Tom Ockers: Die Luther Matrix (ARD/SWR/MDR/NDR)

Weltlicher Moralist

Was wäre, wenn? Wenn das Leben nicht gradlinig verläuft und die Protagonisten eine neue Chance erhalten, wie etwa das Paar in Max Frischs Theaterstück „Biografie“. Mit der Frage, wie es hätte sein können, hat sich auch Paul Auster in seinem Opus magnum „4 3 2 1“ befasst, das Buch erschien Ende Januar: Archibald Ferguson ‘lebt’ in dem Roman vier Leben, je nach der Konstellation seiner Familie und der äußeren Umstände, je nachdem welche Zufälle oder Unfälle sich ereignen. Oder was wäre, wenn es in der heutigen Zeit einen Moralisten gäbe, der wie Martin Luther nur seinem Gewissen als einziger Autorität folgte und etablierte Institutionen durch sein Whistleblowing in helle Aufregung und höchste Alarmstufe versetzte? Tom Ockers hat mit „Die Luther Matrix“ einen Doku-Thriller geschrieben und inszeniert, der diesen Fragenkomplex spannend und ideenreich aufbereitet. Und so einen ungewöhnlichen und reizvollen Zugang zu Martin Luthers Denken und Wirken eröffnet.

Der Plot ist zunächst simpel: Staatschützer kommen dem Systemadministrator im Bundeskanzleramt auf die Schliche, der interne Daten in die Öffentlichkeit bringt und weitere Aktionen ankündigt. Die Boulevardpresse nennt ihn „Bundeshacker“. Er arbeitet „auf NSA-Niveau“, wie die Experten des Bundeskriminalamts (BKA) mit gewissem Respekt vermerken. Im Film – hergestellt von der dmfilm und tv produktion im Auftrag der ARD-Koordination ‘Kirchliche Sendungen’ – wird nicht weiter auf diese Vergehen eingegangen, denn er beginnt mit dem polizeilichen Zugriff auf den Administrator Carsten von Lupfen (Marek Harloff). Es folgt ein langes Verhör mit der Polizeipsychologin Kerstin Straube (Sheri Hagen), immer wieder unterbrochen von ‘journalistischen’ Interviews mit Lutherexperten. Ziel dabei ist es, weitere, bereits vorbereitete Aktivitäten des Hackers zu verhindern. Denn von Lupfen äußert sich zunächst nur mit dem Luther zugeschriebenen Satz: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“

Den Kriminalisten dämmert, dass sie, wenn überhaupt, nur über Denken und Wirken des historischen Martin Luther einen Zugang zu dem Verdächtigen erlangen können. Und so sucht die als Journalistin getarnte verdeckte Ermittlerin Carlotta Kuttner (Annett Fleischer) Experten wie Friedrich Schorlemmer, Margot Käßmann, Heinz Schilling oder Peter Gauweiler und die beiden römisch-katholischen Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Walter Brandmüller, um Ansatzpunkte aus Luthers Biografie und Werken zu finden, die bei den Ermittlungen weiterhelfen. Denn Carsten von Lupfen hat Spuren gelegt bis hin zu Luthers Liedtexten, die die Ermittler zu so etwas wie Komplizen machen, ohne dass sie dies zunächst bemerken.

Tatsächlich erschließt sich auf diese fast schon unterhaltsame Weise für den Zuschauer ein Lutherbild, in dem manches neu vorkommt. Diese Art der Information wird unterstrichen durch brillante Comics (Grafik: Sebastian Stuertz), die in einfacher Bildersprache – gelegentlich auch augenzwinkernd – die Problematik der Reformation illustrieren, deren 500. Jubiläum in diesem Jahr gefeiert wird und die deshalb auch Anlass für diesen Film ist. Dessen Mischung aus Spiel, dokumentarischen Interviews und grafischen Erzählformen ist durchaus faszinierend und in dieser Form auch neu.

Bis auf die Außentermine der verdeckten Ermittlerin in Wittenberg, Rom oder auf der Wartburg handelt es sich um ein Kammerspiel, dessen Basisorte das Verhörzimmer und ein mit Technik vollgestellten Raum der Ermittler sind. Immer wieder werden GPS-Daten eingeblendet, Datensätze der gerade Befragten, Bilder unterschiedlichster Überwachungskameras. Zentrale Figur ist hier Albrecht Unna (Michael Steinocher), der als IT-Experte nicht nur der technologische Gegenspieler von Carsten von Lupfen ist, sondern der auch mit seinen oberflächlichen Kenntnissen um Dinge jenseits seiner Cyberwelt gleichsam den unzureichend informierten Zuschauer repräsentiert („Luther? Das ist doch der Schwarze, der in Amerika erschossen wurde“).

Bemerkenswert sind besonders die beiden Interviews mit den Kardinälen Müller und Brandmüller in Rom. Der Leiter der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, räumt ein, dass das Anliegen Luthers gegenüber dem damaligen Ablass(un)wesen berechtigt gewesen sei. Und es sei ein Fehler der Kurie gewesen, auf dieses Anliegen nicht ernsthaft eingegangen zu sein. Müllers Kollege Brandmüller hingegen reduziert den Reformator auf einen Menschen mit Verdauungsstörungen, der depressiv gewesen sei und dem jedes Gespür für Selbstkritik gefehlt habe. Den Zuschauer beschleicht der vage Verdacht, dass Luther auch heute noch in Rom Kurienangehörige treffen könnte, die ihn mit ihrer Prälaten-Arroganz in seinem Reformwillen nur bestärken würden.

So entwickelt sich „Die Luther Matrix“ (510.000 Zuschauer, Marktanteil: 3,9 Prozent) als ‘Hybrid’ aus Spielfilm und Dokumentation, der am Ende zu einer Lösung führt, die gerade noch rechtzeitig die Datenmanipulationen des „Bundeshackers“ verhindert. Auf die Frage, ob er denn für sich einen gnädigen Gott gefunden habe – so als habe er eine Beziehung zu irgendeinem Gott –, antwortet Carsten von Lupfen: „Mein Gott ist Freiheit, mein Christentum Demokratie, mein Evangelium das Grundgesetz.“ Damit entlarvt sich die Motivation des Verdächtigen als durch und durch weltlich säkular, ein religiöser Impetus ist ihm fremd. Insofern erweist sich das Vorbild Martin Luthers hier als eher oberflächlich. Aber immerhin, wäre nicht schon viel gewonnen, würden sich mehr Menschen allein von ihrem Gewissen leiten lassen, wie auch immer es gebildet wurde?

11.04.2017 – Martin Thull/MK
Ein ungewöhnlicher und reizvoller Zugang zu Martin Luthers Denken und Wirken: Was wäre wenn? Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 19/2017

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