Überzeugt uns! Der Politikercheck. Talkshow zur Bundestagswahl 2017 (ARD/SWR/MDR/BR)

Unergiebiges Speed Dating

08.09.2017 • Zielgruppe dieser ungewöhnlichen Politik-Talkshow zur späten Stunde aus Berlin sollte die Jugend sein, die es für die kommende Bundestagswahl als Wähler zu gewinnen galt, so die Intention. In Erinnerung bleibt vor allem das ungeheure Tempo, mit dem die immerhin 90 Minuten dauernde Sendung durchgezogen wurde. Moderiert wurde sie vom Duo Ingo Zamperoni und Ronja von Rönne. Dabei hatte „Tagesthemen“-Mann Zamperoni, 43, den Part des seriösen, mit wohlgesetzten Worten sprechende Moderators inne, während die 25-jährige von Rönne durch ihre (teils krampfhaft) auf unkonventionell getrimmte Art, zu fragen und zu kommentieren, die Rolle des besonders jugendaffinen Mädels verkörperte.

In der live übertragenen Veranstaltung aus der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg, wo der Sendetitel „Überzeugt uns!“ die Marschroute angab, interviewten die beiden Moderatoren sieben Politiker vor einem sichtbar jugendlichen Publikum. Auch zahlreiche schriftlich gestellte Fragen, zugeleitet vor allem über die Internet-Plattform Facebook, wurden dabei eingeblendet und an die Politiker zur schnellen Beantwortung weitergeleitet. Dafür war im Hintergrund Richard Gutjahr zuständig, Fernsehreporter des Bayerischen Rundfunks (BR) mit Blogger- und Social-Media-Erfahrung. Die sieben Politiker im Studio stammten von den Parteien CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke und AfD; jede dieser Parteien war also mit einer Person repräsentiert.

Mehrere kurze Einspielfilme sollten die Diskussion strukturieren. Zwei davon – zu den Themen Wohnungsnot und Integration – waren Sachbeiträge, wie man sie auch aus etablierten Politik-Talkshows kennt. Drei weitere dieser Filme jedoch waren Satiren, die eher der Unterhaltung dienten, produziert vom Bohemian Browser Ballett, das sich selbst als „Satire-Kollektiv“ bezeichnet. Diese Gruppe um den Comedian Schlecky Silberstein (alias Christian Brandes) produziert auch Beiträge für das Online-Jugendangebot „Funk“, das ARD und ZDF seit Herbst 2016 anbieten (federführend ist hier der SWR).

Das junge Publikum im Saal der Kulturbrauerei kam allerdings nicht zu Wort. Nur einmal konnte eine im Saal anwesende Krankenschwester einen Satz ins Mikrofon sprechen: Um sie war es in dem Einspielfilm über Wohnungsnot gegangen und sie wurde nun von Ronja von Rönne danach gefragt, ob sie im Verlauf der Diskussion mit den Politkern irgendetwas Überzeugendes gehört habe, was sie jedoch schlicht verneinte. Daraufhin brach die Moderatorin das Gespräch sofort ab und verabschiedete die Befragte rasch mit dem Satz: „Vielen Dank, dass du da warst.“

Inhaltlich war dieser Polittalk in drei thematische Blöcke aufgeteilt. „Wie fair ist Deutschland?“ – das war die Frage nach der Gerechtigkeit, abgehandelt an einer Diskussion über die Gegensatzpaare Jung/Alt und Arm/Reich. „Wie verändert sich Deutschland?“ – hier ging es um Immigration und Integration. Und an dritter Stelle: „Welche Regeln braucht Deutschland?“. Das war eigentlich die politischste aller Fragen, weil man hier sehr konkret auf die politische Praxis hätte eingehen können. Faktisch wurde dann aber nur über die Vor- und Nachteile einer möglichen Freigabe der Droge Cannabis diskutiert. Hinzu kam, dass offensichtlich zu diesem Zeitpunkt alle bereits ziemlich erschöpft waren von der bereits durchgestandenen Tour de force, die vor allem aus Schnellfragerunden bestand, bei denen die Politiker Fragen in jeweils 15 Sekunden zu beantworten hatten. Man nannte es auch in der Sendung Speed Dating, ein Verfahren bekanntlich, das ursprünglich mal in den USA zur privaten Partnersuche erfunden worden war, heute jedoch auch bei vielen Veranstaltungen als schnelles Format zur öffentlichen Präsentation von Personen genutzt wird.

Es hier in dieser Talkshow als Verfahren zum inhaltlichen Austausch über politische Positionen zu einzusetzen, erwies sich als unbefriedigend und unergiebig. Die sieben Politiker fügten sich dem Prozedere mehr oder weniger bereitwillig. Nur CDU-Mann Jens Spahn platzte öffentlich der Kragen, als er sich zu einer kritischen Bemerkung über dieses unsachgemäße Verfahren und die späte Zeit, zu der die Veranstaltung durchgeführt wurde, hinreißen ließ. Den beiden Moderatoren fiel daraufhin kein einziges inhaltliches Argument zur Verteidigung des Sendekonzepts ein. Stattdessen verwiesen sie Spahn auf die Programmverantwortlichen in der ARD.

Festzuhalten bleibt noch: Das Format „Überzeugt uns! Der Politikercheck“ ist keine neue Erfindung der ARD speziell für die jetzige Bundestagswahl. Eine solche Sendung für Jungwähler hat es unter demselben Titel im Ersten schon vor der Bundestagswahl vier Jahren gegeben, nämlich am 26. August 2013, ebenfalls an einem Montagabend (allerdings eine halbe Stunde früher, um 22.30 Uhr), live übertragen vom selben Veranstaltungsort. Als Moderationspartnerin von Ingo Zamperoni (auch damals bereits mit Dreitagebart) war hier Katrin Bauerfeind verpflichtet worden. Auch Richard Gutjahr war seinerseits bereits als Online-Experte dabei. Und das Podium war mit sechs – statt sieben – Politikern besetzt (ohne die AfD).

Ebenso gab es in der Sendung aus dem Jahr 2013 schon die Schnellfragerunden beim Abhandeln von politischen Themen und es gab die kurzen Einspielfilme, unter denn die dominierten, die vor allem witzig sein sollten. Was es damals allerdings auch noch gab und diesmal fehlte: eine Abstimmung des Saalpublikums, das am Schluss der Sendung sein Votum darüber abgeben konnte, welcher Politiker am überzeugendsten gewesen war. Dieses Ranking hatte seinerzeit Gregor Gysi von der Partei Die Linke gewonnen (vgl. hierzu die Fernsehkritik in FK-Heft Nr. 35/13).

08.09.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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