Rolf Basedow/Dominik Graf: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (ARD/WDR)

Vielversprechende Vorstellung

Ein ungewöhnlicher Sendeplatz, eine ungewöhnliche Sendelänge und ein ungewöhnlicher Film, der vom Titel her nach einer Reihe klingt, was es aber noch nicht ist.

Dass der Film „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“, den Rolf Basedow schrieb und den Dominik Graf inszenierte, ausgerechnet an einem Samstagabend zur Primetime lief, war deshalb ungewöhnlich, weil dieser Sendeplatz normalerweise eben für die bunte Samstagsabendunterhaltung vorgesehen ist – eine weiterhin schreckensreiche Einrichtung, zu der im Ersten ein harmloser Allgemeinmediziner wie Eckard von Hirschhausen noch harmlosere Scherze beisteuert oder für die ein professioneller Karnevalist wie Guido Cantz mal eben den tumben, da schwarzen Toren spielt.

An einem solchen Termin nun einen actionreichen Kriminalfilm auszustrahlen, war also wirklich ungewöhnlich. Und siehe da, das Wagnis ging auf. Es gibt tatsächlich Zuschauer, die an einem solchen Abend nicht sediert werden wollen, sondern die wach und aufmerksam einer nicht einfachen Geschichte folgen und selbst Passagen, in denen mehr Rumänisch als Deutsch gesprochen wird.

Mit knapp zwei Stunden dauerte der von der Firma Wiedemann & Berg produzierte Film deutlich länger als jene Normzeit von 90 Minuten, auf die sich das deutsche Fernsehen irgendwann in den 1990er Jahren eingeschworen hat. Das Mehr an Zeit brauchte der Film allerdings auch, denn so konnte er souverän die unterschiedlichsten Tempi miteinander verbinden. Es fing hektisch an, als die Flucht von zwei verurteilten Verbrechern aus einem nordrhein-westfälischen Gefängnis eine nervöse Betriebsamkeit auf den Ebenen von Polizei, Justiz und Politik auslöste. Wie Dominik Graf hier die Kommunikationsebenen miteinander verschaltete, die Erzählung von Flucht und Fahndung enorm beschleunigte, um das Geschehen dann beim Zugriff in einem mittleren Desaster für alle Beteiligten enden zu lassen, das bewies einmal mehr, dass er der beste deutsche Krimi-Regisseur ist.

Nebenbei hatte er in der temporeichen Anfangshandlung seine Protagonisten Sven Schröder (Ronald Zehrfeld) und Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) mit ihren Stärken und Schwächen vorgestellt. Andere Regisseure brauchen dafür umständliche Dialog- und Erklärszenen, was Graf gleichsam nebenbei erledigt. Stauchte Graf in den ersten zwanzig Minuten enorm die Erzählzeit, dehnt er sie später, als die Zielfahnder Schröder und Landauer auf der Suche nach dem Entflohenen in einem rumänischen Dorf an einer Hochzeit teilnehmen, fast bis zur Echtzeit. Hier gewinnt der Film eine bukolische Ruhe, um dann am Ende wieder im Tempo anzuziehen. Es liegt also nicht nur an der ungewöhnlichen Geschichte um die Zielfahnder, die auch im Ausland arbeiten – allerdings im Zusammenspiel mit lokalen Polizeieinheiten und ohne Waffen –, dass man dieser filmischen Erzählung gespannt folgte, sondern auch an dieser geschickten Tempoveränderung.

Doch damit nicht genug: Wie das Tempo wechselte Graf in diesem Film mehrfach das Genre. So durchziehen den Film so viele One-Liner, dass man sich phasenweise in einer Komödie wähnt. Und am Ende, als in den Bergen der Karpaten eine Polizeieinheit zu Pferde auftaucht, hat der Film etwas von einem Western an sich (den Dominik Graf bis heute noch nicht gedreht hat). Diese Genrewechsel wirkten allerdings nie – wie in manchen „Tatort“-Folgen anderer Regisseure – manieriert, sondern sie beruhten auf der Logik einer Handlung, die Rolf Basedow mit viel Geschick und auf der Basis langer Recherchen entwickelt hatte, erschienen also irgendwie konsequent.

Ulrike C. Tscharre und Ronald Zehrfeld überzeugen als Zielfahnder-Duo. Ihnen nimmt man die kleinen Tricks und Lügen ab, mit denen sie sich durch den Alltag hangeln. Ihre persönlichen Probleme scheinen sie aber nicht an ihrer Arbeit zu hindern, auch wenn sich erst sehr spät auch noch herausstellte, dass die Zielfahnderin Landauer nicht nur ihren Kollegen Schröder und ihre Vorgesetzten, sondern auch die Zuschauer belogen hatte. Ein polizeilicher Zugriff, der misslang, war in Wirklichkeit anders verlaufen, als ihn die Beamtin geschildert hatte.

Doch Landauer steht mit ihren Lügen nicht allein da. Auch der Landesjustizminister muss einräumen, dass er über eine Mitarbeiterin, mit der eine Beziehung unterhielt, indirekt Mithilfe zur Flucht der beiden Gefangenen geleistet hatte. In Rumänien ist es genau umgekehrt: Dort entpuppen sich diejenigen Polizisten, die korrupt erscheinen, als diejenigen, die ihren Aufgaben ohne Fehl und Tadel nachgehen. Und der dortige Chef der Polizeieinheit, der sich über lange Strecken jedes Wort der deutschen Fahnder ins Rumänische übersetzen lässt, erweist sich nach gewisser Zeit als jemand, der perfekt Deutsch spricht. Kein Wunder, dass am Ende der Verbrecher, der hier gejagt wurde, der deutschen Ermittlerin das Leben rettet, kurz bevor er von der berittenen Einheit der rumänischen Polizei erschossen wird.

Ungewöhnlich ist der Film nicht zuletzt, weil er wie der Pilot einer Fernsehfilmreihe anmutet. Das Konzept der Zielfahnder ist schlüssig, um weitere Folgen auf dieser Basis zu entwickeln. Die Figuren und ihre Darsteller sind stark, so dass man sie in weiteren Fällen erleben und auch erfahren möchte, wie es mit ihnen, ihren privaten Problemen und ihren Polizeikarrieren weitergeht. Und die Vorstellung, in Reihenkrimis nicht nur die klassischen Touristenorte in Europa als bekannte Postkartenkulissen zu erleben, ist so vielversprechend, dass die ARD einfach nicht anders kann, als „Zielfahnder“ fortzusetzen. Die Einschaltquote von 5,03 Mio Zuschauern (Marktanteil: 16,3 Prozent) für die „Flucht in die Karpaten“ spricht eine ähnlich klare Sprache.

30.11.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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