The Wall. Quiz-Game-Show mit Frank Buschmann (RTL)

Zinnober mit Ansage

14.07.2017 • Das Aufregendste an „The Wall“ ist die Diskussion, die um diese neue RTL-Samstagabendshow in den sozialen Medien entbrannt ist. Das Buh-Wort „Fake“ hatte sich dort so heftig breitgemacht, dass dem Moderator Frank Buschmann am Tag nach Ausstrahlung der zweiten Sendung offenbar der Kragen platzte und er sich genötigt sah, gegenüber seinen Fans und Kritikern auf Facebook klarzustellen: „Verdammte Axt“, nein, es gebe kein Drehbuch, dem die Kandidaten seiner Show folgen müssten. So pflaumte er auf seine unnachahmlich impulsive Kohlenpottart in die Laptopkamera. Bei „The Wall“ werde nicht gescripted, nur gecastet und das aus diesem Grund: „Da kannste nicht jeden hinstellen. Einer, der die Schnüss nicht aufkriegt, der kann da nicht funktionieren.“ Aber, und da wurde Buschmanns Suada durchaus interessant, weil sie Einblick gibt in die Fernsehpraxis, wie Kandidaten für ihren großen TV-Auftritt, nun ja, präpariert werden: „Sie bekommen gesagt, dass sie reden sollen und dass sie auch durchaus Gefühle zeigen sollen.“

Und wie sie das tun! Die Casting-Agentur, die für das von der Firma Endemol Shine produzierte Show-Format das Personal auswählte, hat durch die Bank Menschen mit schier unglaublichem Talent zu Eloquenz und Ekstase gefunden, wie man es in dieser Überdrehtheit im Fernsehen lange nicht gesehen hat – und nach dieser Seherfahrung bei den ersten beiden Ausgaben von „The Wall“ eigentlich auch gar nicht mehr sehen will (weitere fünf Ausgaben folgen noch).

Paarweise, ob als Liebes- oder Ehepaar, ob als Geschwister oder Vater und Sohn, treten sie nacheinander in „The Wall“ an. Jedes Paar wird mit einer kurzen Homestory eingeführt. Da machten zum Start die in Patchworkharmonie vereinten Sabrina und Basel mit, die sich in ihrer Freizeit für syrische Flüchtlinge engagieren und für einen ersten emotionalen – man kann auch sagen: peinlichen – Höhenflug sorgten, weil er die Show als Bühne für seinen Heiratsantrag an Sabrina nutzte. Die Woche drauf waren auch André und Anne dabei, Bruder und Schwester, die gemeinsam freiwilligen Dienst bei der Feuerwehr verrichten und von den gepflegten Sneakern bis zum Polo-Kragen auf den ersten Blick bürgerliche Normalität verströmten. Also allesamt keine Freaks, wie man sie sonst im Privatfernsehen oft genug bestaunen kann. Und doch war man irritiert, wie diese Kandidaten dann plötzlich wie Derwische vor der monströsen, zwölf Meter hohen, leuchtenden Wand tänzelten, die der Show ihren englischsprachigen Titel gibt (und die aus orthopädischer Sicht – Vorsicht, Genickstarre! – eine Zumutung sein muss). Beinahe religiöse Verehrung ließen sie dem LED-Trumm zuteilwerden, als könnten sie mit „Komm, komm, komm!“- und Om, om, om!“-Geschrei den Spielverlauf beeinflussen.

„The Wall“ ist eine Kombination aus Quiz- und Game-Show, wobei der Quiz-Aspekt, anders als zum Beispiel in der vergleichbaren RTL-Show „500 – Die Quiz-Arena“ (vgl. MK 14/16), untergeordnet ist. Moderator Frank Buschmann, ein Spätberufener im Unterhaltungsfach, macht jedenfalls den Beteuerungen zum Trotz („Wir wollen hier auch Bildungsfernsehen machen“) nicht den Günther Jauch. Sprich: Er hält sich nicht damit auf, zu erklären, warum zum Beispiel Bienen im Bienenstock eine Drohnenschlacht anzetteln und keinen Honigkrieg. Sein Job ist in der Hauptsache: Emotionen herauskitzeln. „Küsst euch! Herzt euch!“, spornt er das ohnehin schon aneinanderklebende Ehepaar Peggy und Jens an. Den Rest übernimmt die Wand.

Die Wand ist die zentrale, meist quizblau strahlende Protagonistin dieser Show und so komplex, dass Endemol Shine sie in Europa nur einmal aufgebaut hat, und zwar in Paris. Dort wurde bereits die französische Variante von „The Wall“ produziert. Und dorthin reiste im Anschluss der gesamte RTL-Tross, um sieben eigene Folgen aufzuzeichnen. Das Ursprungsformat stammt aus Amerika. Das Network NBC feierte damit im Herbst und Winter 2016 beachtliche Publikumserfolge. Zu den Produzenten der US-Show gehört der ehemalige Basketballprofi LeBron James. Und das ist insofern erwähnenswert, als Bälle, groß wie Basketbälle, in „The Wall“ eine wichtige Rolle spielen.

Man muss sich „die Wand“ wie einen vertikalen Flipper-Automaten vorstellen, nur dass die Bälle nicht von unten nach oben katapultiert werden, sondern von oben dank Schwerkraft nach unten fallen, und zwar in eine von 15 Kammern, denen jeweils ein bestimmter Geldwert zugeordnet ist. Wo genau die Bälle landen, ist so vorherseh- und beeinflussbar wie beim Roulette, weshalb all der lautstarke Zinnober, den die Kandidaten in der Fallphase veranstalten, ziemlich sinnfrei ist.

Bevor ein Ball – auf Buschmanns Kommando: „Und ab!“ – überhaupt auf die Reise nach unten geschickt wird, müssen die Kandidaten eine Frage beantworten, zunächst tun sie das gemeinsam. In den Runden 2 und 3 werden sie getrennt: Einer bleibt auf der Bühne und pokert um die Gewinnhöhe, indem er auf die Wahrscheinlichkeit einer richtigen Antwort setzt und entscheidet, aus welcher der sieben Startpositionen die Bälle hinabgeschickt werden. Der andere Kandidat kommt „in die Isolation“, genauer: in ein Kabuff hinter der Bühne und muss, so hat es Kandidat Magnus formuliert, „durchs Fegefeuer gehen“, also komplett abgeschottet vom Spielverlauf Fragen beantworten. Bei einer richtigen Antwort verfärbt sich der Ball grün und der Betrag aus der Kammer, in der er landet, wird dem Kandidatenkonto gutgeschrieben. Bei Rot wird entsprechend abgezogen.

Es ist also durchaus ein riskantes Spiel, bei dem alles verspielt werden kann. Und doch bleibt eine Hintertür offen, die das Risiko mindert, völlig leer auszugehen: Dem isolierten Kandidaten wird nämlich, bevor er erfährt, welche Summe sein Partner erspielt hat, per Rohrpost ein Vertrag zugeschickt. Unterschreibt er ihn, gehen beide mit einer in der ersten Runde erspielten Garantiesumme nach Hause, die natürlich deutlich niedriger ausfällt als der mögliche Höchstgewinn. Wie er oder sie sich entschieden hat, wird bei „The Wall“ in einer finalen und zeitlich völlig überzogenen Gegenüberstellung des Paares inszeniert. Ganz großes Theater ist das, bei dem nur schwer zu begreifen ist, wie in diesem „Epizentrum der Gefühlsausbrüche“ (O-Ton Buschmann) alle, und zwar einschließlich des Studiopublikums, künstlich stillhalten können, statt auszuflippen. Oder setzt etwa hier allein die Aussicht, mehrere hunderttausend Euro gewonnen zu haben, ungeahnte, magische Kräfte frei?

Dazu noch einmal ein O-Ton von Frank Buschmann über „The Wall“: „Das ist die mit Abstand bekloppteste Sendung im deutschen Fernsehen.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass „The Wall“ für RTL bisher kein beachtlicher Publikumserfolg ist; die Einschaltquoten liegen, ohne darauf jetzt konkreter einzugehen, beim Gesamtpublikum wie beim RTL-Zielpublikum der 14-bis 59-Jährigen nur ungefähr im Bereich des Senderdurchschnitts.

14.07.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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