Phoenixsee ein Wohnviertel der Luxusklasse wird, wie aus der Sanierung alter Zechensiedlungen attraktiver Wohnraum wird, wie das Gebäude einer ehemaligen Marmeladenfabrik in Wuppertal für eine Wohngemeinschaft umgebaut wird und so 22 Menschen preiswertes Wohnen ermöglicht. Insgesamt kommt bei der Thematik Kritik, wenn überhaupt, nur sehr verhalten zum Ausdruck. So werden beispielsweise dem Hinweis auf einen zu geringen Bau von Sozialwohnungen sofort ‘ausgewogen’ ausführliche Ausführungen gegenübergestellt, wie in Bochum-Hustadt die zum Problemviertel gewordene Hochhaussiedlung erfolgreich saniert wurde.

Die Geschichten, die erzählt werden, gehen jedoch nicht alle auf durch Datenanalyse neu gewonnene Einsichten zurück. Manche Themen und noch häufiger das verwendete Filmmaterial kommen einem bekannt vor. Dass beispielsweise die Neubausiedlung mit Luxuswohnungen in Dortmund am künstlich angelegten Phoenixsee so viel Raum in dem Film übers Wohnen beansprucht, liegt sicher auch daran, dass der WDR diesen Ort erst kürzlich zum Schauplatz seiner sechsteiligen Serie gemacht hat: In der Produktion „Phoenixsee“ wurde der Kontrast Luxusvilla gegen Mietwohnung, Villenviertel gegen Arbeitersiedlung zum Kern der Spielhandlung gemacht. Die Serie wurde in Form von drei Doppelfolgen Ende vorigen Jahres im WDR Fernsehen ausgestrahlt (am 28. November und 5. und 12. Dezember 2016). Knapp drei Monate zuvor war im WDR Fernsehen der Dokumentarfilm „Göttliche Lage“ gesendet worden (am 7. September 2016), für den das Autorenduo Ulrike Franke und Michael Loeken über Jahre hinweg die Verwandlung dieses Dortmunder Stadtteils mit der Kamera begleitet hatte. Der Film, eine Koproduktion von WDR und Arte, erlebte 2014 seine Kinopremiere und wurde 2016 mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Dass für alle Einwohner aus Nordrhein-Westfalen, ob reich oder arm, ob jung oder alt, inhaltlich etwas dabei ist, mit dem sie sich identifizieren können, gilt auch und gerade für die zweite Folge von „Wir sind 18 Millionen“, die sich um das Thema Ernährung kümmert. Hier erscheint jedoch das Bemühen, den ‘NRW-Menschen’ zu erschaffen, als besonders absurd. Gerade bei den Ernährungsgewohnheiten treten die bestehenden regionalen Unterschiede etwa zwischen Rheinländern und Westfalen oder auch Ruhrgebietlern und Münsterländern besonders deutlich hervor. Der Film bemüht sich jedoch tatsächlich um die Auflistung von „typischen NRW-Gerichten“. Formal unterscheidet sich die zweite Folge von der vorhergehenden, dass hier nicht einzelne Beiträge aneinandergereiht sind, sondern sich einige Themen, Personen und Orte, indem immer wieder auf sie zurückgegriffen wird, durch die gesamte Folge ziehen. Das sind der Kölner Großmarkt, das Food-Labor der Universität Münster, der Bio-Bauernhof im Windrather Tal (bei Wuppertal gelegen), die Aktivitäten einer Food-Bloggerin aus Bochum und zwei sich vegan ernährende Leistungssportler aus Viersen.

Der Erfolg des Essensangebots von ‘5 Euro für alle’ in der Kantine des Bielefelder Rathauses verweist zwar darauf, aber dennoch vermisst man bei dem Thema dieser Folge Ausführungen, die sich mit dem wachsenden Zulauf der ehrenamtlich betriebenen Tafeln befassen, bei denen Lebensmittel an Bedürftige verteilt werden. Vielmehr kommt dann in der Zusammenfassung am Ende der Folge der Kommentar mit der Schlussfolgerung daher, dass man in Nordrhein-Westfalen ja „aus dem Vollen schöpfen“ könne. Typisch NRW sei eben „die Vielfalt“, heißt es. Ja, was auch sonst? – in einem Bundesland, bei dessen Gründung man aus ganz bewussten politischen Gründen sehr unterschiedliche Landesteile zusammengefasst hat (um etwa die Bildung extremer politischer Strömungen zu verhindern, wie sie damals für das Ruhrgebiet befürchtet wurden), und einmal ganz abgesehen von den vielen Einwanderern die später hinzukamen.

Die Geschichten, die in den Folgen erzählt werden, berücksichtigen einen gewissen Proporz, so dass alle Landesteile und alle Bevölkerungsgruppen Nordrhein-Westfalens repräsentiert sind. Es gibt grafische Elemente zur Verdeutlichung von Zahlen, aber im Zentrum stehen die Berichte über exemplarisch ausgewählte Schauplätze vor Ort. Alle Interviewten treten auch gleichzeitig als Protagonisten in den erzählten Geschichten auf. Niemand wird um eine Analyse oder eine Stellungnahme zum Gezeigten gebeten, auch kein Politiker. So akribisch die aufgelisteten Fakten sind, so zurückhaltend ist man allerdings in deren Bewertung und hinsichtlich daraus zu ziehender politischer Schlussfolgerungen.

Die Reihe ist nicht historisch angelegt; nur dort, wo es inhaltlich unumgänglich ist, wird sich auf die Vorgeschichte bezogen. Auch mit Vergleichen etwa zu anderen Bundesländern oder Nationen hält man sich sehr zurück. Der vom WDR mit Stolz propagierte Einsatz von Big Data liefert somit nur magere Ergebnisse, der Neuigkeitswert des Gezeigten ist dürftig, ganz zu schweigen von der fehlenden Aufdeckung etwaiger bisher unentdeckt gebliebener Missstände. Stattdessen soll hier offensichtlich vor allem eine positive Identifizierung mit dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, in dem im Mai dieses Jahres bekanntlich Landtagswahlen anstehen, unterstützt werden – ähnlich wie zuletzt auch beim Mammutprojekt zur NRW-Geschichte geschehen, das vom WDR Fernsehen zum 70-jährigen Bestehen des Bundeslandes produziert worden und darauf angelegt war, Begeisterung für Nordrhein-Westfalen zu wecken, für „Unser Land“, so der Sendetitel (vgl. hierzu diesen MK-Artikel).

Die vom WDR mit der Produktion der Reihe beauftragte Firma Hoferichter & Jacobs aus Leipzig realisiert für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) seit 2013 ein vergleichbares Projekt: Im vorigen Jahr wurde im MDR Fernsehen bereits die vierte Staffel der jeweils vier Dokumentationen umfassenden Reihe „Exakt – So leben wir!“ ausgestrahlt. Auch hier geht es um eine – in diesem Fall auf Mitteldeutschland bezogene – „datenjournalistische Bestandsaufnahme des Lebensumfelds“, wie die Produktionsfirma ihr MDR-Projekt beschreibt. Dabei war der Ansatz der im September 2016 gezeigten jüngsten Staffel dieser MDR-Reihe wesentlich kritischer als der beim gegenwärtigen Projekt des WDR. Darauf wiesen beim MDR-Pendant bereits die Titel der einzelnen Folgen hin, die da lauteten: „Arm gegen Reich?“, „Jung gegen Alt?“, „Stadt gegen Land?“ und „Online gegen Offline?“

10.04.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 7/2017

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