Stephan Lamby: Das Duell – Merkel gegen Schulz (ARD/SWR/NDR/RBB)

Verstand gegen Gefühl

21.09.2017 • So wie das von vier großen Fernsehsendern gleichzeitig live übertragene „TV-Duell“ der Spitzenkandidaten inzwischen zu einem festen Bestandteil des Bundestagswahlkampfs geworden ist, so scheint inzwischen offenbar auch eine Dokumentation von Stephan Lamby über die Kanzlerkandidaten dazuzugehören. Sie nimmt allein schon durch ihren Titel unmittelbar auf das „TV-Duell“ Bezug: Diesmal lautete er „Das Duell – Merkel gegen Schulz“, im September 2013 hatte Lambys Film den Titel „Das Duell – Merkel gegen Steinbrück“ (vgl. hierzu die Kritik in FK 38/13). Jedoch hat sich die Sendezeit von seinerzeit 45 auf heuer 60 Minuten verlängert.

In diesen Doppelporträts begleitet der Filmemacher die beiden Spitzenkandidaten über mehrere Monate hinweg mit der Kamera. Gemessen an der relativ kurzen Dauer der etwa sechswöchigen ‘heißen Phase’ eines Bundestagswahlkampfs kommt das schon einer dokumentarischen Langzeitbeobachtung nahe. Neben politischen Themen geht es darin immer auch um Persönlichkeit und Politikstil der jeweiligen Kandidaten. Jedoch sind und bleiben es Wahlkampfbeobachtungen, denen es – wenn überhaupt – immer nur für kurze Momente gelingt, hinter die Kulissen des Wahlkampfs zu blicken.

Bei der aktuellen Dokumentation über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihren Herausforderer Martin Schulz (SPD) beginnt der Beobachtungszeitraum im Januar 2017, als Schulz mit einem Wahlergebnis von 100 Prozent vom Parteitag der SPD zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde und – laut Umfrageergebnissen – auch in der Bevölkerung mit seinen politischen Botschaften große Zustimmung fand. Im Februar gelang der SPD zudem ein weiterer politischer Erfolg, indem sie mit Frank-Walter Steinmeier den eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten durchsetzte, das Steinmeier, bis dahin Außenminister, dann am 19. März von Joachim Gauck übernahem. In der folgenden Zeit jedoch verlor der SPD-Spitzenkandidat ebenso rasch wie überraschend an Zustimmung in der Bevölkerung.

Solche starken Veränderungen im politischen Klima können – rein filmisch betrachtet – als ein Glücksfall angesehen werden, weil sie gleichsam von allein bereits eine Dramaturgie liefern, die eine filmische Beobachtung von vornherein spannend macht. In dieser Hinsicht jedoch enttäuscht Lamby den Zuschauer. Denn der Filmemacher beobachtet diese Entwicklung eher wie eine Art naturgegebenes Wetterphänomen. Wer erwartet hatte, nach dem Anschauen der Dokumentation nun besser verstehen zu können, warum Martin Schulz zunächst so enthusiastisch gefeiert wurde, dann jedoch wieder schnell an allgemeiner Zustimmung verlor, wurde enttäuscht.

Ebenso verzeichnen die Beobachtungen über die politischen Aktivitäten der Gegenkandidatin, der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel, zwar Höhen und Tiefen, beschreiben Gelungenes und weniger Gelungenes, tun dies aber in einer, sagen wir mal: derart ausgewogenen Form, dass auch das von Merkel gezeichnete Bild eher statisch wirkt. Der Filmautor und Regisseur kommt dabei nicht ohne Rückgriff auf die sogenannte Flüchtlingskrise aus, obgleich Ursache und Beginn dessen, was hier damit gemeint ist (die problematische Situation Tausender Flüchtlinge im Keleti-Bahnhof von Budapest), zeitlich weit vor dem Beobachtungszeitraum liegen, nämlich im Herbst 2015.

Weil die Thematik jedoch eine große Rolle im Wahlkampf spielt, lässt sich Lamby deren Analyse durch den Journalisten Robin Alexander („Die Welt“) zuliefern, der im Frühjahr 2017 ein Buch über die deutsche Flüchtlingspolitik veröffentlicht hatte („Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik. Report aus dem Inneren der Macht“). Als weitere journalistische Beobachter werden noch Herbert Prantl („Süddeutsche Zeitung“) und Tina Hildebrandt („Die Zeit“) interviewt. Zu den interessantesten Statements gehören freilich die Aussagen der vier für den Film befragten Politiker aus der ersten Reihe – Wolfgang Schäuble (CDU), Horst Seehofer (CSU), Sigmar Gabriel und Andrea Nahles (beide SPD) –, die hier alle sehr offen sprechen. Da besteht anscheinend ein großes Vertrauen gegenüber dem Filmemacher, der ja bereits durch viele Dokumentationen aus dem und über den inneren Zirkel der Macht im politischen Deutschland von sich reden gemacht hat.

Es gibt eine Rückblende, die den Lebenslauf von Martin Schulz rekapituliert, jedoch keine vergleichbare über Angela Merkel. Bei ihr allerdings zieht Lamby einen bemerkenswerten biografischen Vergleich: Er erinnert an das Jahr 1999, als Merkel im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre offen mit Kanzler Helmut Kohl bricht und sie diesen, so Lamby, „kühl kalkulierten“ Bruch in einer Parteitagsrede mit der Forderung besiegelte, es komme nun darauf an, „unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen“. Dieser Rede stellt der Filmemacher den Auftritt Merkels als Gastrednerin beider CSU in einem Münchner Bierzelt im Mai 2017 gegenüber, bei dem sie sich von US-Präsident Donald Trump distanzierte und ihren Zuhörern die Schlussfolgerung, dass man künftig „das Schicksal in die eigene Hand nehmen“ müsse. Das sei in beiden Fällen als eine „Emanzipationsgeschichte“ zu deuten, darf Robin Alexander diese Szenen in der Dokumentation kommentieren, nämlich als eine Entwicklung hin zu mehr Unabhängigkeit von Vorbildern wie Kohl und den USA.

Wichtig ist Stephan Lamby aber vor allem ein Gegensatzpaar, das er als besonders auffälliges Unterscheidungsmerkmal der beiden Spitzenkandidaten des Bundestagswahlkampfs 2017 benennt: Er setzt Taktik (bei Merkel) gegen Emotion (bei Schulz), die kühl kalkulierende Machtpolitikerin gegen den leidenschaftlich politisch Engagierten. Eine solche Engführung seines Doppelporträts auf diesen Gegensatz von Verstand und Gefühl ist dann doch ein eher dürftiges Ergebnis des Films (1,52 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,2 Prozent). Es wirkt beinahe so, als spräche hier der Filmautor von seinem eigenen Gefühl, das er im positiven Sinne für den einen hegt, und seinem eigenen Verstand, der positiv für die andere spricht. Immerhin ist es bemerkenswert, dass hier entgegen den üblichen Klischees nicht der weiblichen, sondern der männlichen Person der Part des Gefühls zugewiesen wird.

21.09.2017 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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