Ute-Beatrix Giebel: Das Weib soll schweigen – Die Reformatorin Katharina Schütz Zell (SWR Fernsehen)

Reformation auch als Frauensache

Die meisten Beiträge zum in diesem Jahr gefeierten 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags von Martin Luther kreisen um den Reformator selbst und um seine männlichen Mitstreiter wie Gegner. In einem aufwendig produzierten und streckenweise animierten Film von Ute-Beatrix Giebel für das Dritte Programm SWR Fernsehen wird nun der Blick gelenkt auf die Straßburger Reformatorin Katharina Schütz Zell (um 1497 bis 1562). Das ist im reichhaltigen Angebot zu dem Jubiläum mal eine etwas ungewöhnlichere Herangehensweise, wobei die ARD ja vor kurzem bereits mit enormem Publikumserfolg (7,28 Mio Zuschauer) einen großen Spielfilm über Luthers Ehefrau Katharina von Bora gesendet hat (vgl. MK-Kritik).

Im 16. Jahrhundert war religiöses Leben in der Öffentlichkeit Männersache. Kein Wunder also, dass die bekannten Anhänger von Luthers Reformation dem männlichen Geschlecht angehörten. Verdienstvoll ist daher, dass Ute-Beatrix Giebel den Blick auf eine Frau lenkt, die in Straßburg die Reformation fordert und fördert. Straßburg war zur damaligen Zeit eine kulturelle und wirtschaftliche Metropole. Und wichtig: Die Stadt im Elsass war eines der Druckereizentren im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. Hier wurden auch Luthers Schriften gedruckt und verkauft.

Katharina Schütz war eine Straßburger Handwerkstochter und nach allem, was über sie bekannt ist, war sie intelligent, aufgeweckt und lebensklug. Sie konnte lesen und schreiben, was damals für eine junge Frau, die nicht im Kloster aufwuchs und erzogen wurde, eher ungewöhnlich war. In Straßburg gab es vor Luthers Bibelübersetzung bereits eine deutsche Fassung des Evangeliums, die Katharina studierte. Und sie war aufmerksame Zuhörerin des beliebten Münsterpredigers Matthäus Zell. Zu seinen Predigten sollen bis zu 3000 Zuhörer gekommen sein.

Als eine Spielkameradin sie als „Gottesmutter mit dem Kind“ neckt, wird sie zur Beichte geschickt, der Vater soll einen Ablass kaufen, um seine Tochter vor Höllenstrafen zu bewahren. Dies gilt als Schlüsselerlebnis für die ganze Familie. Katharina vertieft sich in Bibelstudien, liest Luthers Römerbriefkommentar und findet hier Antworten auf ihre Fragen. Zudem verliebt sie sich in den zwanzig Jahre älteren Zell und heiratet ihn schließlich. Im gleichen Monat folgen weitere sieben Kleriker in den Stand der Ehe und sie bezeichnen diese Ehen als bibelkonform. Gegen eine „Konkubinatsabgabe“ könnten sie sich (was sie aber nicht tun) beim Bischof freikaufen – äußeres Zeichen dafür, wie verkommen der Klerus damals war.

Katharina wird für Matthäus Zell nicht nur Ehefrau, sondern auch wichtige Mitarbeiterin. Ihr Einfluss ist offenbar groß, so dass Mitbrüder fragen, wie sehr sie die Theologie ihres Mannes präge. Durch Predigtbesuche, das Lesen reformatorischer Schriften und die Diskussion mit durchreisenden Reformatoren, die sie beherbergt, erarbeitet sich Katharina Zell theologischen Sachverstand. Sie schreibt Briefe an den Straßburger Bischof und an verfolgte Reformationsanhänger, lässt die Briefe drucken und verbreiten. Sie kümmert sich um Arme, Kranke, Leidtragende und Gefangene. Um die Reformation in der Bevölkerung zu festigen und sie „in der Herzen der Menschen“ zu verankern, veröffentlicht Katharina ein Gesangbuch. Das ist Luther ähnlich, der zu jener Zeit Vergleichbares betreibt.

Die Reformatorin ist sicher: Das Leben muss den Glauben bezeugen. Nachdem die Klöster in Straßburg aufgegeben werden und damit auch die Armenpflege, hilft sie mit, eine neue soziale Versorgung in der Stadt aufzubauen. Sie übernimmt soziale Aufgaben wie die Beherbergung von Obdachlosen oder den Besuch von Gefangenen. Zur Finanzierung all dessen wirbt sie bei Bürgern um Spenden. Als 1524 im Bauernkrieg vor der Stadt 3000 Bauern massakriert werden, hält Straßburg die Stadttore offen für die Flüchtenden sowie die Frauen und Kinder. Denkwürdig aktuell.

Es kommt wohl auch zu einer Begegnung Katharina Zells mit Martin Luther in Wittenberg, als sie mit ihrem Mann für eine Verständigung im Abendmahlstreit mit Ulrich Zwingli wirbt. Zuvor schon hatte sie, von der kein zeitgenössisches Bild existiert, mit dem Reformator korrespondiert. 1562 stirbt Katharina Zell, die Frau, die sich nicht an die biblische Anweisung gehalten hat, die da – wie im Filmtitel zitiert – lautete: „Das Weib soll schweigen.“

Die Reformationsforscherin Susanne Schenk gibt in Giebels 45-minütigem Film zusammenfassende Erklärungen und vertieft nachvollziehbar und verständlich, was zuvor im Bild und in Zitaten dargelegt wurde. Der Film rekonstruiert das Bild der Reformatorin auch durch Zeichnungen von Melanie Müller, die eine Ergänzung sind zu szenischen Darstellungen Katharina Zells durch die Schauspielerin Barbara Stoll. Zeitweise ist die Schauspielerin in die gezeichnete Kulisse hineinmontiert. Insgesamt füllt die zur Mittagszeit am Karfreitag ausgestrahlte Dokumentation eine Lücke, die sich im allgemeinen „Lutherfestival“ dieses Jahres bisher auftat. Im SWR Fernsehen ist der Film über Katharina Schütz Zell Teil eines Themenschwerpunkts im April und Mai über die „Reformation im Südwesten“.

30.04.2017 – Martin Thull/MK