Team Wallraff – Reporter Undercover. Investigativ‑Format (RTL)

Enthüllung als Videoclip

„Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Esser war“, ist fraglos der bekannteste Enthüllungsjournalist Deutschlands. Seine Methode ist ebenso simpel wie effektiv, immer wieder schlüpfte Günter Wallraff in die Rolle des anonymen Ausgebeuteten. Um inkognito in einem Callcenter unterzukommen, das nur ganz junge Mitarbeiter einstellt, ließ er sich sogar mit Hilfe eines Maskenbildners erfolgreich straffen: Wallraffs Tarnungen sind so überzeugend, dass die Praxis der Verkleidung und der perfekten Anverwandlung einer Rolle fast schon aufregender erscheint als die Aufdeckung arbeitsrechtlicher Missstände.

Wallraffs Investigationen haben fraglos einen ganz eigenen Show-Wert. Deshalb verwundert es nicht, dass RTL nun mit seiner Methode der Enthüllung in Serie geht (vgl. diese FK-Kritik). Bei dem Einstundenformat „Team Wallraff – Reporter undercover“ spielt das große Chamäleon jedoch nicht mehr selbst die Hauptrolle. Wallraff ist hier der geistige Pate, dessen Methode als Markenzeichen verwendet wird – Wallraff Franchising. In seinem Auftrag gab sich RTL-Reporterin Pia Osterhaus über einen Zeitraum von acht Monaten als Zimmermädchen aus. Sie war in Grand-Hotels in Frankfurt am Main und Berlin tätig, um dort die Arbeitsbedingungen unter die Lupe zu nehmen. Dabei schließt sie auch Freundschaft mit einer rumänischen Arbeiterin, der sie, um mehr über die Hintergründe der Ausbeutung zu erfahren, ihre Identität lange Zeit verschweigt – ist so etwas moralisch integer?

Ja, das dürfe man, erklärt Günter Wallraff der jungen Reporterin am Schneidetisch. Der Zweck, so sein Argument, heilige hier die Mittel. Hätte Pia sich nämlich als Reporterin zu erkennen gegeben, so hätte die junge Rumänin mit ihr ja nicht auf Augenhöhe geredet. Im Gegensatz zu seiner Argumentation kann bei dieser Recherche Wallraffs kurzer Auftritt mehr überzeugen. Mit Hilfe einer Perücke und einer Brille verwandelt der Robert de Niro der Enthüllungsjournalisten sich ruckzuck in einen profitgierigen Hoteldirektor, der in einem fingierten Gespräch den Chef einer Reinigungsfirma dazu bringt, seine zynischen Ausbeutermethoden vor versteckter Kamera zu offenbaren. Frage: „Was ist, wenn jemand renitent ist?“ Antwort des Firmenchefs: „Der geht! Ich graule die alle raus.“

Neben Wallraffs Kurzauftritt dokumentierte der Hauptteil der Reportage Pias Undercover-Arbeit, die ebenfalls mit versteckter Kamera dokumentiert wurde. Wer hat diese Kamera eigentlich geführt? Und wo war das Aufnahmegerät versteckt? Höhepunkt der Beobachtungen ist eine Szene, in der Pia sich bei ihrer fiesen Chefin Widerworte leistet und prompt gekündigt wird – gewissermaßen live vor der Kamera: „Es war unglaublich erniedrigend“, erklärt die Reporterin im Anschlussinterview in der direkt nachfolgenden Ausgabe von Birgit Schrowanges Magazin „Extra“, wo RTL das eigene Enthüllungsformat ebenfalls zum Thema machte – Pia Osterhaus ist Mitglied des „Extra“-Redaktionsteams (auch Wallraff war natürlich in der Schrowange-Sendung dabei, in der größtenteils das, was zuvor im Film zu sehen war, eins zu eins wiederholt wurde).

War es wirklich so erniedrigend? Diese Szene hinterlässt beim Betrachter gemischte Gefühle, und das aus mehreren Gründen. Es ist sehr gut vorstellbar, wie sich ein Zimmermädchen fühlen muss, das tatsächlich, wie berichtet, für etwa 2,70 Euro pro Stunde schuften muss, dem die Hände vom Putzmittel bluten und das von einer herzlosen Chefin eiskalt auf die Straße gesetzt wird. Der Zuschauer weiß jedoch, dass die RTL-Reporterin um ihren tatsächlichen Job wahrscheinlich nicht bangen muss. Die für die Kamera ‘inszenierte’ Kündigung ist folglich nicht unproblematisch, weil man sich vorstellen kann, dass ein auf seine Arbeit angewiesenes Zimmermädchen sich in dieser Situation ganz anders verhalten hätte.

Das eigentliche Problem dieses Beitrags ist jedoch ein anders. So werden immer wieder Szenen gezeigt, in denen die Undercover-Reporterin in Hotelzimmern Betten ab- und neu beziehen oder sonstige Reinigungsarbeiten durchführen muss. Der dokumentarisch beobachtende Aspekt kommt dabei aber etwas zu kurz, zugunsten einer Überfülle inszenatorischer Momente, die das Ganze möglichst unterhaltsam gestalten sollen. Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass Enthüllungsjournalismus nicht unterhaltsam sein darf. Im Gegenteil, bei so manchem Film wünschte man sich etwas mehr Pep. Bei „Team Wallraff – Reporter Undercover“ (Produktion: Info Network) wurde jedoch ausgiebig mit Zeitrafferaufnahmen, Jump Cuts und permanent wechselnder Musikuntermalung gearbeitet. Die Sendung wirkte deshalb ein wenig wie ein Videoclip und man konnte sich auch lebhaft vorstellen, wie irgendwann ein Rapper aus dem Schrank gehüpft kommt und im ‘Türkendeutsch’ Schüttelreime über Ausbeutung vorträgt (das geschah aber dann doch nicht).

Ein Gespür für die Atmosphäre, in der Zimmermädchen tatsächlich arbeiten müssen, bekommt der Zuschauer in dieser Reportage nicht wirklich. Etwas weniger visueller Overkill und etwas mehr Beobachtungen am Stück hätten der ambitionierten Sendung gut getan, die Zustände in deutschen Oberklassehotels aufdeckte, die in der Tat schockierend sind.

• Text aus Heft Nr. 25/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

21.06.2013 – Manfred Riepe/FK

Print-Ausgabe 24/2017

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