Till Schauder: Glaubenskrieger (ARD)

Kunstaktionen gegen den Terror

19.07.2017 • Der Titel dieses eindrucksvollen Dokumentarfilms ist doppelsinnig. Einerseits werden mit „Glaubenskrieger“ heutzutage häufig fanatische Islamisten bezeichnet und die ersten Szenen des Films scheinen diesen Erwartungen auch entgegenzukommen. Doch wird andererseits schnell deutlich, dass dieser Film sich einer Gruppe junger Muslime widmet, die sich gerade gegen radikale Tendenzen im Islam wendet. Das aber tut sie mit Aktionen wie öffentlichen Scheinhinrichtungen in IS-Manier, bei denen sie sich selbst sehr radikaler Ausdrucksmittel bedient.

„12thMemoRise“ heißt die Gruppe, die im Jahr 2015 in Nordrhein-Westfalen mit solchen spektakulären Auftritten öffentlich auf sich aufmerksam machte. Die Gruppe selbst spricht dabei von „Kunstaktionen“, sie will damit ihren Protest ausdrücken gegen Salafisten und die Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt. Gegründet wurde „12thMemoRise“ von Hassan Geuad, einem gläubigen Moslem und Düsseldorfer Studenten mit irakischen Wurzeln.

Der Dokumentarfilmer Till Schauder hat die Aktionen zum Anlass genommen, die Gruppe über einen längeren Zeitraum bei ihrer Arbeit zu begleiten. Premiere hatte der nun am 19. Juli spät abends im Ersten Programm zu sehende Film auf dem diesjährigen Münchner Dokumentarfilmfestival im Mai 2017. Das Filmprojekt von Till Schauder wurde von der ARD gefördert (Federführung: WDR), nachdem es aus dem ARD-Dokumentarfilm-Wettbewerb „Top of the Docs“ von 2016 als Gewinner hervorgegangen war. Dieser unter dem Rahmenthema „Blickpunkt Deutschland“ stehende Wettbewerb wird seit 2013 von der ARD jährlich mit einem speziellen Unterthema ausgeschrieben.

Schauders Dokumentarfilmprojekt trug seinerzeit, als es die Förderung erhielt, den Arbeitstitel „Hassan gegen den Rest der Welt“, der dann eine Zeit lang in der ARD-Ankündigung des Films auch noch als Untertitel Erwähnung fand. Tatsächlich wurde dieser Untertitel dann aber bei der Ausstrahlung gar nicht mehr verwendet, sondern als Filmtitel wurde allein „Glaubenskrieger“ eingeblendet. Dabei scheint der Arbeitstitel auf den ersten Blick die Aussage des Films genauer zu treffen, denn er macht deutlich, wie die Gruppe um Hassan mit ihren Aktivitäten auf zahlreiche Widerstände stößt, gerade auch in muslimischen Kreisen. Doch verweist der neu der dann verwendete Titel „Glaubenskrieger“ ebenfalls auf eine wichtige Grundaussage, denn der Film zeigt seine Protagonisten auch als tiefreligiöse Menschen, die sich einen Islam wünschen, der sich von Terror und Gewalttaten abgrenzt.

Die in Fußgängerzonen und auf Marktplätzen öffentlich veranstalteten Aktionen werden von der Gruppe selbst gefilmt und als Videobotschaften ins Netz gestellt. Der 90-minütige Dokumentarfilm zeigt viele Ausschnitte aus diesem Videomaterial. Insbesondere thematisiert er dabei auch den Inszenierungscharakter dieser Aktionen gegen den islamistischen Terror, deren spezielle Ästhetik stark emotionalisiert und auf Schockwirkung ausgerichtet ist. Gleichzeitig zeigt aber die beobachtende Kamera auch, wie ratlos zufällig vorbeikommende Passanten auf diese Inszenierungen blicken, die so dicht an der Realität liegen, dass sie nicht von jedermann auf Anhieb als inszeniert durchschaut werden.

Im Kontrast zu ihren teils sehr martialischen Auftritten porträtiert der Film die einzelnen Gruppenmitglieder dagegen als sensible und nachdenkliche Menschen. Er lässt sie jeweils ihre Geschichte erzählen, wie sie zur Gruppe kamen und wie sie auch enttäuscht wurden, weil sie keine Unterstützung von den Islamverbänden bekamen. Hassan berichtet, dass die Verbände seine Aktionen mit dem Argument ablehnten, man dürfte nicht gegen Glaubensbrüder agieren. Islamverbände gaben die Gruppe sogar in gewissem Sinn ‘zum Abschuss frei’, indem sie deren Namen mit Adresse im Internet benannten und so einen Shitstorm auslösten.

Die Gruppe resignierte daraufhin und beschloss zunächst, sich aufzulösen, bis die Mitglieder dann – nicht zuletzt als Reaktion auf eine Konfrontation mit Neonazis – ein sogenanntes „Comeback“-Treffen vereinbarten und im Oktober 2016 eine neue Aktion in Düsseldorf durchführten. Diese Aktion wird gegen Ende des Films ausführlich gezeigt. Doch die stärkste Szene des Films ist am Schluss zweifellos ein Videoausschnitt vom Düsseldorfer Weihnachtsmarkt 2016, in dem die Gruppe Bezug nimmt auf das kurz zuvor geschehene Lkw-Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz. In diesem Video rufen sie ihre Glaubensgenossen sehr emotional dazu auf, sich von diesen Gewalttaten öffentlich zu distanzieren.

„Glaubenskrieger“ (Produktion: Neos Film) ist ein klassischer Dokumentarfilm, der sich selbst jeglichen Kommentars enthält und stattdessen seine Protagonisten für sich sprechen lässt. Besonders wichtig ist es dem Filmemacher allerdings, die tiefe Religiosität der Gruppenmitglieder zu zeigen, denn immer wieder werden Gebetsszenen eingeschnitten. Die jungen Muslime werden auch des öfteren in ihrem familiären Umfeld mit der Kamera begleitet. Ebenso scheint es dem Filmemacher bedeutend zu sein, zu zeigen, dass in der Gruppe auch junge Frauen mitarbeiten, wenn auch die jungen Männer hier den Ton angeben. Der Schlusskommentar des Hauptprotagonisten Hassan in diesem sehenswerten Dokumentarfilm klingt eher resignativ, denn er fühlt sich mit seinem Anliegen weitgehend alleingelassen. Dennoch vermitteln die Schlussbilder in friedlicher Nachtstimmung neben Nachdenklichkeit auch eine versöhnliche Grundstimmung.

Zum Schluss noch dies: „Glaubenskrieger“ sollte ursprünglich, so war es in den Programmzeitschriften angekündigt, um 22.45 Uhr ausgestrahlt werden. Doch der Sendebeginn verschob sich kurzfristig noch um eine halbe Stunde nach hinten, so dass der Film erst von 23.15 bis weit nach Mitternacht um 0.45 Uhr lief. Der Grund dafür: Die ARD musste, verbunden mit dem Werbehinweis „Königlicher Glanz in Deutschland“, anlässlich des Besuchs von Prinz William und Herzogin Kate aus Großbritannien, die an diesem Tag in Berlin waren, unbedingt noch um 21.45 Uhr die halbstündige Sondersendung „Welcome William & Kate" zusätzlich ins Programm nehmen, woraufhin sich die nachfolgenden Sendungen. „Tagesthemen“, „Plusminus" und „Glaubenskrieger“ entsprechend nach hinten verschoben. Diese Art Programmplanung versöhnt einen nicht gerade mit der ARD. Sie offenbart vielmehr, welche absurden Prioritäten in diesem öffentlich-rechtlichen Senderverbund inzwischen herrschen.

19.07.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK