Sven Jaax: Keine Ruhe für Genosse Lenin (Arte) / Inga Wolfram und Helga Trimpert: Die Geschichte der Krim (Arte)

Zum Oktoberrevolutionsjubiläum

07.11.2017 • Den ersten Schwerpunkt zum hundertjährigen Jubiläum der Oktoberrevolution (sie begann am 25. Oktober 1917*) hatte der deutsch-französische Sender Arte bereits am 28. Februar dieses Jahres präsentiert. Unter dem Titel „Revolution in Russland“ lief ein mehr als fünfstündiger Themenabend, eingeleitet von einer fiktiven Sondersendung unter dem Titel „Breaking News: Zar gestürzt – Revolution in Russland“. Die Sendung spielte mit der Frage, wie über die Revolution berichtet worden wäre, hätte es damals schon TV-Formate wie den ARD-„Brennpunkt“ und Berichterstattungselemente wie „Breaking News“ gegeben.

Der aktuelle Schwerpunkt zum Oktoberrevolutionsjubiläum erstreckt sich über rund einen Monat. Seit dem 25. Oktober – und noch bis zum 22. November – setzt sich Arte unter dem Titel „Russland – Revolutionen und Revolten“ sowohl in Dokumentationen als auch in Spielfilmen mit historischen Umbrüchen in dem Land auseinander. Teil dieses Schwerpunkts war am Reformationstag ein aus fünf aufeinander folgenden Filmen bestehender Programmblock. Neben einer von Arte France zugelieferten Erstausstrahlung („Lenin, Gorki – Momente einer Revolution“), einem deutsch-französischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014 („Sibirien, mein Großvater und ich“) und der am 12. Juni erstmals auf Arte gezeigten Dokumentation „Gefangen im Kreml. Die russischen First Ladies“ (produziert vom ZDF) enthielt dieser Schwerpunkt auch zwei von ARD- Sendern beigesteuerte Erstausstrahlungen: „Keine Ruhe für Genosse Lenin“ (MDR) und „Die Geschichte der Krim“ (RBB).

Die 50-minütige Dokumentation „Keine Ruhe für Genosse Lenin“ gibt einen Überblick über die heutige Rezeption des Revolutionärs und das Geschäft, das mit der Erinnerung an ihn betrieben wird – vor allem im Tourismus. Autor Sven Jaax spricht etwa mit Chinesen, die nach Kazan strömen, um dort, in der heutigen Hauptstadt der autonomen russischen Republik Tatarstan, unter anderem ein Haus zu besichtigen, in dem Lenin als junger Mann für kurze Zeit gelebt hat. Außerdem trifft Jaax einen Lenin-Doppelgänger, der unter anderem erzählt: „Bei meinen Auftritten tanze ich wie Michael Jackson.“

Allzu oft ist Jaax’ Film von einem launigen Tonfall geprägt; das beginnt bereits mit der leicht klamaukigen Verwendung des Begriffs „Genosse“ im Titel der Dokumentation. In Frankreich lief der Film übrigens unter dem nüchternen Titel „Lénin, la nostalgie d’une légende“ – wieder einmal ist diese unterschiedliche Titelgebung ein Indiz dafür, dass die französischen Arte-Verantwortlichen eine höhere Meinung von ihren Zuschauern haben als die deutschen. Das Launige kippt dann manchmal auch um ins Exotisierende – indem vermittelt wird: Sind sie nicht irgendwie drollig, diese Lenin-Fans aus China? – oder auch ins Herablassende. In einer Passage über das Lenin-Museum in Gorki und dessen Leiterin Swetlana Generalowa heißt es: „Swetlana reicht es mittlerweile, wenn ihr Wladimir wenigstens in Ruhe gelassen wird.“ Das bezieht sich auf die von der Museumsleiterin kritisierte Haltung, Wladimir Iljitsch Uljanow, wie Lenin bürgerlich hieß, die Schuld für aktuelle Missstände zu geben. Der zitierte Satz wirft die Frage auf, ob es vorstellbar wäre, dass ein hiesiger Filmemacher eine deutsche Museumsleiterin und eine einflussreiche Figur der deutschen Geschichte in einer Dokumentation nur bei ihren Vornamen nennen würde.

Wenigstens eine Passage über die russisch-orthodoxe Kirche in Lenins Geburtsstadt, die seit 1924 Uljanowsk heißt, ist nicht von dem Bemühen geprägt, dem Zuschauer ein Schmunzeln abzuringen. Der vom Autor interviewte Kirchenvertreter, der Lenin am kritischsten gegenüber stehende Gesprächspartner, fordert eine Rückbenennung in Simbirsk. Instruktiv wird Jaax’ Film am Ende, als es um die Kosten geht, die der einbalsamierte Leichnam Lenins im Moskauer Mausoleum mit sich bringt. 200.000 Euro pro Jahr seien notwendig, „um den Leichnam in guter Verfassung zu halten“, sagt der Leiter der Gerichtsmedizin an der Universität Moskau. Dass die russische Regierung der permanenten Aufbahrungsshow deswegen ein Ende macht, ist aber nicht absehbar.

Bei „Keine Ruhe für Genosse Lenin“ handelt sich zwar um eine Erstausstrahlung; produziert wurde der Film aber bereits 2016. Die redaktionelle Verantwortung für die Dokumentation hatte noch Katja Wildermuth, die im Dezember jenes Jahres vom MDR zum NDR wechselte, wo sie seitdem den Programmbereich ‘Kultur und Dokumentation’ leitet (vgl. MK-Meldung).

„Die Geschichte der Krim“, die zweite von einem ARD-Sender für den Arte-Schwerpunkt „Russland – Revolutionen und Revolten“ beigesteuerte Erstausstrahlung, ist ein die aktuelle Politik zumindest streifender Film. Seit 2014 taucht das Stichwort „Krim“ in der internationalen Berichterstattung verstärkt auf. Damals annektierte Russland die Halbinsel, nachdem sie 60 Jahre zuvor der damalige sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow innerhalb der Sowjetunion an die Ukraine „verschenkt“ hatte. Die Autorin und Regisseurin Inga Wolfram (Mitarbeit am Buch: Helga Trimpert) macht in ihrem Film deutlich, dass die Region im nördlichen Schwarzen Meer, die den meisten Westeuropäern aufgrund der jüngsten Ereignisse womöglich nur als geostrategisches Objekt geläufig ist, auf eine faszinierende Geschichte zurückblicken kann.

Die Krim ist seit Jahrtausenden geprägt von unterschiedlichen Migrationsströmen; ein Archäologe spricht im Film von einem „Schmelztiegel“. Vom archäologischen Blick auf das antike Erbe der Krim – die Basis legte eine griechische Kolonie, die sich hier vor 2500 Jahren gründete – bis zur Beschäftigung mit jenen Teilen der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die nicht zuletzt durch Deutschland mitgeprägt wurde, reicht das Spektrum des 55-minütigen Films. Auf die Besatzung der Krim durch das nationalsozialistische Deutschland geht Wolfram unter anderem im Zusammenhang mit den Karäern ein, einer jüdischen Bevölkerungsgruppe, die von der Vernichtung während der NS-Besatzung verschont blieb. Und die wertvollsten Teile der größten Weinsammlung der Welt, die hier ansässig ist, wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Osten verlegt – damit sie nicht den Deutschen in die Hände fallen.

Erwähnung finden in dem Film auch der Einfluss der Krim auf die russische Literatur und Malerei – unter anderem am Beispiel des Malers Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817 bis 1900). Zum Tragen kommen in dieser Dokumentation somit sowohl Inga Wolframs Kennerschaft der russischen Geschichte – mit der sie sich seit den 1990er Jahren in zahlreichen Dokumentationen befasst hat – wie auch ihre Erfahrung mit kunsthistorischen Themen. Ein Beispiel dafür ist der Film „Der Maler Otto Dix – Trau Deinen Augen“ (MDR 2014).

Die Dokumentation „Die Geschichte der Krim“ ist nicht frei von Schwächen. Die Erzählweise ist zuweilen etwas zu bedächtig und negativ zu Buche schlägt vor allem der Einsatz der teilweise kitschigen Musik. Die Naturbilder können ihre Wirkung nicht entfalten bzw. kommen in ihrer Schönheit nicht zum Tragen, weil die Musik die Wahrnehmung quasi verkleistert. Das ändert nichts daran, dass es sich bei diesem Film zur Krim-Historie um eine lehrreiche Gesamtdarstellung handelt, die reich ist an klug geworfenen Schlaglichtern.

*Anm.: Dieses Datum bezieht sich auf den damaligen julianischen Kalender. Nach dem heutigen gregorianischen Kalender wird der Beginn der Oktoberrevolution auf den 7. November 1917 datiert.

07.11.2017 – René Martens/MK