Stefan Dähnert/Urs Egger: Gotthard. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Unterhaltungsfernsehen mit zeitkritischen Tönen

Das Schreiben über Fernsehserien ist zu einer Art Volkssport geworden. Als Folge dessen kursieren Missverständnisse, Irrtümer und vollmundig servierte Falschmeldungen bis hin zu vorlautem Unfug in der Art von „Fernsehen ist das neue Kino“. Unfug deshalb, weil die Medien Kino und Fernsehen auch künftighin eigenen Gesetzen folgen. Und weil hier eine Auffassung von Programmgeschichte anscheint, die schlicht den Tatsachen nicht entspricht. Denn Verzahnungen von Kino und Fernsehen gab es immer. Sie waren unternehmerischer, finanzieller, personeller Natur; auch Inhalte wurden ausgetauscht.

Das Fernsehen war schon in den 1960er Jahren zwar nicht im selben Umfang wie heute, aber zumindest partiell durchaus in der Lage, Schauwerte nach damaligem Standard zu liefern. In Westdeutschland gelang dies beispielsweise dem ZDF mit seinen legendären Weihnachtsmehrteilern, anfangs Adaptionen bekannter Abenteuerromane wie „Die Schatzinsel“, „Der Seewolf“, „Cagliostro“. Aufwändige, an Außenschauplätzen gedrehte Produktionen, die sich der hohen Kosten wegen nur in Kooperation mit anderen Sendeanstalten realisieren ließen, dann aber auch international erfolgreich waren.

In gewisser Weise schließt der Historien-Zweiteiler „Gotthard“ (Produktion: Zodiac Pictures und Wilma Film) an diese Tradition an. Initiiert wurde das Projekt von der öffentlich-rechtlichen Anstalt Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), beteiligt waren die SRF-Regionalanstalten RSI (italienischsprachig) und RTS (französischsprachig), der Österreichische Rundfunk (ORF) und aus Deutschland das ZDF. Die Kosten für das Projekt beliefen sich Medienberichten zufolge auf insgesamt 11 Mio Franken (10,24 Mio Euro), von denen das SRF mit 5,73 Mio Franken (5,32 Mo Euro) etwas mehr als die Hälfte trug. Der Betrag ist der höchste, den das Schweizer Fernsehen jemals in einen Film investierte.

Ihren Anlass fand die Produktion in der Fertigstellung des neuen Gotthard-Basistunnels, der im Juni 2016 plangemäß eröffnet werden konnte und nach einer halbjährigen Probephase am 11. Dezember für den fahrplanmäßigen Zugverkehr in Betrieb genommen wurde. Die als „Jahrhundertbauwerk“ gepriesene Alpen-Unterführung hat einen Vorläufer im Gotthard-Tunnel, um den es in dem Zweiteiler geht. Dieser Tunnel wurde zwischen 1872 und 1880 durch das Gebirgsmassiv getrieben – eine Pionierleistung, aber anders als der Neubau, von Verzögerungen, Rückschlägen, Katastrophen und skandalösen Umständen begleitet.

Das ist ein praller Stoff für einen großen Unterhaltungsfilm mit einer Erzählhaltung, die tatsächlich an die schon genannten frühen ZDF-Mehrteiler erinnert. Bereits die Autoren von deren Vorlagen wie Robert Louis Stevenson und Jack London wählten die populäre Form des Abenteuerromans, nutzten aber die Genre-Spielregeln, um beispielsweise von den harten Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Hochsee-Schifffahrt zu erzählen oder von den Drangsalen, denen sich in den USA die bitterarmen Hobos ausgesetzt sahen. Ganz ähnlich verfährt „Gotthard“-Autor Stefan Dähnert, der das Drehbuch auf Basis einer Geschichte von Niklaus Hilber und Patrick Tönz verfasste, indem er publikumswirksame, bewährte Erzählmuster zur Grundlage seiner Geschichte macht. In Filmen wie diesen fast schon zur Konvention geworden ist das Dreiecksverhältnis, bei dem sich eine Frau, hier die Fuhrhaltertochter Anna Tresch (Miriam Stein), zwischen zwei Männern entscheiden muss. Da klingt schon mal sacht Truffauts „Jules und Jim“ an, wenn Anna mit ihren Logiergästen Maximilian Bühl (Maxim Mehmet) und Tommaso Lazzaroni (Pasquale Aleardi) Freundschaft schließt, nach einigen harmlosen Albereien im Zimmer der beiden Logiergäste in der unschuldigsten Art zwischen den beiden zu liegen kommt und dort einschläft. Eine im Hinblick auf die Geschlechterbeziehungen des 19. Jahrhunderts wohl anachronistische, aber schön anzusehende Leichtigkeit.

Maximilian ist ein angehender Ingenieur, den eine unglückliche Liebesgeschichte und mehr noch das Interesse an der modernen Technik auf die Baustelle im Schweizer Göschenen getrieben haben. Der Italiener Tommaso hofft auf eine Anstellung als Mineur. Eine Zeitlang verlaufen die Wege der beiden Männer parallel. Später macht Maximilian innerhalb der Baugesellschaft Karriere, während sich der politisch engagierte Tommaso für eine Verbesserung der katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzt. In einem dramatischen Höhepunkt stehen sich die Freunde als Widersacher gegenüber, prügeln gar aufeinander ein. Am Ende werden sie wieder zusammenfinden und als Freunde scheiden.

Anna hat von Anfang an Maximilian im Auge, aber der wird von seinem Arbeitgeber nach Luzern berufen. In zwischenmenschlichen Belangen gänzlich unbeholfen, weiß der junge Unternehmerssohn nicht, wie er sich Annas Liebe sichern soll. Anna ist enttäuscht, zögert aber nicht lange und bittet Tommaso, sie zu heiraten. Eine pragmatische Entscheidung. Sie braucht den Trauschein, weil sie als alleinstehende Frau kein Unternehmen führen darf. Die Konzession der Fuhrhalterei, die sie von ihrem Vater übernommen hat, würde verfallen. Tommaso weiß, dass er nur die zweite Wahl darstellt, willigt aber ein, zumal ihm die Ehe das Aufenthaltsrecht in der Schweiz sichert.

Maximilian und Tommaso markieren die Gegenpole der Erzählung. Dabei ist Maximilian der fortschrittsgläubige Idealist, der nur halbherzig zur Kenntnis nimmt, welche furchtbaren Opfer der Tunnelbau kostet. Die Arbeiter sterben bei Wassereinbrüchen, bei Sprengungen, an der schlechten Luft und den Krankheiten, die sie sich wegen der katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Quartieren zuziehen. Tommaso auf der anderen Seite ist der Protagonist, der den gequälten, wie Sklaven gehaltenen Lohnabhängigen eine Stimme verleiht. Was keine Selbstverständlichkeit ist, denn Aufrührertum ist gesetzlich verboten und wird von Gendarmen und Armee gewaltsam niedergeschlagen. Auch das kostet Menschenleben, wenn die Arbeiter angesichts der mörderischen Arbeitsbedingungen streiken und von Soldaten zusammengeschossen werden.

Etwas zu wohlmeinend verfahren Autor Stefan Dähnert und Regisseur Urs Egger mit Louis Favre (Carlos Leal), jenem Unternehmer, der mit seiner Firma Entreprise du Tunnel du Gothard L. Favre & Cie. den Tunnel im Auftrag der Gotthardbahngesellschaft bauen sollte. Im Film ist er ein Visionär, der für seine Leidenschaft lebt. Damit ist er eine beinahe romantische Figur. Scheinbar dringt gar nicht zu ihm vor, dass sein Drängen auf rascheren Tunnelvortrieb Verletzte und Tote fordert. Die Schurkenrollen schreibt Dähnert den mittleren Angestellten zu, dem Bauleiter (Joachim Król), dem Bauzeichner (Max Simonischek) und dem Landjäger (Roeland Wiesnekker). Louis Favre und die hinter ihm stehenden Geldgeber werden damit in der filmischen Darstellung von ihren Verbrechen entlastet.

Die persönlichen Dramen in den zweimal 90 Minuten Film – eine der Nebenhandlungen betrifft das Schicksal der alleinerziehenden Kellnerin und Gelegenheitsprostituierten Lina (Marie Bäumer) – entfalten sich vor imposanten Kulissen. An den Effekten wurde nicht gespart. Da gibt es ein Wettrennen zwischen Dampflok und Pferdekutsche, hautnah gefilmte Einstürze und Explosionen im Tunnel und, ein kleiner Leckerbissen für Kinokenner, eine unverkennbare Anlehnung – oder Hommage – an Henri-Georges Clouzots Klassiker „Lohn der Angst“ (1953), wenn Maximilian, Anna und ihr Onkel hochexplosiven Sprengstoff mit Pferdekutschen über unbefestigte Gebirgsstraßen zur Baustelle transportieren. Zwar ist nicht schwer zu erraten, wer die gefährliche Fahrt nicht überleben wird – aber es ist dennoch eine spannende Sequenz.

Der Zweiteiler „Gotthard“ ist eine an die realen Ereignisse angelehnte, gezielt auf Unterhaltungswert getrimmte Abenteuergeschichte. Geprägt von deutlich trivialen Mustern, erlaubt die populäre Form doch auch die Einbettung zeitkritischer Töne. Trotz erkennbarer Konzessionen an den Publikumsgeschmack – auch in der Sprache – werden das zeitgenössische Elend und die brutale Unterdrückung der Arbeiter, die Rechtlosigkeit der Frauen, Armut und Ausbeutung wahrnehmbar. Kein Vergleich mit einem historisch streng akkuraten Doku-Drama, das bei realistischer Darstellung vor allem der Arbeiterunterkünfte, die schlimmer als Viehställe gewesen sein sollen, sehr viel unappetitlicher und damit wenig weihnachtlich hätte ausfallen müssen. Aber das wäre dann ja auch ein anderes Genre.

29.12.2016 – Harald Keller/MK