The Story of my Life. 6-teilige Talkshow mit Désirée Nosbusch (Vox)

Eigentlich unsexy

Eine Talkshow im Privatfernsehen? Das weckt Erinnerungen, leider keine guten: An jahrelangen nachmittäglichen Pöbelterror in den Arenen von Hans Meiser (RTL) und den Konsorten bei Pro Sieben und Sat 1 zum Beispiel. Oder an das belanglose Geplapper in einer Nachmittagstalkreihe namens „Frauenzimmer“, die im Jahr 2009 zu Recht nicht einmal einen Monat im Tagesprogramm von Vox überstand. Von der Idee Talkshow ist Vox seither nicht mehr losgekommen. Es gab Piloten, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Die Jahre vergingen. Und jetzt gibt es „The Story of my Life“, zur besten Sendezeit ausgestrahlt – und das Beste, was Vox in diesem Genre bisher hinbekommen hat.

Von John de Mol, diesem global fliegenden Holländer in Sachen Fernsehkreativität, wurde das Format eingekauft, über das Vox-Boss Bernd Reichart im Vorfeld sagte, es sei „eigentlich völlig unsexy für gutes Entertainment“, doch die Umsetzung „hat uns alle euphorisiert“. Als „eigentlich unsexy“ gelten Themen wie Alter und Tod. Bei „The Story of my Life“ sind sie zentral.

Sechs prominente Paare – darunter und gleich zum Auftakt in der Ausgabe vom 11. April die superprominenten Boris und Lilly Becker – treten in den je 60-minütigen Sendungen (inklusive Werbung) eine Zeitreise in die Zukunft an. Sie beginnt in einem Studio, das perfekt zur Stimmung ‘Herbst des Lebens’ passt: Die Backsteinwand über dem flackernden E-Kamin ist mit Familienfotos zur Ahnengalerie dekoriert. Hinter dem deckenhohen Sprossenfenster, das den Blick freigibt auf künstliche Natur, rieselt im Licht der untergehenden Sonne Laub herunter. Dazu klimpert das Klavier ruhig. Ist das plakativ? Natürlich. Emotional? Und wie!

Ein letzter Kuss, eine letzte Umarmung im Hier und Jetzt, dann altern die Protagonisten im Zeitraffer, mit Hilfe von täuschend echten Latexfalten und Grauhaarperücke, damit sie eine Antwort auf die wirklich existenzielle Frage finden können: Wie wird unser Leben aussehen, wenn wir alt sind? Die Partner werden dafür unabhängig voneinander und in zwei Etappen backstage älter geschminkt. Erst im Studio begegnen sie sich wieder, mal 20 Jahre, mal 40 oder 50 Jahre später, um dann wie Lilly Becker beim Anblick des greisen Gatten Boris erschrocken festzustellen: „Oh no! You’re old, Schatzilein.“ Davor und danach ist Talk, moderiert von Désirée Nosbusch.

Lange hat sich die Schauspielerin, Moderatorin und polyglotte Kosmopolitin im deutschen Fernsehen rar gemacht. Nosbuschs Comeback auf Vox ist eine Überraschung. Auch weil sie die Gastgeberrolle in „The Story of my Life“ überraschend gut ausfüllt. Sie reicht nicht nur den Handspiegel, damit die Zeitreisenden sich selbst zum ersten Mal in vorgerücktem Alter begutachten können, was allein schon Gefühlsexplosionen auslöst wie diese vom Schauspieler Thomas Heinze: „Oh, Scheiße, what happened? Mein Frisör ist offensichtlich gestorben.“ Désirée Nosbuschs Fragen, immer einfühlsam, falls nötig, aber auch bohrend wie bei ausgebufften Boulevard-Profis, setzen Emotionen frei. Sie treten Gedankenspiele los: Habt ihr Kinder? Modelst du noch? Hat er immer noch den Knackpopo von früher? Was ist mit Erotik? Wärt ihr gerne noch einmal jung? Sprecht ihr über den Tod? Wie willst du beerdigt werden?

Das Set, die Maske, Désirée Nosbuschs Fragen, die Stille zwischendurch – sie entfalten ihre Wirkung. Es wird deutlich nass in den Augen der Zeitreisenden, ob aus Ergriffenheit oder Entsetzen, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Man wird jedenfalls als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass hier Fernsehmomente entstehen, die das Wort „ehrlich“ einmal wirklich verdienen.

Zur Story dieser Talkproduktion gehört auch, dass Vox im Mai das echte Leben in die Quere kam. Turner Florian Hambüchen, der seiner Freundin Marcia Ev noch im Dezember vorigen Jahres bei der Aufzeichnung von „The Story of my Life“ Liebe bis ins hohe Alter geschworen hatte, gab via „Bild“-Zeitung das Ende der Beziehung bekannt. Es läge jetzt natürlich nahe, zu flachsen – wie in den sozialen Medien geschehen –, dass der Anblick des runzligen Partners eben nicht immer nur Vorfreude auslöst auf das, was da noch kommt, sondern eine junge, zumal öffentlich zelebrierte Liebe womöglich auch beschädigen kann. Vox reagierte cool, strahlte die Folge trotzdem aus, mit einer knappen Erklärung im Abspann: „Fünf Monate nach Aufzeichnung dieser Sendung kam Florian Hambüchen nach langer und reiflicher Überlegung zur schmerzhaften Entscheidung, sich von Marcia Ev zu trennen.“ Für den Sender war’s Produktionspech. Kann passieren.

Was nicht hätte passieren dürfen: Mit der Hambüchen-Folge, der vierten in der Reihe, wechselte Vox plötzlich das Konzept von „The Story of my Life“. Statt weiter auf die Kraft des Gesprächs und intensive Momente im Studio zu setzen, tötete ab dann nicht nur ein Off-Kommentar aus dem Handbuch für Hobbypsychologen die Ruhe. Die Sendezeit wurde außerdem großzügig aufgefüllt mit Material aus anderen Sendungen. So bediente sich Vox im Fall des Versandhauserben Frank Otto aus seiner Doku-Reihe „Goodbye Deutschland“; erst im März war dort zu sehen gewesen, wie Otto mit seiner 39 Jahre jüngeren Liebe Nathalie Volk probeweise auf die Seychellen auswanderte. Es sind Bilder aus dem prallen Leben. Mit Vergänglichkeit haben sie nichts zu tun.

Warum die Doku-Soapisierung der Talkshow „The Story of my Life“? Eine Erklärung ist, dass die Euphorie der Vox-Verantwortlichen (und der Verfasserin dieser Kritik) für das neue Format nicht auf das Fernsehpublikum übergegangen ist. Die dritte, noch klassische Talkausgabe mit Schauspieler Thomas Heinze und seiner Frau Jackie Brown war aus Quotensicht die bisher schwächste (2,6 Prozent Marktanteil in der Vox-Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen im Vergleich zu 5,2 Prozent bei Boris Becker). Nach der aufgepeppten Hambüchen-Folge und erst recht nach der Episode mit den Boulevard-Darlings Frank Otto und Nathalie Volk ging es wieder aufwärts (auf 3,3 Prozent).

Es scheint dann wohl doch so zu sein: Bloßes Reden über Alter und Tod ist unsexy fürs Entertainment.

19.05.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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